Ein Hauch von Sensation lag schon vor zwei Wochen in der Luft. Amtsinhaber Roland Grillmeier (CSU) traf im ersten Wahlgang auf fünf Herausforderer und musste sich mit 42,2 Prozent der Stimmen begnügen. Hubert Schicker (Freie Wähler) kam auf 30,6 Prozent. Eine Entscheidung fiel somit erst in der Stichwahl. Und die hat Schicker mit 51,2 Prozent gewonnen. Exakt 813 Stimmen mehr, so das vorläufige Endergebnis, haben zum Sieg gereicht. Im Landratsamt steht ein Führungswechsel an, der viele überrascht – und die CSU schockiert.
Wer Wetten auf den Sieger abschließen wollte, sah sich im Lauf des Wahlkampfs hin- und hergerissen. Wie ausbaufähig würden die 12 Prozentpunkte Vorsprung für den amtierenden Landrat sein? Wie sehr würde ihm die wieder aufgeflammte Diskussion um die Entwicklung bei den Krankenhäusern schaden? Die Antwort lautet: wahrscheinlich entscheidend. "Ich habe oft Wahlsiege feiern dürfen. Heute nicht", sagte ein tief enttäuschter Roland Grillmeier. Er sei verantwortlich gemacht worden für etwas, das er nicht zu verantworten hatte, lautet seine Analyse mit Blick auf das emotional besetzte Gesundheitsthema. Das Wahlergebnis in den gebeutelten Krankenhausstandorten spricht Bände: Nur 40,9 Prozent in Tirschenreuth und 45,2 Prozent in Waldsassen. Dagegen ein höherer Stimmenanteil im Westen des Landkreises, zum Beispiel 55,6 Prozent in Kemnath, wo es noch ein Akutkrankenhaus mit Notaufnahme gibt.
Ebenso eindeutig lässt sich die Frage beantworten, ob Hubert Schicker der persönliche wirtschaftliche Misserfolg mit seinem Autoteilehandel geschadet hat. Obwohl genau einen Tag nach dem ersten Wahlsonntag die Insolvenzbekanntmachung auch für die zweite seiner Firmen samt Verdacht der Insolvenzverschleppung publik geworden war, kreideten ihm die Wähler das offenbar nicht als wirtschaftliche Inkompetenz an – eher im Gegenteil. Der Pechtnersreuther steigerte seinen Stimmenanteil von 30,6 auf 51,2 Prozent. Dass er als Kämpfer für eine Verbesserung der Notfallambulanz am Tirschenreuther Krankenhaus und den raschen Ausbau der Geriatrie auftrat, damit rannte er bei vielen Landkreisbürgern offene Türen ein.
Im kleinen Sitzungssaal lag Hochspannung in der Luft, als die Wahllokale um 18 Uhr schlossen. Die Überraschung: Von Anfang an lag Schicker vorn – und blieb es auch. Leichte Schwankungen um ein Prozent hin oder her, doch mit jedem Auszählungsergebnis festigte sich das Bild: Es würde nicht reichen für den Amtsinhaber, auch wenn die Wahllokale mit Bürgermeister-Stichwahlen in Tirschenreuth, Erbendorf und Plößberg noch nicht fertig ausgezählt hatten. Kurz vor 19 Uhr entschloss sich Roland Grillmeier, seinem Herausforderer zu gratulieren. "Bring es hinter dich", hieß es aufmunternd aus seinem ebenfalls tief enttäuschten Umfeld, angeführt von CSU-Kreisvorsitzendem Tobias Reiß und Fraktionssprecher Bernd Sommer. Letzterer bekannte: "Ich mache mir große Sorgen um den Landkreis."
Derweil konnte sich Hubert Schicker mit jedem Auszählungsergebnis sicherer sein, dass er tatsächlich der nächste Landrat in Tirschenreuth wird. Damit tritt er in die Fußstapfen von Karl Haberkorn, der für die Freien Wähler den Landkreis von 1991 bis 2008 geführt hatte, sowie von Wolfgang Lippert, der von 2008 bis 2020 regierte. Zunehmend machte sich bei den Freien Wählern Hochstimmung breit. Schließlich holte Hubert Schicker den vorbereiteten Blumenstrauß für seine Frau Karolina und dankte ihr mit einem Kuss für die Unterstützung.
Erinnerung an Stichwahl 2008
Vor der großen Beamer-Wand, auf der sich die Niederlage immer mehr manifestierte, herrschte im Lager der CSU gedämpftes Gemurmel, erstarrten die Gesichter. Keine Siegesfeier also, sondern eine Stimmung, die eher an ein Begräbnis erinnerte. Das sprach stellvertretender Landrat Alfred Scheidler direkt aus und fühlte sich an die letzte Stichwahl erinnert, die 2008 Herbert Hahn als völlig überraschenden Verlierer der CSU zurückließ. Der frühere Waldsassener Bürgermeister war mit 48,7 Prozent in die Landrats-Stichwahl gegangen, unterlag jedoch mit 47,9 Prozent gegen Lippert. "Das hat mir in der Seele wehgetan", blickte Scheidler zurück und äußerte auch jetzt großes Mitgefühl für Roland Grillmeier.
"Ein politisches Amt ist ein Amt auf Zeit", bemühte sich Grillmeier um Fassung nach seiner Wahlniederlage. Wie es für ihn persönlich weitergeht, dafür habe er noch keinen Plan B im Kopf, sagte er in ersten Interviews in der Wahlzentrale im Landratsamt. Er müsse das alles erst mal sacken lassen. Fakt ist, dass er zum 1. Mai sein Amt an Hubert Schicker übergeben wird. Im Landratsamt hat er dann keinen Job mehr. In seinen früher ausgeübten Beruf als Bürgermeister der Stadt Mitterteich kann er nicht zurück, denn dieser Posten ist besetzt. Rein theoretisch könnte der Beamte zurück auf die Ebene, auf der er vor seiner Wahl zum Bürgermeister in der Verwaltungsgemeinschaft Mitterteich gearbeitet hatte. Dass er das tut, kann sich wohl kaum jemand vorstellen.
Künftiger Landrat muss Mehrheiten suchen
Wahlsieger Schicker nahm derweil Glückwünsche im Blockverfahren entgegen. Viele Parteifreunde von der Kreis- und Kommunalebene gratulierten ihm. Für die SPD war Kreisvorsitzender Uli Roth zur Stelle, der vor Schließung der Wahllokale noch mit einem am Ende deutlichen Sieg Roland Grillmeiers gerechnet hatte. Auch viele der zahlreich anwesenden Vertreter der unterlegenen CSU reichten Schicker die Hand, bevor sie verschwanden, um ihrer Enttäuschung im kleineren Rahmen Raum zu geben.
Als strahlender Sieger präsentierte sich indessen Hubert Schicker und bot den anderen Parteien eine gute Zusammenarbeit an: "Es geht um unseren Landkreis." Der Freie Wähler sprach sich dafür aus, den Wahlkampf jetzt hinter sich zu lassen. Er wisse, dass er sich mit seiner zehnköpfigen Kreistagsfraktion Mehrheiten suchen müsse, streckte er symbolisch die Hand an alle aus. Auch bei strittigen Themen wie der Gesundheitspolitik gelte es, das Beste für den Landkreis zu erreichen. Wie die AfD agiere, die mit sieben Sitzen erstmals ins Gremium einzieht, werde sich zeigen, gab sich der Wahlsieger abwartend pragmatisch: Sollten funktionierende Vorschläge kommen, dürfe die Parteizugehörigkeit keine Rolle spielen.























Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.