Die Älteren in Stadt und Land wissen noch von jener Schreckgestalt zu erzählen, welche sie nur am Nachmittag des Heiligen Abend erlebten: Es war Aufgabe der Kinder, diesen Geist namens "die Specht" zu füttern. Dazu schütteten die Mädchen und Buben Speiseabfälle vor allem unter die Obstbäume. Gefährlich war das und ging nicht ohne einer gehörigen Portion Mut. Erst wenn diese unangenehme Aufgabe erledigt war, stand fest: "Das Christkind kommt!"
Zwei Formen
Zwei Formen dieses alten Familienbrauches prägten sich aus: Bei manchen Familien "erschien" die Specht als weißer Geist oder als Hexe, direkt beim "Füttern". Kinder schreckte sie mit Sichel, Sensbladl oder Schlachtermesser. Unfolgsamen Kindern begegnete sie sogar mit blutbespritztem Gewand.
Mit wildem Spruch vom "Bauch Aufschneiden" und "Därme entnehmen" verschaffte sich die Specht Respekt. Verständlich, dass dieser negativ besetzte Brauch mit solchem grausigen Beiwerk heute keine Berechtigung mehr hat. Die oberpfälzischen Wurzeln der Figur reichten zurück bis zur blutrünstigen "Luzir" - eine Art Teufelin.
Bei anderen Familien war die Specht positiv besetzt. Dort erschien sie nie. Man hörte sie Messer wetzen - vielleicht, wenn ahnungslose Kinder ihr "das Essen" tragen mussten. Eine Mutprobe, damit im Sommer die Obstbäume besonders fruchten. Ein Resultat aus der Tatsache, dass man zu der Zeit köstliches Obst nicht einfach so im Kramerladen kaufen konnte. Die beschenkte Specht als Obstbringerin bekommt und gibt. Kindern, die sie füttern, hinterlässt sie "Gutterln" zum Dank. Und "sie sagt's dem Christkind".
Die Kulturwissenschaftlerin Professorin Erika Timm aus Trier suchte zehn Jahre lang europaweit Dokumente zu diesen Schreckgestalten (Unholden) der Mittwinterzeit. Ihre Erkenntnisse wie aus der Spercht die "Schnabel-Specht" wurde, reichen weit zurück. Eine kurze Zusammenfassung: 700 vor Christus wird Eisen hochmodernes Werkmittel. Kostbare Spitzentechnologie in der Kultur der Kelten. Ein bedeutender Eisenerz-Fundort ist damals Dalmatien.
Die dortigen Stämme verehren eine gute Göttin, genannt "Perichta". Sie spendet Wohlergehen, Gesundheit und Glück. Die Kelten nehmen sie in ihren Götterhimmel auf, geschmückt mit einer langen Nase aus blankem Eisen, dem kostbaren Metall. Von dort verbreitet sich die "Schnabel-Percht" in Mitteleuropa.
Ersetzt durch heilige Luzia
Nördlich an Dalmatien grenzt das Land der Slawen. Die Bevölkerung dort übernimmt die gute Göttin und setzt ihrem Namen ein slawisches "Sch" voraus - "Schperechta". In den Alpenregionen hält sich hingegen der Name "Percht" für die Göttin des Wohlergehens für ihre bäuerlichen Verehrer. Die heidnische Familiengöttin wandert mit den Slawen in die Oberpfalz. Diese verdammte, heidnische, wenn auch positive Gestalt missfiel im Bistum Regensburg und wurde großräumig durch die heilige St. Luzia ersetzt.
Das Volk machte daraus die gefährliche und bösartige "Luz" oder "Luzir". Die Schreckgestalt setzte sich durch. Schließlich gab es im 18. Jahrhundert in Familien "die Specht" nur noch in einigen tschechischen Sprachinseln, im angrenzenden östlichen Oberfranken und im Stiftland.
Mit eiserner Nas'
Über die heidnische Konkurrenz schreibt 1381 der aufgebrachte Priester Martin von Amberg: "Und etliche glauben an die Percht mit der eisenen Nas'. Sie versündigen sich schwer, wenn sie ihr nachts Essen oder Trinken stehenlassen, damit es ihnen im selben Jahr wohl ergehe und sie in allen Dingen Glück haben."
Als Segensgestalt kommt sie mit ihrem weiblichen Gefolge ins Haus der Familie. Die Glücksbringerinnen zu "speisen" ist die Urform des Specht-Brauches. Alles andere sind spätere Zutaten.
In Konnersreuth versammeln sich die wilden Gesellen an Heiligabend um 12 Uhr am Therese-Neumann-Platz. Erstmals organisiert heuer Stefan Lauterbach mit seinen Freunden diese Tradition, die er von seinen Vorgängern Christian und Siegfried Zitterbart,sowie Ludwig Günthner geerbt hat.
In Pleußen besuchen am Heiligabend ab 12.30 Uhr die Spechten die Dorfgemeinschaft am Dorfplatz. Auch alle Interessierten sind bei Glühwein und Lebkuchen dazu eingeladen.
In Maiersreuth kommen die Spechten am Heiligabend um 13 Uhr zum Feuerwehrhaus am Anger, um mit Brot gefüttert zu werden. Dafür bedanken sie sich mit Süßigkeiten.
In Münchenreuth versammeln sich die „Spuchtel“ an Heiligabend ab 13 Uhr auf dem Dorfplatz.
















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