08.01.2021 - 17:34 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kliniken AG: Überleben nur als echter Verbund

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Wie stellt sich die Klinken Nordoberpfalz AG künftig strategisch auf? Und wie schaut dies konkret im Landkreis Tirschenreuth aus? Vorstand Dr. Thomas Egginger, Professor Karl-Heinz Dietl und Bürgermeister Franz Stahl nehmen Stellung.

Im Krankenhaus Tirschenreuth wurden 2020 rund 12.800 Patienten behandelt.
von Martin Maier Kontakt Profil

Hinter der Klinken Nordoberpfalz AG liegen turbulente Zeiten. Seit sich die drei Gesellschafter (Landkreise Tirschenreuth, Neustadt und Stadt Weiden) im November 2020 auf eine Drittelung der Anteile geeinigt und weiteres Geld in die Hand genommen haben, hoffen die Verantwortlichen auf etwas mehr Ruhe. Aber das Umsetzen des Sanierungskonzepts sorgt immer wieder für Fragen. Jüngstes Beispiel: Seit Anfang Januar gibt es am Krankenhaus Tirschenreuth mit Dr. Thomas Neubauer-Gartzke einen weiteren standortübergreifenden Chefarzt. Er leitet die Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie, Handchirurgie und Sportmedizin. In dieser Funktion ist er auch im Klinikum in Weiden tätig.

Wie Vorstand Dr. Thomas Egginger im Gespräch mit Oberpfalz-Medien betont, gehört dies zur neuen Unternehmensstrategie der standortübergreifenden Versorgung. „Wir müssen noch mehr erklären, warum wir diese Schritte gehen“, nimmt er Bezug zu einem Leserbrief im „Neuen Tag“. Dort schrieb der ehemalige Hausarzt Bernhard Person, das Krankenhaus in Tirschenreuth werde „demontiert“.

Angebote verzahnen

Dem tritt Egginger entgegen. Im Mittelpunkt stehe die bedarfsgerechte Versorgung für die gesamte Nordoberpfalz. „Wir haben uns gelöst, alles lokal zu sehen.“ Die Rahmenbedingungen dazu gebe die große Politik vor. Sie forciere eine Reduzierung der Zahl der Krankenhäuser zugunsten weniger und größerer Zentren. Als Hebel würden hier vor allem Qualitätsanforderungen und die Wirtschaftlichkeit genutzt.

Die neue Strategie der Kliniken AG erfolge in einer Verzahnung von ambulanter Versorgung, stationärer Grund-/Regelversorgung und Schwerpunktversorgung, die inhaltlich in vielen Bereichen eine Maximalversorgung anbiete. „Wir haben ein medizinisches Angebot geschaffen, das sich viele andere Regionen in Deutschland sehnlichst wünschen würden“, sieht der Vorstand sein Haus auf dem richtigen Weg.

Nicht alles überall

Dazu gehöre auch der Blick von oben auf die Region, verbunden mit der Frage: „Was brauche ich für die Bevölkerung und wo ist dieses Angebot am Besten aufgehoben?“ Die drei Häuser in Weiden, Tirschenreuth und Kemnath seien als ein großer Versorgungscluster zu sehen. Dies stelle die Grundlage dar, auf der entschieden werde, welche medizinische Versorgung an den einzelnen Standorten angeboten wird. „Dies ist aber nur umsetzbar, wenn die lokalen und lokalpolitischen Kleinst-Interessen überwunden werden und in größeren Dimensionen gedacht wird“, so Egginger. Es sei klar, dass nicht alles an allen Standorten angeboten werden könne.

Professor Dr. Karl-Heinz Dietl, stellvertretender Medizinischer Direktor, unterstreicht dies mit einem konkreten Beispiel. Dazu nimmt der Chefarzt der standortübergreifenden Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie die Ausgangslage der Allgemeinchirurgie im Landkreis Tirschenreuth vor 2019: Nur jeder siebte Patient mit einer allgemeinchirurgischen Erkrankung sei zur Behandlung in die Kreisstadt gekommen, was einer Abdeckung von 16 Prozent entspreche.

Die Folgen seien ein geringes Patientenaufkommen sowie ein kleines Ärzteteam gewesen, das im Urlaubs- oder Krankheitsfall oft durch Personal aus dem Klinikum Weiden oder Honorarärzte vertreten wurde. „Beide Faktoren führten dazu, dass sich die Allgemeinchirurgie am Standort Tirschenreuth als unwirtschaftlich herauskristallisierte“, fasst Dietl zusammen.

Immer mehr ambulante OPs

Für den Mediziner steht fest: „In der Region liegt eine gute Grund- und Regelversorgung am Krankenhaus Tirschenreuth vor.“ Als Beispiele nennt er die Bereiche Allgemeinchirurgie, Unfallchirurgie und interventionelle Radiologie. Im Gegenzug gehöre aber das bisherige Angebot der speziellen Orthopädie nicht zur Grund-, sondern zur überregionalen Versorgung.

Der Professor ist sich sicher, dass kleinere Häuser wie Tirschenreuth und Kemnath in den kommenden Jahren nur in einem starken Verbund überleben können. Damit verbunden sei auch das Gewinnen von guten Assistenz- und Oberärzten. Diese würden großen Wert auf umfangreiche Weiterbildungsangebote legen und diese seien nur in einem engen Miteinander möglich.

Ein weiterer Aspekt, den Dietl nennt: Das bisherige OP-Spektrum werde zunehmend ambulant erbracht. Durch die Zentrenbildung und Mindestmengenregelung werde es ohne die Clusterbildung Kemnath-Tirschenreuth-Weiden unmöglich sein, höherwertige Leistungen wie kolorektale-, Leber- und Pankreaschirurgie in einem kleinen Haus ohne Anbindung an ein Zentrum zu erbringen. Sein Fazit: Gute medizinische Qualität und Wirtschaftlichkeit könne dauerhaft nur durch eine gute Auslastung der Teams und der Kapazitäten erreicht werden. „Das bedeutet, dass Tirschenreuth Weiden ebenso braucht wie Weiden Tirschenreuth – und für das Krankenhaus Kemnath gilt dies ebenso.“ Aber es würde noch immer Ewiggestrige geben, die „das nicht kapieren“.

Auslastung verdoppelt

In der Kreisstadt seien schon viele zukunftsweisende Schritte unternommen worden. Als elementar sieht er den Ausbau der standortübergreifenden Versorgung in den Bereichen interventioneller Radiologie (Konzernradiologie), Gastroenterologie, Unfallchirurgie und Viszeralchirurgie. In der Allgemeinchirurgie seien in den covidfreien Monaten des Jahres 2020 bereits die ersten Erfolge zu verzeichnen gewesen. Die Auslastung habe sich im Vergleich zu früheren Jahren in etwa verdoppelt. Dietl selber fühle sich in Tirschenreuth als Arzt sehr wohl. „Sonst hätte ich das nicht gemacht.“

Auch Bürgermeister Franz Stahl ist von der Strategie überzeugt. „Ich habe erstmals das gute Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt der langjährige Aufsichtsrat. Alle würden mittlerweile an einem Strang ziehen. Die Klinken AG sei als eine Einheit zu sehen, auch wirtschaftlich. Das werde damit unterstrichen, dass die Kommunen schon sehr viel Geld in die Hand genommen haben. Und dabei sei auch schon sehr viel in den Standort Tirschenreuth investiert worden. „Wir werden nicht schlechter behandelt als Weiden“, stellt der Rathauschef klar.

Geburtshilfe nicht "im Feuer"

Am Herzen liegt ihm auch die Geburtshilfe in der Kreisstadt, die momentan wegen der Corona-Einschränkungen geschlossen ist. „Diese öffnen wir natürlich wieder. Sie steht nicht im Feuer“, widerspricht Egginger immer wieder aufkommenden Gerüchten einer Schließung. Die momentane Covid-19-Lage in den Häusern der AG bezeichnet der Vorstand als stabil. „Ich glaube schon, dass wir durchhalten.“ Aber er macht auch deutlich: „Das Personal arbeitet am Limit.“

Situation in Kemnath

Als wichtigen Eckpfeiler im Verbund bezeichnet Egginger das Krankenhaus Kemnath. Der Schwerpunkt liege hier – neben der Grund- und Regelversorgung mit der Inneren Medizin und Chirurgie – vor allem in der Behandlung von Wirbelsäulen- und Gelenkserkrankungen, die einer endoprothetischen Versorgung bedürfen. Das werde durch eine enge Zusammenarbeit mit starken Kooperationspartnern gewährleistet. Die Auslastung sei grundsätzlich als positiv zu bewerten. Derzeit würden vor Ort ausschließlich Corona-negative Patienten behandelt.

Situation in Erbendorf

Und auch die geriatrische Rehabilitationsklinik in Erbendorf genieße seit Jahren laut Klinken-Pressesprecher Michael Reindl einen „außerordentlich guten Ruf“. Insgesamt stehen 80 Betten zur Verfügung, die Auslastung sei dabei in den Vorjahren immer in einem überdurchschnittlich hohen Bereich gelegen. Grundsätzlich würden aktuell keine Beschlüsse der Geschäftsführung oder des Aufsichtsrates bezüglich einer möglichen Schließung der Geriatrie bestehen, widersprechen die Verantwortlichen immer wieder auftauchenden Gerüchten.

Kommentar:

Kredit für Vorstand und Aufsichtsrat

Personelle Veränderungen sorgen immer wieder für Diskussionen. So auch am Krankenhaus Tirschenreuth im Bereich der Unfallchirurgie. Die bisherige Chefärztin PD Dr. Alexandra Barthmann hat die Kliniken AG verlassen. Ihr Nachfolger ist Dr. Thomas Neubauer-Gartzke. „Es war ihre eigene Entscheidung. Sie war sehr wertvoll. Wir hätten sie gerne behalten“, betont stellvertretender Medizinischer Direktor Karl-Heinz Dietl. Durch die neue Unternehmensstrategie habe sie ihren eigentlichen Platz mit der speziellen Orthopädie aber nicht mehr im Unternehmen gesehen.
Dieser Schritt zeigt exemplarisch, dass die Verantwortlichen der Kliniken AG die künftige Ausrichtung mit der standortübergreifenden Versorgung konsequent umsetzen. Die von der großen Politik vorgegebenen Leitplanken lassen kaum einen anderen Weg zu, um wirtschaftlich und strukturell als Verbund in kommunaler Hand überleben zu können. Vorstand und Aufsichtsrat haben daher auch einen gewissen Kredit von den Bürgern verdient, ihr Konzept umsetzen zu dürfen. Wichtig ist, dass weiterhin die Grund- und Regelversorgung gesichert sind. So schmerzhaft das Ende des Krankenhauses Waldsassen war, mit zwei Krankenhäusern ist der kleine Landkreis Tirschenreuth noch immer gut aufgestellt. Vor allem wenn man die Situation mit anderen Kreisen in ganz Deutschland vergleicht.

Von Martin Maier

Hintergrund:

Krankenhaus Tirschenreuth

  • Betten: 145
  • Patienten im Jahr 2020: rund 12.800
  • Mitarbeiter (in Köpfen): 338
  • Fachabteilungen: Allgemein- und Viszeralchirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Innere Medizin, Akutgeriatrie, Unfallchirurgie/Orthopädie/Handchirurgie/Sportmedizin, Anästhesie/Intensivmedizin
Hintergrund:

Krankenhaus Kemnath

  • Betten: 100
  • Patienten im Jahr 2020: rund 7.700
  • Mitarbeiter (in Köpfen): 220
  • Fachabteilungen: Chirurgie, Innere Medizin, MedCenter, Dr. Kampe (Belegarzt für Orthopädie)

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