15.09.2019 - 17:43 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Mauerfall aus Künstler-Sicht

Einen außergewöhnlich Ort hat sich der Kunstverein Tirschenreuth für seinen Fortbildungsausflug ausgesucht. Die Ausstellung „Point of no return“ in Leipzig arbeitet die Wende künstlerisch auf

Auch noch ganz hoch oben gab es manches Werk zu bewundern.
von Ulla Britta BaumerProfil

Der weite Weg nach Leipzig hat sich mehr als gelohnt. Von der Sonderausstellung "Point of no return", die erst seit einigen Tagen im "Museum der bildenden Künste" in Leipzig gezeigt wird, konnten alle teilnehmenden Mitglieder des Kunstvereins Tirschenreuth für sich etwas mitnehmen. Ob in Technik, in der Farbgebung oder bei der emotionellen Aufarbeitung eines politischen Umbruchs: Die Teilnehmer lernten viele hochinteressante Details aus dem Künstlerleben der Kollegen aus Ostdeutschland kennen.

Vorsitzende Petra Schicker hat das Ziel für die Fortbildungs-Fahrt ausgesucht. Die 43-jährige Almut Zimmermann führte die Stiftländer Künstler durch die Ausstellung. Sie verstand es, die Kunstrichtungen vor und nach der Wende anhand der ausgestellten Beispiele zu vermitteln.

Als ein Kind der DDR, das den Mauerfall im Alter von 13 Jahren erlebt hat, flocht die Kunstführerin Geschichten und Anekdoten aus ihrem damaligen Leben und dem streng "limitierten" Dasein der DDR-Künstlergilde in ihre Ausführungen ein. Zimmermann erzählte den Tirschenreuthern, dass die Künstler zu DDR-Zeiten nur mit positiver Darstellung des Sozialismus groß werden konnten. "Wer malte, was er wollte, musste arm und unbekannt bleiben."

Friedlicher Umbruch

In der Ausstellung zeigte und erklärte sie mehr als 130 Werke von rund 60 Künstlerinnen und Künstlern. Die KVT-Mitglieder erfuhren, dass diese Sonderpräsentation erstmals in dieser Art im "Museum für bildende Künste" gezeigt werde. 30 Jahre nach der Wende wolle man die Perspektiven auf die friedliche Revolution, die Wende und den Umbruch darstellen, so Zimmermann. Definiert werden der unerwartete Mauerfall und die Neudefinition künstlerischen Schaffens. "Sie können sich sicherlich vorstellen, was das für die Künstler bedeutet hat", reflektierte Zimmermann. Die Tirschenreuther Künstler erlebten dies mit Malereien, Installationen und Skulpturen, die extrem mit Emotionen aufgeladen sind.

Geschaffen hatten die Werke Hiergebliebene, Dissidenten sowie Reformer und Rebellen unter den Künstlern, erklärte Zimmermann weiter. Als Gegensatz zur sozialistischen Kunst stellte sie zombie-artige Plastiken heraus, die geduckt ohne erkennbare Gesichter wie in Knechtschaft daherkamen. Es sei den Künstlern ein inneres Bedürfnis, etwas von der Stimmung, dem Umbruch und der Befreiung weiterzugeben.

Politisches Sandmännchen

Die surrealistischen Darstellungen waren nur eine Seite der Sonderausstellung. Die Oberpfälzer sahen anhand von Installationen und künstlerischen Umarbeiten, wie die "Jugendweihe" in der DDR als Religionsersatz dienen sollte. Selbst das Sandmännchen hat bei einem Künstler Gefallen gefunden. Die Ausflügler diskutierten, ob man ein Sandmännchen, eine Figur für Kinder, politisch "missbrauchen" dürfe. Kinder in Kindergärten und Schule habe man laut Kunstführerin gefragt, welche Episode sie am Abend zuvor gesehen hätten. Damit hätte das Regime ausspioniert, wer zu Hause Westfernsehen schaute. Kunstvolle Ansätze, grandiose Werke, Witziges und Nachdenkliches: Petra Schicker und ihre Stellvertreterin, Kerstin Rumswinkel, fanden das Leipziger Museum sowie die Sonderausstellung sehr gelungen und können es nur weiterempfehlen. Die Fortbildungs-Teilnehmer konnten später noch auf eigene Faust die weiteren Abteilungen des Museums erkunden. Unter anderem ist in Leipzig aktuell eine große Sonderausstellung von Musiker Udo Lindenberg im Kellergeschoss zu sehen.

Nicht unwichtig war der gemütliche Teil der Exkursion nach Leipzig. Mit einem Stadtbummel und einem gemütlichen Essen in der Innenstadt klang der Ausflug aus.

Ein Werk von Wolfgang Mattheuer.
KVT-Vorsitzende Petra Schicker bedankte sich bei Kunstführerin Almut Zimmermann, die leidenschaftlich und anschaulich durch die Sonderausstellung führte.
Aufmerksam lauschten die Tirschenreuther, was Almut Zimmermann (rechts) erzählte über die DDR-Kunst und die Zeit danach.
Auch großartige Skulpturen konnten betrachtet werden.
Service von allen Seiten: Teils konnte man sich vor die Werke setzen und während des Betrachtens der Kunstführerin Almut Zimmermann lauschen.
Die Kunst der Sonderausstellung "Point of no return" ist nicht gefällig und will das auch nicht sein.
Ein Werk von Doris Ziegler. Die Tirschenreuther hörten, dass es in der ehemaligen DDR besonders die Frauen unter den Künstlern sehr schwer hatten.
Nur eines von 60 großartigen Talenten: Dieses Gemälde stammt von Clemens Gröszer.
Lustwandeln zwischen skurillen Gestalten.
Beginn der Besichtigungstour im Foyer. Und ja, auch dieser munter aufeinander gestapelte Stuhlberg im Hintergrund ist ein Kunstwerk.
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