Tobias Reiß feiert am Donnerstag, 23. August, seinen 50. Geburtstag. Kurz davor steht er den Redakteuren Wolfgang Benkhardt und Martin Maier Rede und Antwort. Der Brander verrät, warum in seinem Leben die Zahl 10 eine große Rolle spielt, was er als parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Fraktion zu tun hat und wie er die positive Entwicklung der nördlichen Oberpfalz vorantreiben will.
ONETZ: 50. Geburtstag. Das ist für viele Menschen eine magische Zahl. Was verbinden Sie mit dieser Zahl?
Tobias Reiß: Diese Zahl ist keine Zäsur für mich. Es ist höchstens Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. In meinem Leben läuft offenbar alles in Zehn-Jahres-Schritten ab. Meine ersten zehn Lebensjahre war ich in meinem Heimatort. Dann folgten knapp zehn Jahre als Internatsschüler im Studienseminar St. Augustin in Weiden. Auch mein Jura-Studium und das Referendariat haben rund zehn Jahre gedauert. Von 1998 bis 2008 war ich bei der Firma Markgraf. Und jetzt habe ich zehn Jahre Landtag hinter mir.
ONETZ: Was bringen dann die nächsten zehn Jahre?
Tobias Reiß: Ich wünsche mir, dass es so ein Stück weitergeht. Die Politik ist genau das, was ich machen will. Ich bin froh und dankbar, wie es bisher gelaufen ist. Dazu zählt auch die Internatszeit. Die war sehr prägend und positiv für mich.
ONETZ: Also haben Sie bisher in Ihrem Leben alles richtig gemacht?
Tobias Reiß: Nicht unbedingt. Es hat sich vieles gefügt. Nach der 4. Klasse habe ich beispielsweise die Aufnahmeprüfung aufs Gymnasium nicht bestanden. Das war aber eine glückliche Fügung. Ich wäre dort untergegangen. Meine Noten haben einfach noch nicht gereicht. In meinem Übertrittszeugnis stand: „Er ist klein von Wuchs und selten krank“. Den blöden Spruch habe ich mir bis heute gemerkt. Nach der 5. Klasse habe ich aber den Übertritt geschafft.
ONETZ: Wie haben Sie während Ihrer Zeit in Weiden den Kontakt zum Heimatort gehalten? Wie entstand das Interesse für die Politik?
Tobias Reiß: Ich war trotz der Internatszeit immer am Wochenende und in den Ferien zu Hause. Ich habe mich in Brand in der Katholischen Jugendarbeit engagiert. Zudem habe ich dort eine Theatergruppe gegründet. Über eine Werbeaktion bin ich zur Jungen Union gekommen. Und zwei Jahre später war ich schon Ortsvorsitzender. Ich habe also Politik von der Pike auf gelernt. Ich bin seit meinem 21. Lebensjahr im Gemeinderat.
ONETZ: Der Blick auf die Umfragewerte für die Landtagswahl fällt für die CSU nicht positiv aus. Ist die absolute Mehrheit noch machbar?
Tobias Reiß: Ich glaube, wir liegen momentan irgendwo bei 40 Prozent. Wir müssen durch viel Arbeit deutlich machen, für was die CSU steht. Es ist noch einiges möglich. Der richtige Wahlkampf findet erst vier, sechs Wochen vor der Wahl statt. Da werden auch die Leute noch einmal ins Nachdenken kommen, was wichtig ist.
ONETZ: Viele verbinden die schlechten Umfragewerte mit Ministerpräsident Markus Söder. Er hat schlechte Beliebtheitswerte. War der Wechsel von Horst Seehofer auf Söder richtig?
Tobias Reiß: Ja. Markus Söder ist genau der richtige Mann. Natürlich ist er eine Person, der Interessen durchsetzt und als Person vorankommen will. Er ist mit voller Leidenschaft dabei. Markus Söder hat durch Leistung überzeugt. Ich glaube, es gibt in der CSU-Fraktion keinen mehr, der sagt, dass der Wechsel falsch war. Er entwickelt die Konzepte.
ONETZ: Schießt er aber nicht manchmal etwas über das Ziel hinaus?
Tobias Reiß: Natürlich. Aber das gehört dazu. Die Bürger erwarten, dass sich Politik bekennt. Markus Söder ist der Mann, der die Kraft hat, das Regierungs-Ruder zu halten. Bayern ist ein Stabilitätsanker, die Boom-Region in Deutschland und Europa. Da zeigt es sich, dass es nicht egal ist, wer regiert.
ONETZ: Aber es gibt auch innerhalb Bayerns noch Unterschiede.
Tobias Reiß: Wir wollen bestmögliche Lebensverhältnisse für unsere Region und das ist möglich. Die CSU hat dafür die guten Strukturen geschaffen und das müssen wir in den nächsten Wochen im Wahlkampf auch deutlich machen. Beispielsweise wurden und werden rund 600 Behördenarbeitsplätze in unsere Region verlagert. Zudem haben wir trotz des Widerstands des damaligen Kultusministers einen extra Studiengang „Geoinformatik und Landmanagement“ für die OTH Amberg-Weiden bekommen. Wie mir gesagt wurde, sind die Einschreibungszahlen mit rund 70 Personen sehr gut. Damit schaffen wir Perspektiven für unsere jungen Leuten, um in der Heimat zu bleiben. Ein weiteres Beispiel ist der Breitbandausbau und die neue bayerische Grenzpolizei mit zusätzlichen 500 Beamten. Davon wird auch die Polizeiinspektion Waldsassen profitieren.
ONETZ: Trotzdem geht im Landkreis Tirschenreuth die Bevölkerungszahl zurück. Jedes Jahr verlieren wir ein Dorf.
Tobias Reiß: Das verlieren wir aber nicht wegen der Abwanderung. Diese ist gestoppt. Das Wanderungssaldo bei den 18- bis 24-Jährigen ist in der nördlichen Oberpfalz mittlerweile ausgeglichen. Es gibt keine Wanderungsverluste mehr. Es ist ein Geburtenthema. Wir können eine steigende Bevölkerungszahl nur durch Zuzug erreichen. Dafür brauchen wir qualifizierte Arbeitsplätze. Das ist natürlich auch mit dem Thema Fachkräftemangel verbunden. Der ist auch bei uns in der Region schon angekommen.
ONETZ: Trotzdem haben viele Angst, dass wir zur Altenregion Bayerns werden.
Tobias Reiß: Das kann aber auch eine Chance sein. Ältere Leute, die zu uns ziehen, geben ihr Geld bei uns aus. Wir müssen nur diese Entwicklung gestalten. Wir können uns nicht gegen den Trend stellen, sondern müssen Lebensqualität für alle - jung und alt - organisieren und steigern.
ONETZ: In diesem Zusammenhang fällt auch öfters das Stichwort ÖPNV.
Tobias Reiß: Der Anrufbus Baxi ist ein Erfolgsmodell. Die Flexibilität des Angebots ist die große Stärke. Eines meiner großen Themen in den nächsten Jahren - neben der beruflichen Bildung - ist die Vernetzung der Nahverkehrssysteme in der nördlichen Oberpfalz und im angrenzenden Oberfranken. Dafür ist aber eine gewisse Förderung nötig. In München zahlt der Freistaat auch bei der zweiten Röhre für die Stammstrecke mit. Daher wollen auch wir Geld für den ÖPNV in unserer Region. Nur so sind gleichwertige Lebensverhältnisse möglich.
ONETZ: Aber kocht nicht jeder Landkreis noch oft sein eigenes Süppchen?
Tobias Reiß: Wir müssen einfach für unser Baxi-Modell werben. Die kommunalen Gremien müssen erkennen, dass dies eine große Chance ist. Wir müssen die Ideen vor Ort entwickeln und ich bringe sie dann in München vor. Das geht nur in Zusammenarbeit mit allen Mandatsträgern. Die Partei darf da keine Rolle spielen.
ONETZ: Kommen wir zur Landratswahl 2020. Die CSU ist mit ihrem Kandidaten vorgeprescht. Warum hat sich die Partei so früh auf Roland Grillmeier geeinigt?
Tobias Reiß: Das Thema ist bei den Sitzungen der Ortsverbände immer wieder angesprochen worden. Es war der Drang spürbar, sich auf einen Kandidaten festzulegen. Roland Grillmeier ist einer, der Landrat kann. Daher haben wir uns in der CSU entschlossen, mit ihm diesen Weg zu gehen.
ONETZ: War es für Sie nach zehn Jahren als Landtagsabgeordneter keine Option, als Landratskandidat anzutreten?
Tobias Reiß: Natürlich wäre das eine Überlegung. Landrat ist das schönste Amt in der Region. Da genießt du ein sehr hohes Ansehen bei den Bürgern. Aber ein Abschied aus München hätte ich als Fahnenflucht angesehen. Ich habe dort Fuß gefasst und bin mittlerweile parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Fraktion.
ONETZ: Das Amt bekleiden Sie seit über vier Monaten. Wie hat sich die Arbeit angelassen?
Tobias Reiß: Ich organisiere die Fraktionsarbeit. Da bekomme ich sehr viel mit. Meine Arbeit findet oft im Stillen statt. Es ist ein großer zeitlicher Aufwand und es gibt in diesem Amt keine Statussymbole. Ich bin aber der zweite Mann in der Fraktion. Ich muss den Laden zusammenhalten. Schließlich muss Demokratie organisiert werden. Ich sitze im Maschinenraum der Fraktion.
ONETZ: Sie strahlen richtig, wenn Sie über ihre neue Rolle reden. Kann man Ihre momentane Position auch als Sprungbrett bezeichnen? Beispielsweise ist ihr Vorgänger als parlamentarischer Geschäftsführer, Josef Zellmeier, nun Staatssekretär im bayerischen Verkehrsministerium.
Tobias Reiß: Dieses Amt ist eine Bestätigung meiner bisherigen Arbeit. Ich werde ganz anders wahrgenommen. Und ich weiß, dass ich das Vertrauen von Finanzminister Albert Füracker und Ministerpräsident Markus Söder genieße.
ONETZ: Zurück zur Landratswahl. War es wirklich eine einvernehmlichen Entscheidung Roland Grillmeier ins Rennen zu schicken?
Tobias Reiß: Natürlich muss man mit allen Leuten reden und diskutieren. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wer alles hinter Grillmeier steht. Ich wollte nicht, dass es zu einer Kampfabstimmung kommt. Ich konnte das alles gut moderieren, da für mich klar war, dass ich es nicht machen will. Und dann haben wir uns im großen Kreis einvernehmlich auf Grillmeier geeinigt. Mir war wichtig, dass wir schon 2018 Klarheit haben.
ONETZ: Für Aufregung hat das Aus für das Basaltwerk Pechbrunn zum Ende des Jahres gesorgt. In diesem Zusammenhang ist es zu einer politischen Auseinandersetzung zwischen CSU und SPD gekommen. Wie stehen Sie dazu?
Tobias Reiß: Das ist ein schwieriges Thema. Wir als CSU wollten ein offenes Verfahren und dass das Bergamt entscheidet. Momentan scheitert es ja daran, dass sich die Bayerischen Staatsforsten und die Betreiberfirma auf keine Vertragsverlängerung einigen konnten. Das Bergamt hat noch überhaupt nicht entschieden. Daher habe ich auch die Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber gebeten, dass sie mit den Staatsforsten noch einmal ein Gespräch führt. Aber die agieren natürlich für sich. Wir können nicht überall hineinregieren.
ONETZ: Heißt das, dass es für das Basaltwerk noch Hoffnung gibt?
Tobias Reiß: Meines Erachtens muss man da noch einmal Gespräche führen. Halten wir doch das Verfahren offen und lassen das Bergamt prüfen. Es geht um die Abwägung: hochwertige Natur oder hochwertiger Rohstoff. Das muss in einem rechtsstaatlichen Verfahren ablaufen. Sich noch einmal mit den Staatsforsten zusammenzusetzen, ist meiner Meinung nach schon die Mühe wert.
ONETZ: Momentan zieht sich die Sparkasse offenbar ein wenig aus der Fläche zurück. Sie wandelt beispielsweise Geschäftsstellen in Selbstbedienungs-Filialen um. In Friedenfels ist das schon geschehen und Neualbenreuth folgt im Oktober. Wie schätzen Sie als Verbandsrat dieses Vorgehen ein?
Tobias Reiß: Auch ich mache viele Bankgeschäfte online. Die Zeit lässt sich nicht aufhalten. Der Bedarf wird ein anderer. Das „E-House“ der Sparkasse bei der OTH in Weiden ist beispielgebend. Das ist ein digitales Leuchtturmprojekt. Man muss akzeptieren, dass es Zwänge gibt. Denn die örtliche Struktur muss konkurrenzfähig sein.
ONETZ: Ich höre Verständnis für diese Entscheidung heraus. Glauben Sie nicht, dass sich ältere Menschen im Stich gelassen fühlen?
Tobias Reiß: Das darf nicht passieren. Hier sind intelligente Lösungen nötig, wie beispielsweise die Zusammenarbeit der Sparkassen mit den Genossenschaftsbanken, wie das in Ebnath und Brand der Fall ist. Man muss die Entscheidungen den Leuten erklären können. Jeder Kunde muss wertgeschätzt werden.
ONETZ: Auch eine mögliche Fusion der Klinken Nordoberpfalz mit dem Klinikum Amberg stößt nicht überall auf große Begeisterung. Im Tirschenreuther Kreistag hört man kritische Töne.
Tobias Reiß: Wichtig ist, dass im Landkreis Tirschenreuth die Struktur erhalten bleibt. Damit meine ich die Häuser in Kemnath, Tirschenreuth, Waldsassen und Erbendorf. Eine Fusion müsste ganz behutsam angegangen werden. Eine Zusammenarbeit im Bereich der Spitzenmedizin (Perinatalzentrum) ist sicher sinnvoll. Aber ich glaube, eine Fusion ist noch nicht dringend erforderlich. Ich warne, den zweiten vor dem ersten Schritt zu machen. Da ist höchste Sensibilität gefordert und es muss mit offenen Karten gespielt werden. Das muss auch die Klinikleitung wissen.
ONETZ: Ein Frage darf natürlich zum Schluss nicht fehlen: Wie feiern Sie Ihren 50.?
Tobias Reiß: Ich will einfach die Zeit mit meinen drei Mädels genießen (Anm. d. R.: Ehefrau Kerstin sowie die zwei Töchter Leonie und Romy). Wir fahren bis Sonntag für vier Tage auf die Seiser Alm in den Südtiroler Dolomiten. Da werden wir wandern und vielleicht E-Bike-Touren machen. Das ist die kostbarste Zeit für mich. Ich möchte keine große Sause.
















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