29.03.2020 - 11:43 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kirche findet jetzt im Wohnzimmer statt

In Krisenzeiten ist der Glaube gefragt. Der Tirschenreuther Stadtpfarrer und Regionaldekan Georg Flierl sowie Pfarrerin Stefanie Schön geben in der Coronakrise Zuspruch über die Homepage und mit Glockengeläut.

Regionaldekan Georg Flierl möchte die Gläubigen mit täglichem Glockenläuten und einer Kerze in den Fenstern zum gemeinsamen Glaubensgebet abholen.
von Ulla Britta BaumerProfil

In Krisenzeiten ist der Glaube gefragt. Der Tirschenreuther Stadtpfarrer und Regionaldekan Georg Flierl sowie Pfarrerin Stefanie Schön geben in der Coronakrise Zuspruch über die Homepage und mit Glockengeläut.

"Angedacht - Gott schenkt Leben" heißt die Überschrift eines Textes, den Pfarrerin Stefanie Schön über die Kirche auf die Homepage der Evangelischen Gemeinde gestellt hat. Die Erlöserkirche ist zu, wie auch ihre große katholische Kollegin "Mariä Himmelfahrt". Pfarrerin Schön hatte in diesen Tagen ein Beerdigung. "Das war nicht schön. Wir konnten ihn nur im engsten Familienkreis und mit dem erforderlichen Abstand verabschieden", sagt sie. Sie habe die Person erst eine Woche vorher im Gottesdienst getroffen. Innerhalb weniger Tage sei er verstorben.

Soziale Kontakte übers Telefon

Pfarrerin Schön ist momentan selber in Quarantäne und sagt eindringlich, dass die Leute unbedingt die Vorschriften ernst nehmen sollen. Von zu Hause aus verrichtet sie ihre Seelsorge. Und sie sei telefonisch erreichbar, beteuert sie. Die Gläubigen der Evangelischen Gemeinde bekämen Gebetsvorschläge für zu Hause über die Homepage, weil keine Gottesdienste mehr stattfinden, erzählt sie von ihrer nun im persönlichen Kontakt eingeschränkten Seelsorge. Das sei zum Innehalten im Familienkreis gedacht.

Im Gespräch mit den Gläubigen habe Schön sehr unterschiedliche Reaktionen bemerkt, von sehr besorgt bis sorglos. Die Pfarrerin bittet die Menschen eindringlich, die Anweisungen wirklich ernst zu nehmen und unbedingt Abstand zu älteren Angehörigen zu wahren. "Das geht so schnell", sagt sie im Hinblick auf ihre eigenen Erlebnisse. Der soziale Kontakt übers Telefon sei jetzt wichtig, und der Trost über das Gebet.

Für die kleinen Gemeindemitbürger hat Stefanie Schön einen Kindergottesdienst auf Youtube auf die Homepage gestellt. Es werden Einkaufshilfen angeboten. Zuversicht und Vertrauen will sie vermitteln. Sie denkt an das Osterfest. Die Auferstehung des Gottessohnes sei eine Grundbotschaft an alle Christen. "Nach jeder Krise geht es wieder aufwärts, kommt Positives", so die Pfarrerin.

"Wie ein Fisch auf dem Trockenen"

"Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen", beschreibt Stadtpfarrer Georg Flierl den urplötzlichen Stillstand seiner Pfarrei. Der Regionaldekan bedauert das jähe Ende der "Impulstage" im Rahmen der Gemeindemission. Keine Gottesdienste, keine Pfarrgemeinderatssitzung, kein Religionsunterricht: vieles bleibe liegen.

Er sei nur zu Beerdigungen und Krankensalbungen unterwegs. Bei Beichten hofft Flierl auf eine Erlaubnis der Diözese zu einer telefonischen Möglichkeit. Die Frage, ob mehr Gläubige in der Krise die Nähe zum Seelsorger suchen, verneint der Pfarrer. Den Grund vermutet er in der Natur des Menschen. "Was uns Angst macht, darüber reden wir nicht gern." Die Kirche sei nach wie vor geöffnet, lädt der Pfarrer zum Gespräch mit Gott ein, auch ohne Gottesdienst. "Es ist genug Platz, man kann auf Abstand gehen."

Bisher nicht eingestellt worden sei die "Ewige Anbetung". Erste Lücken wegen Ausfällen unter den Anbetern habe man mit Vertretungen schließen können. "Das machen viele ältere Menschen. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie nicht mehr rausgehen wollen." Flierl hat in Anlehnung an das 21-Uhr-Gebet von Papst Franziskus das tägliche 21-Uhr-Läuten der Glocken von "Mariä Himmelfahrt" eingeführt. "Ich und der Kaplan sind um diese Zeit in der Kirche." Die Gläubigen könnten die Stunde nutzen für eine kleine Andacht daheim. Als Zeichen einer solidarischen Glaubensgemeinschaft könnte jeder eine Kerze in dieser Zeit ins Fenster stellen. Ob die Krise langfristig die Menschen verändern kann, bezweifelt der Pfarrer. Sicherlich gebe sie aber Denkanstöße.

Es wird mehr gebetet

Flierl ist sich aber sicher, dass jetzt mehr gebetet wird. Und vielleicht könnte die Krise bei einigen den Glauben wieder festigen. "Obwohl ich mir natürlich wünschen würde, dass dies auch ohne Krise so ist." Für die Wirtschaft hofft Flierl auf ein Umdenken. Es seien zum Beispiel die globalen Lieferketten zu überdenken, die abhängig machen. Er selbst verspüre keine Angst. Eine gewisse Sorge, auch um seine eigene Person, sei aber gewiss da.

Viel mehr sorgt sich der Geistliche allerdings um die Schwächsten in der globalen Gesellschaft, die es am Härtesten treffe. Er sehe, mit welcher Geschwindigkeit sich die Krise ausbreite und wie sie auch in Deutschland viele in finanzielle Nöte stürze. Pfarrer Flierl gibt den Gläubigen das Gebet als Mittel zum Trost mit auf den Weg. Er und Kaplan Daniel Fenk seien jederzeit erreichbar für alle, die über die Krise sprechen wollen.

Die Katholische Pfarrei Tirschenreuth ist per Telefon erreichbar, 09631/300 713 (Pfarrer Flierl) oder 09631/300 714 (Kaplan). Das Evangelische Pfarramt Tirschenreuth kann über die Homepage erreicht werden.

Pfarrerin Stefanie Schön möchte die Gemeindemitglieder mit der Osterbotschaft trösten. Wo Finsternis sei, komme wieder Licht.
Jeden Abend um 21 Uhr läuten die Glocken der Pfarrkirche "Mariä Himmelfahrt" nun zum Gebet. Damit will Regionaldekan und Stadtpfarrer Georg Flierl seine Gläubigen erreichen und trösten in Zeiten des eingeschränkten Ausgangs. Die Kirche ist übrigens trotz der abgesagten Gottesdienste geöffnet. Die Gläubigen dürfen gern reinkommen und beten.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.