18.08.2019 - 13:54 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kühlwasser vom Heiligen Vater

Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Als Busfahrer ist Kemal Salman ständig auf Tour. Entsprechend ausgefallen sind seine Erlebnisse. Zum Beispiel das Zusammentreffen mit Papst Johannes Paul II. in dessen Sommerresidenz.

Kemal Salman in seinem Arbeitsgerät. Busfahren ist für ihn das Höchste. Vier Millionen Kilometer hat er bereits zurückgelegt – unfallfrei.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Es war Mitte der 1980er Jahre, als Kemal Salman einer kanadischen Reisegruppe die Sehenswürdigkeiten Roms näher brachte. Ein Tagesausflug führte die Gesellschaft vorbei am Castel Gandolfo, dem Sommersitz des Papstes, zum Lago Albano. An dem heißen Sommertag quälte sich der Reisebus mit laufender Klimaanlage die steile Serpentinenstraße hinauf. Das Castel Gandolfo war schon in Sichtweite, als die rote Lampe am Armaturenbrett signalisierte: Kühlwasser nachfüllen!

Grüne Gießkanne

Kemal Salman fuhr rechts ran, ließ seine Gruppe aussteigen, schnappte sich die grüne Gießkanne, die er für solche Fälle obligatorisch dabei hat, und machte sich auf den Weg Richtung Castel Gandolfo, das einzige Anwesen weit und breit. „Dort angekommen, stand ich vor einem riesigen Tor, darin eine Holztür und darin ein kleines rechteckiges Guckloch. Ich klopfte und das Guckloch wurde geöffnet. Ich erklärte dem Mann dahinter, der nur Italienisch sprach, mein Anliegen. Ich sagte: ‚Wasser, Acqua‘. Er gab zu verstehen, dass ich warten soll.“ Fünf Minuten später sei die Tür aufgegangen. „Der Mann zog mich hinein, schloss die Tür und sperrte sie sofort wieder ab. Ich schaute mich um und stand in einem wunderschönen riesigen Garten. Und dann steht plötzlich der Papa vor mir und ich dachte, das glaubt dir kein Mensch. Ich glaube, ich war zu dem Zeitpunkt der glücklichste Mensch auf Erden.“

Bus kaputt

Johannes Paul II. habe gesagt, „komm‘ her mein Sohn“, habe seinen Namen wissen wollen und gefragt, ob er Türke sei. „Ich sagte: ‚Ich bin türkischer Busfahrer und arbeite in Deutschland, mein Bus ist kaputt und ich brauche Kühlwasser.‘ Wir unterhielten uns bestimmt zehn Minuten, dann nahm der Papst meine Gießkanne und füllte sie mit einem Wasserschlauch auf. Etwa zwölf Liter passen da hinein. Deshalb sagte ich: ‚Dankeschön, aber das ist zu wenig ich brauche fünf mal soviel.‘“ Der Papst habe das Wasser in der Kanne gesegnet und gesagt, dieses Wasser reiche bis zum See.

Als Kemal Salman wieder am Bus eintraf, habe er die Geschichte der Reisegruppe erzählt. Einer habe gefragt, wie viel Mineralwasser er dabei habe. „Vielleicht 40 Liter“, erwiderte Kemal Salman. „Ich kaufe dir alles ab, das füllen wir dann in den Kühler, das geweihte Wasser füllen wir in die leeren Flaschen und nehmen sie mit nach Kanada.“ So habe die Gesellschaft den See erreicht und der Kanadier sei glücklich gewesen wie ein Kind.

Über vier Millionen Kilometer hat der 57-jährige Kemal Salman aus Bursa schon mit dem Bus zurückgelegt. Er kam mit 16 nach Deutschland, ist deutscher Staatsbürger und jetzt seit 41 Jahren hier. Die Eltern und seine vier Geschwister kamen schon 1964 hier an. Sie lebten in Wurz, die Eltern waren Gastarbeiter in einer Porzellanfabrik in Windischeschenbach. Die Eltern gingen 1990 zurück in die Türkei, beide sind bereits verstorben.

Nicht geplant

Dass Kemal Salman hier landete, war eigentlich nicht so geplant. In der Türkei war er das, was man heute bei uns als hochbegabt bezeichnet. Er konnte zwei Klassen überspringen, machte mit 16 sein Abitur in Ankara und bekam ein Stipendium für ein Medizinstudium in London. Als er schon im Flieger nach England saß, übermannte ihn die Sehnsucht nach der Familie. Das Schicksal meinte es gut mit ihm und plötzlich lief der Pilot der Maschine an ihm vorbei. Er kannte ihn, er war der Vater eines Schulkameraden. Sie unterhielten sich und Kemal erzählte ihm, dass er lieber nach Deutschland wolle. Der Pilot sagte ihm, dass die Maschine in Köln/Bonn zwischenlanden werde und er dort einfach aussteigen solle. „Ich hatte 40 Dollar dabei, der Pilot gab mir 30 Dollar dazu. Das war mein Startkapital.“

Kemal Salman wollte in Deutschland studieren, schrieb sich an der Uni in Kaiserslautern ein, wurde aber nicht genommen, weil er kein Deutsch konnte. Er versuchte es in München, mit dem gleichen Resultat. Er nahm den Zug und fuhr zur Familie nach Wurz. In der Porzellanfabrik Winterling-Schaller begann sein Leben in Deutschland. „Damals verdiente ein Facharbeiter in Deutschland etwa 15 Mal so viel, wie ein Arzt in der Türkei“, erzählt er. Sieben Jahre war er dort tätig.

Kemal Salman wollte schon immer gerne reisen. Er investierte 8200 Mark von seinem Ersparten, machte zuerst den Lkw-, dann den Busführerschein. Dann bekam er einen Job bei einem Erbendorfer Busunternehmer. Der suchte damals Mitarbeiter, die ins Ausland fahren und Englisch sprechen. Der Unternehmer arbeitete mit dem amerikanischen Reiseunternehmer „Enjoy Tours“ zusammen. „Englisch hatte ich in der Türkei gelernt, sowohl die englische als auch die amerikanische Variante. Die Aufnahmeprüfung war quasi das Gespräch mit Amerikanern am Telefon.“

Positive Energie

Von da an fuhr er jede Menge Amerikaner durch ganz Europa. „Ich bin begeistert von meiner Arbeit und war in meiner Anfangszeit ständig unterwegs. Bei Fahrerengpässen fuhr ich auch deutsche Gruppen. Irgendwann kamen von dieser Seite immer mehr Anfragen von Kunden, ob es möglich wäre, dass Kemal fährt.“

„Ich bin zu allen immer freundlich, versuche immer, positive Energie auszustrahlen und ich bin lustig. Ich begrüße meine Reisegruppe immer mit einem Lächeln im Gesicht. Auch die Fahrweise ist sehr wichtig, wenn ich schalte oder bremse, merkt das keiner. Ich fahre zügig, aber nicht ruckartig, stets ohne Hektik.“ Seit 1999 fährt Kemal Salman für die Eska. Sein ältester Sohn habe die Annonce im „Neuen Tag“ gelesen und weil er in der Schule gerade lernte, wie man Bewerbungen schreibt, hat er eine für ihn geschrieben. Als Kemal gerade in Ungarn unterwegs war, habe ihn Eska-Chef Hans Prucker angerufen und zum Vorstellungsgespräch eingeladen. „Das war mein Lottotreffer. Am 1. Oktober habe ich hier angefangen.“

Kemal Salman wohnt mit seiner Frau Gülfer in Tirschenreuth. Zur Familie gehören die erwachsenen Kinder Kurt, Gülsah und Alena sowie die Enkel Leyla, Sara und Hamid. „Wir fühlen uns längst als Einheimische, sind absolut zufrieden mit dem Leben in Deutschland, sind stolz darauf, hier sein zu dürfen. Alle Familienmitglieder haben nur eine Staatsbürgerschaft, die deutsche.“ Kemal Salman und seine Frau sind gerade dabei, eine Grabstätte auf dem Tirschenreuther Friedhof zu mieten. Hier wolle die Familie später den ewigen Frieden finden.

Moderne Moslems

„Wir sind moderne Moslems. Wir glauben an Ehrlichkeit, helfen Menschen, wenn es geht. Versuchen, ein ordentliches Leben zu führen und niemanden zu stören. So denken übrigens bestimmt 70 Prozent der Türken“, schätzt Kemal Salman. Die Familie gehe auch öfters in die Kirche zur Messe. „Da verstehen wir, was der Pfarrer sagt. In der Moschee wird Arabisch gesprochen, das verstehen wir nicht.“

Die Auslagen, die Kemal unterwegs hat, bekommt er vom Eska-Chef Hans Prucker bar ausbezahlt.
Kemal Salman mit seinem Arbeitsgerät. Busfahren ist für ihn das Höchste. Vier Millionen Kilometer hat er bereits zurückgelegt – unfallfrei.
Maria Schiffmann organisiert die Busreisen bei der Eska. Mit Kemal bespricht sie dessen nächsten Einsatz.
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