08.11.2019 - 19:13 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Im Krankenhaus in Tirschenreuth knallen die Sektkorken

Das Tirschenreuther Krankenhaus feiert 200-jähriges Bestehen. In einem Interview gewährt Krankenhausleiterin Claudia Kost Einblicke in die Philosophie und Pläne.

Das Krankenhaus Tirschenreuth
Claudia Kost

ONETZ: Wie Sehen Sie die Zukunft des Tirschenreuther Hauses?

Krankenhausleiterin Claudia Kost: Das Krankenhaus Tirschenreuth bietet eine umfassende und individuelle medizinische Betreuung und stellt einen wichtigen Eckpfeiler der flächendeckenden Gesundheitsversorgung in der Region dar. Pro Jahr werden hier rund 11 000 Patienten zuverlässig und auf hohem medizinischen Niveau behandelt. Um dieses Niveau noch weiter aufzubauen, wurde das Haus in den vergangenen Monaten neu strukturiert. Dadurch konnte die stationäre Leistungsfähigkeit weiter gesteigert werden, um wohnortnahe und hochwertige Versorgungsangebot weiter verbessern zu können. Außerdem ist vor Ort innerhalb kurzer Wege sowohl die stationäre als auch die ambulante Behandlung durch das MVZ und die Arztpraxen im angesiedelten Ärztehaus möglich. Zudem wurde stark investiert. In dem großen Neubau finden sowohl die Zentrale Notaufnahme als auch der neue OP-Saal sowie die neue Funktionsdiagnostik Platz.

ONETZ: Hat die öffentliche Diskussion um die Kredite für die Kliniken Nordoberpfalz AG geschadet?

Krankenhausleiterin Claudia Kost: Wir sind froh, dass vor einigen Tagen nun die letzte Hürde für die Gewährung des Darlehens genommen wurde und hoffen natürlich, dass sich unsere Patienten durch die Diskussionen nicht verunsichern haben lassen. Fest steht, dass wir uns jetzt wieder unserer Hauptaufgabe widmen können - nämlich der wohnortnahen, bedarfsgerechten und qualitativ hochwertigen medizinische Versorgung in unserer Region.

ONETZ: Woher kommen eigentlich die Patienten in Ihrem Haus?

Krankenhausleiterin Claudia Kost: Unsere Patienten kommen aus der gesamten nördlichen Oberpfalz und darüber hinaus. Uns freut besonders, dass viele Patienten, die bisher in Waldsassen behandelt wurden, jetzt nach Tirschenreuth kommen.

ONETZ: Professor Dr. Karl-Heinz Dietl wurde als neuer Chefarzt der Allgemein- und Visceralchirurgie vorgestellt. Gibt es nun Operationen in Tirschenreuth, die vorher nicht durchgeführt wurden?

Krankenhausleiterin Claudia Kost:

Wir wollen mit Professor Dr. Dietl eine so hochwertige Versorgung aufbauen und anbieten, dass kein Patient der Region mehr in andere Häuser unseres Verbunds oder gar andere Kliniken gehen muss. Da er die Allgemein- und Visceralchirurgie sowohl in Weiden als auch in Tirschenreuth leitet, sollen dadurch Synergieeffekte greifen, von denen letztendlich alle Patienten profitieren.

Letztlich wertet die Tätigkeit von Professor Dr. Dietl nicht nur die Allgemeinchirurgie, sondern auch das gesamte Haus enorm auf. Und wir sind in der Lage, an unserem Haus, das die Grund- und Regelversorgung sicherstellt, einen weiteren Baustein der Schwerpunktversorgung für die Bevölkerung anzubieten.

ONETZ: Es kursieren immer wieder Gerüchte, dass Gynäkologie und Frauenklinik geschlossen werden sollen ...?

Krankenhausleiterin Claudia Kost: Seit dem Dienstantritt von Dr. Michael Rüth im August 2017 haben wir neue Strukturen geschaffen. Damit konnten wir die heimatnahe Geburtshilfe in der nördlichen Oberpfalz sichern und auf ein herausragendes Qualitätsniveau heben, das unter Häusern dieser Größenordnung seinesgleichen sucht. Unsere Patientinnen werden so betreut, wie man es sich im Idealfall vorstellt, denn wir können an unserem Haus eine ruhige, familiäre Geburtshilfe mit individueller Betreuung durch die Geburtshelfer bieten. Und wir sind natürlich besonders stolz, dass mit Dr. Michael Rüth ein "echter Tirschenreuther" die Geburtshilfe in seiner Heimat leitet. Außerdem sind wir in Bayern wohl das einzige Krankenhaus ohne angeschlossene Kinderklinik, dessen Geburtshilfe von einem Chefarzt mit der Zusatzqualifikation "Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin" leitet. Das spricht schon für uns.

Das ehemalige Distriktkrankenhaus im Jahre 1909 vor dem Umbau.
Blick in die Geschichte:

200 Jahre Krankenhaus Tirschenreuth

1816: Grundsteinlegung

1816 wird mit dem Bau der ersten Tirschenreuther Armen- und Krankenanstalt begonnen. Die Stadt verkauft dafür ihr Armenhaus und steuert die dabei erzielten 1800 Gulden sowie das Bauholz zur Errichtung des neuen Hauses bei. Auch die Gemeinden des Landgerichtsbezirks legen – mit Ausnahme von Bärnau, das selbst ein Krankenhaus hatte – zusammen.

1819: Einweihung

1819 wird das Distriktkrankenhaus in der Mühlbühlstraße (heutige Johann-Andreas-Schmeller-Schule) eingeweiht. Bestimmt ist es vor allem für arme Dienstboten, für die es auf dem Land oft keine ärztliche Hilfe gibt. Die Armen werden im Untergeschoss untergebracht, im Obergeschoss stehen zwölf Betten. Der Landgerichtsarzt schaut täglich vorbei.

1855: Schwestern kommen

Im Jahre 1855 wird die Leitung der Anstalt den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul übertragen.

1863: Nur noch Krankenhaus

1863 gibt es einen Aufnahmestopp für Arme. Aus dem Haus wird unter Leitung von Magistratsrat Anton Mehler nun ein reines Krankenhaus. Die Kapazität steigt auf 30 Betten.

1914: Auch Kriegslazarett

Im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) wird das Krankenhaus zum Lazarett, in dem auch viele Kriegsverletzte behandelt werden.

1930: Stadt übernimmt

In einer geheimen Sitzung beschließt der Stadtrat am 15. April 1930 die Übernahme des Krankenhauses. Grund für den Beschluss sind dringend notwendige Investitionen, die der Bezirk nur schwer schultern kann.

1931: Aufstockung

1931 wird das Krankenhaus aufgestockt. Nun sind 40 Betten im Haus vorhanden. Im ersten Stock ist die Männerabteilung mit Röntgen- und Bestrahlungsraum, im zweiten Stock sind die Frauenabteilung, Verbandszimmer, Sterilisationsanlage, Operationssaal und Kapelle untergebracht.

1952: Neubau geplant

Nach dem Krieg wächst die Bevölkerung durch die Vertriebenen stark an. Auch das Krankenhaus wird dadurch zu klein. Man beschließt, in der St.-Peter-Straße auf der grünen Wiese ein neues Krankenhaus zu bauen. Am 28. April 1952 erfolgt der feierliche erste Spatenstich durch Landrat Franz Sproß.

1953: Einweihungsfeier

Im Dezember 1953 wird das moderne 140-Betten-Haus eingeweiht. Aus dem ehemaligen Krankenhaus wird 1956 eine Schule. Die ersten Tirschenreuther Abiturienten schreiben hier, in der damaligen Oberrealschule, später ihre Reifeprüfung.

1964: Erste Erweiterung

Im Jahre 1964 wird mit der Erweiterung des Krankenhauses begonnen. 1967 ist dieser Trakt bezugsfertig es folgen dann die Sanierung des Altbaus und Anpassungsmaßnahmen.

1970: Neubau-Einweihung

Am 16. Oktober 1970 wird der Neubau eingeweiht. Damit geht eine nervenaufreibende Bauphase mit Provisorien und Stationenverlegungen für Mitarbeiter und Patienten zu Ende.

1975: Krankenpflegeschule

1975 folgt die Aufstockung des Hauses und die Gründung einer Berufsfachschule für Krankenpflege. Bis 2014 werden die Schüler dort unterrichtet, dann wird die Ausbildung unter dem Dach der Kliniken AG in Neustadt/WN konzentriert.

1979: Neue Röntgenanlage

Am 23. April 1979 wird eine neue Röntgenanlage in Betrieb genommen. Der Landkreis investiert rund eine Million Mark in diese leistungsfähige Anlage.

1982: Abzug der Schwestern

1982 werden nach aufopferungsvoller Tätigkeit die letzten Ordensfrauen mit Wunibalda, Botwina, Bolonia und Wuniberta aus dem Krankenhaus abgezogen. 172 Jahre waren die Ordensfrauen im Krankenhaus segensreich tätig.

1983: Zentralapotheke

Das Krankenhaus erhält eine eigene Zentralapotheke, um die Patienten noch besser und schneller versorgen zu können.

1985: Großparkplatz

Der Großparkplatz wird in Betrieb genommen. Zudem wertet ein provisorischer Hubschrauberlandeplatz den Standort weiter auf.

1987: neue Bäderabteilung

Nach der Sanierung der Physikalischen Abteilung bekommt das Krankenhaus eine zeitgemäß eingerichtete Bäderabteilung.

1993: Neuer Funktionstrakt

Am 23. Januar 1993 wird ein neuer Funktionstrakt eingeweiht. 23 Millionen DM wurden in die Erweiterung und Umstrukturierungen investiert.

1994: Krankenhaus-GmbH

1994 beschließt der Kreistag die Umwandlung seiner Krankenhäuser in eine GmbH. Alleiniger Geschäftsführer ist der Landkreis. Die Geschäftsführung wird dem Deutschen Orden übertragen.

1998 bis 2003: Sanierung

Fünf Jahre lang – von 1998 bis 2003 – wird das Krankenhaus umfassend saniert und modernisiert. Die Zwei- und Dreibettzimmer erhalten nun eigene Nasszellen. Auch eine neue Telekommunikationsanlage und Fernseher halten Einzug. Außerdem werden der Pfortenbereich, die Cafeteria und der Eingangsbereich neu gestaltet.

2006: Fusion zur Kliniken AG

Fusion der Krankenhäuser im Landkreis Tirschenreuth mit den Krankenhäusern im Landkreis Neustadt/WN und der Stadt Weiden zur Kliniken Nordoberpfalz AG.

2013: Bessere „Intensiv“

Von 2013 bis 2015 wird die Intensivabteilung mit Unterstützung der Regierung der Oberpfalz im Rahmen einer Kontingentmaßnahme erweitert und saniert. Neun Ein- und drei Doppelzimmer zur Intensivbehandlung und -überwachung werden auf modernen Stand gebracht beziehungsweise neu erstellt. Dazu entstehen ein funktioneller Stützpunkt sowie Arzt-, Aufenthalts- und Nebenräume. Die Maßnahme kostet zwei Millionen Euro, 1,8 Millionen davon fördert der Bezirk.

2017: Spatenstich mit Huml

Grundsteinlegung mit Gesundheitsministerin Melanie Huml für eine neue Notaufnahme sowie Modernisierungen in der Notfallversorgung und im OP-Bereich. 21 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung. Die Patientenversorgung soll damit in Tirschenreuth weiter verbessert werden.

2019: Feier 200 Jahre

Die Kliniken Nordoberpfalz AG feiern in Tirschenreuth das 200-jährige Bestehen des Hauses. In die Schlagzeilen gerät das Krankenhaus aber aus einem anderen Grund: Die Kliniken Nordoberpfalz AG braucht einen 50-Millionen-Kredit zum Überleben. Der Kreistag stimmt dem Kredit schließlich in zwei Sitzungen zu. (wb)

Die Notaufnahme.
Blick in einen früheren OP-Raum.
1979 wurde für eine Million Mark eine Röntgenanlage angeschafft.
Am 7. Juni 2007 erblickte der künftige Direktor des Zirkus Renz, Diego Armando, im Tirschenreuther Krankenhaus das Licht der Welt. Mit im Bild seine Mama, die Chefin des Zirkus Renz, Ramona Lauenburger. Bild: tr
Der Computertomograph in der Tirschenreuther Klinik.

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