10.01.2020 - 17:14 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

"Selbsthilfegruppe wie eine Familie"

Ob Gruppenabende, Ausflüge oder grenzüberschreitende Projekte: Die Selbsthilfegruppe „Behinderte und Nichtbehinderte“ bietet viele Möglichkeiten zum Austausch. Das macht nicht nur Spaß, sondern hilft manchen Teilnehmenden zurück ins Leben.

„Unser Vorstand ist inklusiv aufgestellt und jeder hat viele verschiedene Aufgaben“, betont Vorsitzende Martina Sötje (rechts). Mit im Bild (von links) Christine Fröhlich, Stefan Rösch, Annemarie Schöner, Peter Moller, Bettina Reger, Birgit Georgius, Christian Seiler, Alexandra Keller und Erich Sellner.
von Alicia FuchsProfil

Dass die Selbsthilfegruppe "Behinderte und Nichtbehinderte" für jeden im Landkreis etwas zu bieten hat, zeigt schon ein Blick in die Statistik: Sowohl 16-Jährige als auch Teilnehmer im Alter von 95 Jahren beteiligen sich aktiv am Programm. Teil dieses Programms sind regelmäßige Gruppenabende, die einmal monatlich stattfinden. Angefangen hat der Verein, der mittlerweile seit mehr als 30 Jahren besteht, mit einem deutlich kleineren Angebot, hauptsächlich gab es eine Bastel- und eine Schwimmgruppe. "Nach und nach kamen unsere Aktionen dann immer mehr ins Rollen", berichtet Martina Sötje, die Vorsitzende der Selbsthilfegruppe.

Sie und ihr Team stellen jedes Jahr eine breitgefächerte Auswahl zur Verfügung. Vom Segeln oder Eisstockschießen bis hin zu Nachmittagen mit der Mal- oder Handarbeitsgruppe findet jeder etwas, das ihn interessiert. Die Schnauferl-Gruppe bietet Menschen mit Lungenerkrankungen spezielle Atem- und Gymnastikübungen. Bei einem lockeren Stammtisch können MS-Betroffene Informationen und Gedanken austauschen. Relativ neu ist die sogenannte Holzwurm-Gruppe, die sich Kreativ-Projekten rund ums Holz widmet. Manche Aktionen sind zudem auf bestimmte Altersgruppen zugeschnitten und etwa speziell für Jugendliche oder für Senioren, viele laden aber alle zum Mitmachen ein. Außerdem finden häufig Vortragsabende statt, für die die Verantwortlichen jeweils ein Thema auswählen, das im Alltag jedes Menschen eine Rolle spielt. In der Vergangenheit erfuhren die jeweils etwa 60 bis 100 anwesenden Gäste zum Beispiel Wissenswertes über Ernährung oder Erste Hilfe.

Vereinseigener Fahrdienst

Neben den regelmäßig stattfindenden Programmpunkten organisiert die Selbsthilfegruppe immer wieder einzelne Veranstaltungen. Der Pfingsttanz, der Inklusionslauf oder der Zoigl-Wandertag ermöglichen die Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen. Im vergangenen Jahr fand außerdem zum ersten Mal ein Oktoberfest statt. Neben der Weihnachtsfeier gibt es jedes Jahr Stände der Selbsthilfegruppe auf den Weihnachtsmärkten in der Umgebung, zum Beispiel in Tirschenreuth, Mitterteich und Kemnath. In der närrischen Zeit ist der Fasching für Behinderte und Nichtbehinderte im Wiesauer Pfarrzentrum jedes Jahr ein echter Höhepunkt. Auch einen Fahrdienst für die Teilnehmenden bieten die Organisatoren an. Der Vereinsbus kann insgesamt bis zu neun Personen unterbringen. Eine zusätzliche Unterstützung sind, soweit möglich, Helfer mit ihren privaten Autos. Sollte es dann trotzdem noch einen Mangel an Mitfahrgelegenheiten geben, stellen die Malteser Fahrzeuge zur Verfügung. Diese Transportdienste sind notwendig, da die öffentlichen Verkehrsmittel im Landkreis meist nicht die benötigten Strecken zurücklegen, besonders nicht zu den entsprechenden Zeiten. Außerdem ist die Barrierefreiheit des Nahverkehrs oft nicht ausreichend. Zur Zeit engagieren sich rund 50 Freiwillige. Die hohe Nachfrage sprengt allerdings oft den Rahmen des Möglichen, weshalb sich die Verantwortlichen immer sehr über neue Ehrenamtliche freuen.

Zusammenhalt spielt für die Selbsthilfegruppe nicht nur vereinsintern eine große Rolle. Es ist ihr auch wichtig, Partnerschaften mit anderen Organisationen zu pflegen. In Tannenlohe bietet der Verein gemeinsam mit der Caritas jährlich ein Freizeit- und Besinnungswochenende an, an dem sich die Anwesenden jeweils einem bestimmten Thema widmen, einen Gottesdienst feiern und einen Ausflug machen. Hinzu kommt unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Sozialteam, dem Netzwerk Inklusion, der Aktion "Leben Plus" und der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft. Im Zuge der Initiative "Demokratie leben" macht auch die Selbsthilfegruppe auf aktuelle Themen aufmerksam. Das Theaterstück "Sur a Kaas" zeigte den Besuchern zum Beispiel wie es aussehen kann, wenn man zu viel Müll produziert. Passend zum Thema fanden bereits mehrere Müllsammelaktionen in Tirschenreuth statt. Außerdem beteiligen sich die Engagierten an grenzüberschreitenden Projekten. So entstehen beispielsweise deutsch-tschechische Koch- und Backbücher. Der Verein bietet durch seine Aktionen nicht nur Unterhaltung, sondern vor allem einen gesellschaftlichen Mehrwert.

Wie eine große Familie

"Die Selbsthilfe ist wie eine Familie für uns, man kümmert sich umeinander", sagt Sötje. Wenn Menschen mit und ohne Einschränkungen oder Behinderungen zusammenkommen, entstehe ein Gemeinschaftsgefühl. "Man kommt unter Leute, viele finden durch die neuen Kontakte zurück ins Leben", berichten die Vorstandsmitglieder. Es sei ihnen wichtig, dass jeder die Chance hat, sich einzubringen, egal, was er kann und welche Möglichkeiten jemand hat. Es könne sein, dass der eine oder andere manchmal Schwierigkeiten habe, doch es lohne sich, diese gemeinsam zu überwinden. "Jeder kann viel helfen", sagt Sötje. Im jährlichen Mitgliedsbeitrag in Höhe von 16 Euro sind die Teilnahme an den Aktionen, benötigte Materialien zum Basteln, die Inanspruchnahme des Fahrdienstes zu Veranstaltungen sowie das Essen vor Ort inbegriffen. Um diese Aufwendungen auch weiterhin tragen zu können, ist der Verein trotz der Zuschüsse des Bezirks Oberpfalz und der Stadt Tirschenreuth auf Spenden angewiesen.

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