04.02.2021 - 20:33 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Wie lassen sich die hohen Coronazahlen im Kreis Tirschenreuth erklären?

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Im Spannungsfeld zwischen Corona-Mutation, Grenzpendlern, Firmen und Testzahlen: Landratsamt und Gesundheitsamt nehmen ausführlich Stellung und äußeren sich zu einigen Vorwürfen.

Das Landratsamt Tirschenreuth veröffentlicht wöchentlich aufsummierte Zahlen der Corona-Infektionen pro Gemeinde.
von Martin Maier Kontakt Profil

„Es ist eine äußerst angespannte und schwierige Situation“, beurteilt Landrat Roland Grillmeier die aktuelle Lage. Am Donnerstag lag die 7-Tage-Inzidenz, hochgerechnet auf 100.000 Einwohner, bei 351. Und auch für die nächste Zeit kann er keine Entwarnung geben: „Es ist damit zu rechnen, dass die Zahlen die nächsten 14 Tage nicht zurückgehen." Momentan sieht der Landrat drei Corona-Schwerpunkte im Landkreis: Tirschenreuth, Kemnath und Plößberg. Dies zeigen auch die aktuellen Covid-19-Zahlen auf Gemeindeebene.

Was immer deutlicher wird: Die hoch ansteckende britische Corona-Mutation hat sich offenbar auch im Kreis Tirschenreuth eingenistet. Mittlerweile gibt es schon 131 Verdachtsfälle. Der Grund für die hohe Zahl ist, dass in den vergangenen drei Tagen alle positiven Testergebnisse auf die Mutation untersucht wurden. In anderen Kreisen erfolgt dies nur stichprobenartig. „Dadurch sind die Zahlen mit anderen Landkreisen nicht vergleichbar. Wir halten diese Vorgehensweise aber für absolut sinnvoll, um einen genauen Überblick über die aktuelle Lage zu bekommen“, stellt Landratsamt-Pressesprecher Wolfgang Fenzl klar.

„Professionelle Arbeit“

Die ersten Mutationsverdachtsfälle hat es laut Grillmeier vergangene Woche in Kemnath gegeben. Zudem sei schon die Tage davor ersichtlich gewesen, dass im ganzen Landkreis die Zahl der Coronafälle nicht sinke. Daher habe er beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) um Unterstützung gebeten, um herauszufinden, „ob wir auf dem richtigen Weg sind“.

Zwei LGL-Mitarbeiter – ein Arzt und ein Hygienekontrolleur – haben daher vier Tage alles unter die Lupe genommen, und die Rückmeldungen der beiden Experten seien positiv gewesen. Gesundheitsamt und Testzentren sei „professionelle Arbeit“ bescheinigt worden. Dort werde Außergewöhnliches geleistet. Das Gesundheitsamt ist momentan etwa mit 60 Mitarbeitern besetzt. Dazu kommen die nächsten Tage zwei Ärzte und 15 Personen zur Kontaktnachverfolgung.

Gegenseitige Vorwürfe

In den vergangenen Tagen musste der Landrat auch einiges an Kritik einstecken. Für ihn sei dies nicht nachvollziehbar: „Jeder, der uns jetzt Vorwürfe macht, sollte sich selbst fragen, ob er sich immer an die Regeln hält.“ Grundsätzlich sei man auf konkrete Hinweise angewiesen. Die gegenseitigen Vorwürfe und das Fingerzeigen müssten aufhören. Es gelte, wie im Frühjahr 2020 wieder mehr zusammenzuhalten.

Noch schärfere Beschränkungen im Landkreis sind momentan nicht angedacht. „Was sollen wir noch draufsetzen?“, fragt Oberregierungsrat Markus Zapf. Es gelte immer abzuwägen zwischen der Eindämmung der Pandemie und der Akzeptanz der Regelungen in der Bevölkerung. Welche Einschränkungen noch möglich seien, hätten einige Beispiele aus Sachsen und Thüringen gezeigt.

Für den Landrat steht fest, dass Gesundheitsamt und Landratsamt konsequent handeln. Dabei greift er auch einige Punkte auf:

Tschechische Grenzpendler

Die Lage im gesamten bayerischen Grenzraum zu Tschechien sieht der Landrat als kritisch. Überall würden die Zahlen steigen. Letztendlich würden alle Kreise in einem Boot sitzen.

Für den Mitterteicher war es ein großer Fehler, die Testpflicht für Grenzpendler auszusetzen. Dies hatte das Bayerische Verwaltungsgericht Ende November veranlasst. Seit Ende Januar gibt es nun sogar eine verschärfte Testpflicht (48 Stunden). „Wir müssen auf Basis der gesetzlichen Vorgaben handeln“, macht Grillmeier deutlich, dass es hier kaum Handlungsspielraum gebe.

Trotzdem hat der Landkreis noch einmal reagiert: Seit Donnerstag gibt es für die Grenzpendler nur noch Antigen-Schnelltests an den Testzentren in Waldsassen und Tirschenreuth. Diese Verfahrensweise ermögliche einen schnelleren Nachweis und minimiere die Zeit zwischen Test und Ergebnis. Das Resultat liegt nach spätestens 30 Minuten vor.

Fenzl hat aktuelle Zahlen parat: Seit Beginn der Testpflicht (23. Januar) gab es 131 positive Fälle bei tschechischen Grenzpendlern mit Arbeitsort Landkreis Tirschenreuth. Aktuell liegt bei 29 tschechischen Grenzpendlern der Verdacht auf eine Virusmutation vor. Diese Zahlen zählen aber nicht für die Statistiken des Landkreises.

Außerdem verweist Oberregierungsrat Markus Zapf darauf, dass Polizei und Bundespolizei noch stärker an den Grenzübergängen bei Waldsassen, Mähring und Bärnau kontrollieren. „Wir haben die Mitteilung bekommen, dass rund 90 Prozent ein negatives Testergebnis mit sich führen oder eben gerade zum Testzentrum fahren“, so der Jurist. Grillmeier macht aber auch deutlich, dass die Grenzpendler schon jetzt sehr viel auf sich nehmen.

Lage in den Firmen

„Wir versuchen, mit den Firmen zu kooperieren und nehmen auch deren Wünsche auf“, geht der Landrat auf die Zusammenarbeit mit den Unternehmen ein. Denn das Infektionsgeschehen habe sich von den Pflegeeinrichtungen auf die Firmen verlagert. Es gebe fünf/sechs Betriebe in denen es jeweils rund fünf Mutationsverdachtsfälle gebe. Insgesamt seien Firmen in rund 15 Gemeinden betroffen.

„Wir gehen hier konsequent vor. Und ziehen auch bei den betroffenen Firmen Schnelltests und Reihentestungen durch“, sagt Grillmeier. Notfalls werde es zu Betriebsschließungen kommen. Markus Zapf schränkt aber ein, dass so ein Vorgehen verhältnismäßig sein müsse. „Wir schauen uns das alles ganz genau an.“ Eine Schließung könne auch nur einzelne Teilbereiche betreffen.

Wenn möglich sollten Firmen Homeoffice anbieten. Wobei der Landrat einschränkt, dass der Landkreis sehr gewerblich geprägt ist. Und Wirtschaftsförderer Volker Höcht verweist darauf, dass immer mehr Betriebe Zugangskontrollen einführen und es auch von den beiden LGL-Mitarbeitern weitere Tipps gab.

Verdacht auf Corona-Mutation

Wie die Corona-Mutation in den Landkreis eingetragen wurden, steht nach Angaben von Dr. Stefan Geyer, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts, nicht fest. Die Corona-Mutation komme laut Grillmeier nicht nur aus Tschechien. Auch in Bayreuth habe es schon Fälle gegeben. „Ich will nicht den Schluss ziehen, dass alles aus Richtung Tschechien kommt“, sagt der Landrat.

Zudem betont er, dass letztendlich alle Landkreise betroffen seien. Dies belegt Grillmeier auch damit, dass es kein höheres Corona-Einsatzgeschehen im Kreis Tirschenreuth gebe als in Neustadt und Weiden. Das hätten ihm die Verantwortlichen der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz (ILS) bestätigt.

Hohe Testzahlen

Seit einigen Wochen kommt auch immer wieder der Hinweis auf die hohen Testzahlen im Landkreis Tirschenreuth. „Uns ist eine außergewöhnliche hohe Testleistung bestätigt worden. Da liegen wir in Bayern mit vorne“, so der Landrat. Dieser Weg sei der richtige. Denn nur so könne man die Fälle aufdecken. Es gebe keine Testbeschränkung, und auch Leute aus anderen Landkreisen würden das Angebot nutzen.

Zur Untermauerung hat das Landratsamt auch die eigenen Zahlen zur Verfügung gestellt: In den beiden Testzentren (inklusive mobiles Team) gab es im Januar insgesamt 28.052 Tests, davon waren 15.071 tschechische Grenzpendler und 12.981 Deutsche. Zum Vergleich: Das Testzentrum Weiden/Neustadt führte im Januar insgesamt 6412 Tests durch, darin enthalten sind 2296 tschechische Grenzpendler. Wobei Zapf einschränkt, dass in anderen Kreisen möglicherweise Hausärzte mehr testen.

Kreis Tirschenreuth: 44 Coronafälle in Asylbewerber-Unterkunft

Tirschenreuth
Hintergrund:

Aktuelle Coronazahlen Landkreis Tirschenreuth

  • Neue Coronafälle (Stand: Donnerstag, 13.30 Uhr): 45, davon befanden sich 8 schon in Quarantäne.
  • Verdachtsfälle auf eine Corona-Mutation: 78 neue Fälle, insgesamt aktuell 131. Diese Zahl ist bei der Gesamtzahl der Infizierten bereits enthalten.
  • Corona-Tote: 3 neue Todesfälle. Dabei handelte es sich um Personen mit Vorerkrankungen, deren Alter das Landratsamt mit Mitte 60, Mitte 80 und Ende 80 angab. Damit steigt die Zahl der Corona-Toten auf 207.
  • Gesamtzahl der positiv Getesteten: 3554.
  • 7-Tage-Inzidenz Deutschland: Kreis Tirschenreuth 351, Kreis Wunsiedel 264, Kreis Bayreuth 141, Kreis Neustadt/WN 158 (Quelle: Robert-Koch-Institut).
  • 7-Tage-Inzidenz Tschechien: Kreis Eger 1127, Kreis Sokolov 1081, Kreis Karlsbad 727, Kreis Tachau 598 (Quelle: Tschechisches Gesundheitsministerium).

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