24.03.2020 - 20:07 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Landkreis Tirschenreuth: Firmen kämpfen um tschechische Mitarbeiter

Tschechien macht seine Grenze auch für tägliche Berufspendler dicht. Das trifft den Landkreis Tirschenreuth hart. Firmen, Behörden und Politiker suchen nach Lösungen.

Im Backhaus Kutzer arbeiten 80 tschechische Mitarbeiter. Die Grenzschließung für Pendler stellt das Unternehmen vor große Herausforderungen.
von Martin Maier Kontakt Profil

Fast jeder zehnte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz im Landkreis Tirschenreuth wird von einem tschechischen Bürger besetzt (etwa 2500). Die Ankündigung des Innenministers Jan Hamacek am Montag, dass Tschechien zur Eindämmung des Coronavirus das tägliche Pendeln von Arbeitnehmern über die Grenze soweit wie möglich unterbinden will, versetzte daher die Unternehmen aus der Region in helle Aufregung.

"Für uns ist das ein schwerer Schlag", bekennt Patrick Kutzer, Geschäftsführer des gleichnamigen Backhauses in Konnersreuth. In einigen Bereichen sei sein Unternehmen auf die tschechischen Mitarbeiter angewiesen, beispielsweise in der Kommissionierung und bei Lastwagenfahrern ("Die kommen fast alle aus Tschechien").

Bei Kutzer arbeiten 80 tschechische Staatsbürger. 40 bleiben nach der Grenzschließung vorerst in ihrem Heimatland, für die anderen 40 organisiert das Backhaus momentan Unterkünfte. "Das muss jetzt schnell gehen", erklärt der Geschäftsführer. Die dann 40 fehlenden Kollegen sind aber nicht das einzige Problem. Denn momentan sei auch die Krankheitsquote groß. "Wir werden es schaffen, das alles ein paar Wochen lang aufzufangen, aber das geht leider zulasten der anderen Mitarbeiter", blickt Kutzer mit Sorgen in die Zukunft. Mehrere Monate sei es aber kaum durchzuhalten. Dann seien andere Lösungen gefragt. Als Beispiel nennt er Produktstraffungen.

Kontakt mit Konsulat

"Ich hoffe auf die Politik", findet sich der Geschäftsführer mit der Situation nicht ab. Das Backhaus stehe auch schon in Kontakt mit dem tschechischen Konsulat zwecks einer möglichen Einstufung als systemrelevantes Unternehmen.

Die Grenzschließung für Pendler trifft auch die Schott AG hart. Von den 1250 Mitarbeitern in Mitterteich wohnt laut Angaben des Glaskonzerns eine dreistellige Zahl in Tschechien. Wie andere Betriebe in der Region habe auch Schott Hotelzimmer angemietet, um tschechische Kollegen für die kommenden Wochen auf Firmenkosten unterzubringen. Die Bereitschaft für Schott in Deutschland zu bleiben, sei enorm. "Ich habe wirklich allerhöchsten Respekt vor unseren Kolleginnen und Kollegen aus Tschechien, die es auf sich nehmen würden, wochenlang von Familie, Haus und Hund getrennt zu sein, um in Deutschland zu arbeiten", äußert sich Standortleiter Stefan Rosner.

Nachschub ist garantiert

Wichtig ist dem Konzern, dass trotz der Grenzschließung der Betrieb störungsfrei aufrechterhalten werden kann. "Unsere Kunden aus der Pharmaindustrie bekommen weiterhin den überlebensnotwendigen Nachschub in Corona-Zeiten", betont Rosner. Weil im Mitterteicher Schott-Glas weltweit jede dritte Dosis Impfstoff, Antibiotikum, Insulin usw. verpackt ist, gilt der Konzern als systemrelevanter Pharma-Zulieferer. Das hatte erst am Montag Gesundheitsministerin Melanie Huml in einer Pressemeldung betont.

Unterstützung für alle betroffenen Unternehmen kommt aus dem Landratsamt. Landrat Wolfgang Lippert hat noch am späten Montagnachmittag mit einem Schreiben an den Karlsbader Kreishauptmann Petr Kubis reagiert (Hintergrund). Zudem haben Wirtschaftsförderer Volker Höcht und Stephanie Wenisch vom Tirschenreuther Tourismuszentrum Oberpfälzer gemeinsam einen Aufruf gestartet, welche Gastgeber Unterkünfte zur Verfügung stellen können. Nach einer ersten Rundmail kamen dabei schon weit über 200 gemeldete Übernachtungsplätze für die Berufspendler zusammen. "Dass keiner der Gastgeber den regulären Preis für Feriengäste verlangt, versteht sich von selbst", erklärt Wenisch. Alle Betriebe würden so kalkulieren, wie es für sie wirtschaftlich gerade noch tragbar sei.

Liste von Beherbergungsbetrieben

"Damit bleiben uns in dieser schwierigen Zeit hoffentlich viele tschechische Arbeitskräfte erhalten - und gleichzeitig bietet es unseren Übernachtungsbetrieben eine kleine Chance, diese Krise wirtschaftlich zu überstehen", so Wenisch. Schließlich würden auch Herbergsbetriebe durch den Coronavirus vor einer existenziellen Krise stehen.

Dass sehr viele Unternehmen im Landkreis momentan mit den Auswirkungen der Coronakrise zu kämpfen haben, merkt auch der Wirtschaftsförderer. Alleine am Montag meldeten sich innerhalb von 9 Stunden rund 60 Anrufer bei der Arbeitgeber-Hotline (09631/88-706). Um diese kümmert er sich gemeinsam mit Bildungsmanager Hilmar Fütterer.

In diesem Zusammenhang verweist Höcht auch auf die Seite www.wirtschaftsregion-tirschenreuth.de. Dort sind sämtliche Informationen für Unternehmen gebündelt, auch die Unterkünfte für die tschechischen Berufspendler und der Aufruf an Übernachtungsbetriebe.

Berufspendler aus Tschechien fehlen in Oberpfälzer Kliniken und Betrieben:

Oberpfalz
Hintergrund:

"Auf tschechische Nachbarn angewiesen"

Landrat Wolfgang Lippert hat noch am späten Montagnachmittag mit einem Schreiben an den Karlsbader Kreishauptmann Petr Kubis auf die Grenzschließung reagiert. Lippert verweist darauf, dass "viele unserer Firmen, unsere Krankenhäuser und Gesundheitsdienste auf die Arbeitskraft und das Know-how unserer tschechischen Nachbarn angewiesen sind". Auch gebe es im Landkreis systemrelevante Firmen, die beispielsweise medizinische Produkte nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt herstellen. Diese wären von der Schließung der Grenze einschneidend betroffen.

Beispielhaft nennt der Landrat die Schott AG und die Kliniken Nordoberpfalz. Außerdem würden das Kemnather Unternehmen Ponnath Die Meistermetzger und das Backhaus Kutzer aus Konnersreuth jeden Tag die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung, auch grenzübergreifend, sicherstellen. "Dabei sind sie wiederum auf die Arbeitnehmer aus Ihrer Region angewiesen", schreibt Lippert an seinen tschechischen Kollegen.

Auch in Bayern werde alles dafür getan, die Ausbreitung des Coronavirus signifikant einzudämmen. Zum Abschluss bittet Lippert den Kreishauptmann, gemeinsam an einer Regelung mitzuarbeiten, "die eine weitere Arbeit auf beiden Seiten der Grenze zulässt und das Pendeln systemrelevanter Berufsgruppen im Bereich der Lebensmittel- und medizinischen Versorgung in beide Richtungen weiterhin möglich macht". (rti)

Service:

Angebot aus Bad Neualbenreuth

Wegen der Coronakrise bleiben auch in Bad Neualbenreuth sehr viele Gästebetten leer. "Wir haben riesige Kapazitäten. Wenn ein Betrieb Probleme hat, für seine tschechischen Mitarbeiter Unterkünfte zu finden, kann er sich auch an uns wenden. Wir vermitteln weiter", bietet Bürgermeister Klaus Meyer seine Hilfe an. Um Anfragen kümmert sich die Gästeinformation, Telefon 0 96 38 / 93 32 50, und der Rathauschef selber, Telefon 0 96 38 / 902 10 01. (rti)

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