27.03.2020 - 16:18 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Nadel und Faden für die Gesundheit

Mundschutzmasken werden momentan zunehmend weniger. Immer mehr Menschen greifen daher auch im Landkreis Tirschenreuth in ihre Nähkiste, um selbst die Masken zu produzieren. Jedoch ist es nicht einfach, an das notwendige Material zu kommen. Doch die Not macht auch erfinderisch.

Die beiden Enkel von Gerda Schmid haben geholfen den Stoff mit Nadeln zu fixieren. Im Anschluss wurden die Masken zur Oma gebracht.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

"Wir sind eine ganze Truppe mittlerweile", sagt Doris Scharnagl-Lindinger. Sie und neun weitere Personen nähen fleißig Mundschutzmasken. Mit dabei sind Patricia Stark, Gerda Schmid, Andrea Waidhas, Nina und Paul Sperrer, Alexandra Weiss, Jaqueline Jettke, Petra Martin und Janina Köppel. Natürlich macht das jeder bei sich zu Hause, vernetzt sind alle über Whatsapp und Telefon. "Wir verlangen nichts dafür, sondern wollen helfen", sagt Scharnagl-Lindinger. Seit Sonntag ist die Gruppe im Einsatz.

In Mitterteich, aber auch im ganzen Landkreis, entstehen Initiativen, die Mundschutzmasken produzieren. Damit helfen die freiwilligen Näher und Näherinnen Pflegern, Ärzte und auch Risikopatienten.

Kochfeste Stoffe

Das schwierigste bei der Aktion ist die Materialbeschaffung wegen der Ausgangssperre. "Über Michael Friedl konnte ich den Stoff besorgen", sagt Scharnagl-Lindinger. Dabei achten die Näher darauf, dass das Material kochfest ist und hygienisch gewaschen werden kann. Am schnellsten gehen den Freiwilligen aber die Gummis als Halterung für die Ohren aus. "Deswegen habe ich über Facebook öffentlich gemacht, dass uns die Materialien ausgehen." Daraufhin kamen Stoffspenden, eine Nähmaschine und auch die wertvollen Gummis aus der Bevölkerung. Zudem schickte die Firma Jäpel aus Tirschenreuth Nachschub. "Daran sieht man, dass die Leute in dieser Situation zusammenhalten", erklärt Scharnagl-Lindinger.

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Die ehrenamtliche Gruppe hat bis Donnerstagabend schon 177 Masken produziert und verteilt. Geholfen wurde damit bereits der Diakonie in Bayreuth, der AWO, dem BRK, Arztpraxen, Privatpersonen oder Menschen, die zu den Corona-Risikogruppen gehören. Zudem gibt es Anfragen von Medizinern oder Pflegern. "Viele haben ja keine Masken mehr und sagen, dieser Mundschutz ist besser als gar nichts." Dabei muss jeder Näher und jede Näherin jeden Arbeitsschritt selber machen. Gefertigt werden Mundschutzmasken mit drei Falten. "Es sind viele kleine Einzelschritte. Für einen Mundschutz brauche ich etwa ein halbe Stunde." Am Tag schafft Scharnagl-Lindinger etwa 20 Stück. Zunächst wird der Stoff zugeschnitten, dann werden die Falten mit Stecknadeln abgesteckt. Des Weiteren werden die Masken oben und unten eingefasst. "Über die Nase kommt ein Drahtstück. Damit die Maske besser sitzt." Schließlich werden die Seiten genäht und die Gummis für die Ohren eingefasst.

Conny Franz hat die Arbeit bereits aufgenommen. „Wir brauchen aber noch weitere Unterstützer“, sagte die Schönhaiderin. Die freiwillige Näherin ist Mitinitiatorin der Facebook-Gruppe "Wiesau näht - wie sau".

Erste Prototypen

Die Hatico Mode GmbH in Tirschenreuth bekam mehrere Anfragen, ob das Unternehmen Mundschutzmasken herstellen könnte. "Für uns ist das neu. Wir prüfen derzeit in unseren Betrieben in Osteuropa, ob eine Produktion möglich ist", sagt Geschäftsführerin Stefanie Supguth. Erste Prototypen seien schon fertig und werden getestet. "Das ist kein medizinischer Mundschutz. Aber er hilft, wenn jemand Erkältungssymptome hat, dass sich niemand ansteckt."

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Die Masken sind waschbar und kochfest, um hygienisch wiederverwendet werden zu können. Die einzige Schwierigkeit dabei sei, den richtigen Draht zu finden. "Der sollte nach dem Waschen nicht rosten oder durch den Stoff stoßen." Ein Vorteil: Der industriell gefertigte Mundschutz ist von der Qualität her belastbarer. Intern hat sich in der Firma eine "Hatico-Nähgruppe" gebildet. "Unsere Mitarbeiterinnen nähen bei sich zu Hause die Masken." Im Unternehmen wurden dafür Pakete mit Stoffen sowie Gummis gepackt und gespendet. "Die Gruppe fertigt zweilagige Masken mit verschiedenen Stoffen innen und außen." Bisher konnten die Näherinnen Masken an Feuerwehren, Altenheime und den Elisabethenverein übergeben werden. Zudem spendete Hatico Stoffe an private Hilfsgruppen.

"Wir haben auch Geschäftskontakte in China, da wir dort Stoffe kaufen", erklärt Supguth. Die Partner in Asien wollen dem Unternehmen mehrere medizinische Einwegmasken schicken. "Wenn alle da sind, wollen wir die an medizinische Einrichtungen spenden."

Info:

Digitaler Zusammenhalt

Am Montag bat das Caritas Alten- und Pflegeheim St. Marien in Erbendorf ebenfalls um Hilfe. Auch dort wurden dringend Mundschutzmasken benötigt. Innerhalb weniger Tage fanden sich rund 30 Personen zusammen, die sich bei der Produktion unterstützen. Geholfen hat ein Aufruf über Facebook, hier wurde eine eigene Gruppe für die Helfer und Unterstützer gebildet. Inzwischen ist das Caritas Seniorenheim wieder versorgt. Nun unterstützen die Freiwilligen auch das BRK-Altenheim.

Helferinnen des Maschinenring Tirschenreuth nähen derzeit ehrenamtlich für die Dialyse in Weiden und für die Pflegekräfte in den Altenheimen in Tirschenreuth. Die Organisation machte auf Instagram einen Spendenaufruf. „Stoffe haben sie derzeit noch genug, allerdings wäre ihnen mit Hosengummis 0,7 Zentimeter breit sehr geholfen.“ Spenden können in der St.-Peter-Straße 33 c abgegeben werden. In der Geschäftsstelle des Maschinenrings ist eine Box aufgestellt, wo die Gummis rein geworfen werden können.

Auch in Wiesau gibt es seit Donnerstag die Facebook-Gruppe „Wiesau näht - wie sau“. „Innerhalb der letzten 24 Stunden ist die Gruppe riesig gewachsen“ sagt die Mitinitiatorin Conny Franz. Sie und auch Oliver Zrenner haben bereits Anfragen zu den Masken erhalten. 17 Personen wollen helfen. Unterstützt werden sollen die Behindertenwohngruppe in Wiesau, Krankenhäuser und die AWO in Mitterteich. Aber auch hier sind Materialien knapp. „Wir wären dankbar für Stoff-, Gummi- und Geldspenden.“ Wer etwas davon übrig hat, oder sich der Gruppe anschließen möchte, kann sich bei Conny Franz (09634/915412), Melanie Brunner (09634/5949744) und Oliver Zrenner (E-Mail: mundschutz4you[at]gmail[dot]com) melden.

Stoffbänder statt Gummis

Auch Bernhard Eckstein aus Waldsassen hat sich Gedanken zu der aktuellen Situation gemacht. Die Schwester des 73-Jährigen arbeitet im Altenheim in Waldsassen. Dort wurden dringend Mundschutzmasken benötigt. "Vor 14 Tagen ist diese Idee entstanden. Die Mitarbeiter dort sind froh, wenn sie etwas haben. Und man selbst ist froh, wenn man etwas tun kann", sagt Eckstein. Seither hat er schon 40 Masken an die Pfleger des Seniorenheims spenden können.

Das Bild zeigt eine Schablone zum Nähen einer Mundschutzmaske. Auf der linken Seite sind das Ehepaar Marianne und Albert Kraus zu sehen, die mit Familie, Freunden und Nachbarn gemeinsam für die gute Sache nähten.

Er holte auch seine Cousine Marianne und ihren Mann Albert Kraus aus Tirschenreuth mit ins Boot. Freunde und Nachbarn halfen ihnen, die Masken zu fertigen. "Alleine würde man das gar nicht schaffen", sagt Marianne Kraus. Auch ein Altenheim in Tirschenreuth wurde mit der Produktion bedacht. Frische Betttücher dienten als Stoff. "Es gibt ja keine Gummis mehr. Also hat unsere Nachbarin meterweise Stoffbänder für uns gemacht." Ein befreundetes Ehepaar kümmerte sich um die Schablonen und den Zuschnitt des Stoffs. Das Nähen übernahmen das Ehepaar Kraus und Bernhard Eckstein. Als alles fertig war, wurden die Masken noch einmal gewaschen und gebügelt, bevor sie ausgeliefert wurden.

Info:

Initiative auch in Mähring

Wer Nähen kann und Stoffreste übrig hat, ist aufgerufen sich am Nähen von Mundschutz zu beteiligen. Wegen der fortschreitenden Infektionen mit dem Coronavirus in Deutschland empfiehlt das Robert-Koch-Institut inzwischen auch ambulanten Pflegediensten die Verwendung von Mundschutz bei der Versorgung ihrer Patienten. Das bringt viele Pflegedienste aber in eine schwierige Situation: Schutzmaterial ist Mangelware, Vorrang bei der Verteilung haben natürlich Krankenhäuser. Um den Versorgungsengpass zu überbrücken, kann vorübergehend selbstgenähter Mundschutz zum Einsatz kommen, am besten aus kochfester Baumwolle.

Weil für jeden Patienten täglich ein frisch gewaschener Mundschutz zum Einsatz kommen soll, sind mehrere hundert Exemplare notwendig. Alle, die sich beteiligen möchten oder Nachfragen haben, können sich bei Annette Kraus unter Telefon: 09639/91150 melden. Mit ihr kann auch die Abgabe der fertigen Exemplare vereinbart werden.

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