15.04.2021 - 12:49 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Nach Sekundenschlaf und schwerem Unfall vor Gericht

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Weil ein Student wohl am Steuer eingenickt war und so einen Unfall auf der A 93 bei Mitterteich verursacht hatte, muss er sich vor dem Amtsgericht Tirschenreuth verantworten. Für den Mann geht es laut Verteidigerin um seine Existenz.

Vor dem Amtsgericht Tirschenreuth musste sich ein 27-Jähriger wegen fahrlässiger Gefährdung im Straßenverkehr verantworten. Er hatte einen Unfall auf der Autobahn bei Mitterteich verursacht..
von Lena Schulze Kontakt Profil

Nervös zappelnd sitzt der 27-Jährige auf der Anklagebank. Wie es am 18. September 2020 zu dem Unfall auf der A 93 bei Mitterteich kam, kann sich der Student aus der mittleren Oberpfalz nicht erklären. Laut Anklage war wohl Sekundenschlaf die Ursache. Vor dem Amtsgericht Tirschenreuth muss er sich wegen fahrlässiger Gefährdung im Straßenverkehr verantworten.

„Die Strecke kenne ich in- und auswendig. Ich fahre sie seit drei Jahren jede Woche.“ Den Heimweg in die Oberpfalz vom Studienort in Sachsen trat der 27-Jährige damals gegen 23 Uhr an. „Normalerweise fahre ich bei Mitterteich Süd zu McDonalds, hole mir einen Kaffee und einen Schokokuchen und mache Pause.“ Dazu kam es in besagter Nacht nicht.

Keine Erklärung für Unfall

Kurz vor der Abfahrt zur Kaffeepause passierte es: Um 0.35 Uhr auf der A 93 Richtung Süden zwischen Pechbrunn und Mitterteich Nord kam er mit seinem Auto bei Tempo 120 links von der Fahrbahn ab, krachte in die Mittelschutzplanke und kam auf der linken Spur quer zum Stehen. Wie das passieren konnte, kann er sich nicht erklären. Während der Student redet, tippelt er aufgeregt mit den Füßen. Seine Verteidigerin Gertrud Bauer erklärt, dass ihr Mandant keine Anzeichen von Übermüdung hatte und auch keine geistigen oder körperlichen Mängel vorlagen. „Wir bestreiten den Tatbestand.“

Der Staatsanwalt fragt nach, was als Nächstes passiert sei. Der junge Mann sei aus dem Auto ausgestiegen und habe sich hinter die Leitschutzplanke am Standstreifen gestellt. Zwei Ersthelfer kamen ihm zu Hilfe, einer sicherte die Unfallstelle ab, der andere betreute den Unfallfahrer.

Der Student rief die Polizei. Etwa vier Minuten später sah eine Opelfahrerin das stehende Auto auf der Fahrbahn zu spät und fuhr frontal in den Wagen. Durch die Kollision kam ihr Opel ins Schleudern und überschlug sich mehrmals. Die Fahrerin wurde leicht verletzt. An ihrem Auto entstand Totalschaden in Höhe von 9000 Euro. „Was passiert ist, tut mir schrecklich leid“, sagt der junge Mann.

Notruf wird abgespielt

Dann spielt Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß die Aufnahme des Notrufs des Studenten bei der Polizei ab. Dabei lässt der Angeklagte den Kopf in die Hände sinken. Auf der Aufnahme ist zu hören, wie die Stimme des 27-Jährigen zittert, während er mit dem Polizisten spricht. „Wahrscheinlich Sekundenschlaf“, sagte er dem Polizisten. „Ich habe beim besten Willen nicht den Eindruck, dass sie mords unter Schock gewesen wären“, beurteilt der Richter das Telefonat. „Freilich war mein Mandant aufgeregt. Seine Stimme zitterte beim Anruf“, macht Verteidigerin Gertrud Bauer deutlich.

Der Staatsanwalt gibt an, dass ein Fahrverbot und eine Geldstrafe das absolut Mindeste seien. Normalerweise werde die Fahrerlaubnis für sechs Monate entzogen. Diese Abweichung vom Strafmaß sei schon eine Ausnahme. „Das Mindeste ist die Einstellung des Verfahrens“, bleibt die Verteidigerin bei ihrem Standpunkt.

Urteil: Nur Geldstrafe

Für den 27-Jährigen gehe es um seine Existenz. Er wolle jetzt nach dem Studium sein eigenes Unternehmen gründen und sei auf den Führerschein angewiesen. Während der Pandemie habe der Angeklagte keine Einkünfte aus seinem Nebenjob in der Gastronomie. Bei einem Fahrverbot wäre es ihm nicht möglich, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch eine hohe Geldstrafe wäre eine große Beeinträchtigung für den jungen Mann.

Im Rahmen eines Rechtsgesprächs äußert Richter Thomas Weiß Bedenken, ob eine Verurteilung wegen Gefährdung im Straßenverkehr in Betracht komme (Hintergrund). In der Aufnahme des Notrufs – als der Angeklagte von Sekundenschlaf sprach – liege möglicherweise nur ein Erklärungsversuch für den Unfall vor. Der Staatsanwalt kann sich eine Einstellung des Verfahrens unter der Auflage einer Geldstrafe von 500 Euro vorstellen.

Die Verteidigerin und ihr Mandant sind damit einverstanden. Der Student zahlt seine Geldstrafe an die Mobile Hilfe des Samariterdienstes München, die mit dem „Wünschewagen“ todkranken Patienten einen letzten Wunsch erfüllt.

"Leck mich am Arsch" kostet viel Geld

Tirschenreuth
Hintergrund:

Sekundenschlaf mit Unfall als Folge

  • Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen und dadurch Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Auch die Entziehung der Fahrerlaubnis ist möglich. (Quelle: www.bussgeldkatalog.de)
  • Kommt es wegen eines Sekundenschlafs zu einem Verkehrsunfall, stellt dies nur dann grobe Fahrlässigkeit dar, wenn sich der Unfallverursacher bewusst über von ihm erkannte Übermüdungserscheinungen hinwegsetzt. Nimmt der Fahrer die Übermüdungserscheinungen nicht wahr, so liegt nur eine einfache Fahrlässigkeit vor. Dies hat das Oberlandesgericht Celle entschieden (14 U 8/20).
  • Im aktuellen Fall am Amtsgericht Tirschenreuth sei die Anklage laut Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß sowieso schon vom normalen Strafmaß abgewichen. Statt dem Entzug der Fahrerlaubnis sollte es nur ein Fahrverbot von sechs Monaten in Kombination mit einer Geldstrafe geben. Die Abweichung sei eine absolute Ausnahme.

 

 

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