07.03.2019 - 11:57 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Ein standhaftes Wahrzeichen der Stadt

Der Klettnersturm ist Teil der Tirschenreuther Stadtbefestigung gewesen, lange Zeit beherbergt der Wachturm einen Türmer. Eine Ära, die erst 1972 zu Ende geht.

Der ehemalige Wehrturm der Stadtbefestigung wurde vor 1330 erbaut und 1579 um zwei Stockwerke erhöht.
von Rainer ChristophProfil

(cr) Es gibt wohl kaum ein Motiv in der Kreisstadt Tirschenreuth, das Künstlern aus dem nahen und weitem Umkreis der Stadt so oft Motiv stand, wie der Klettnersturm, das Wahrzeichen des Ortes. Der 25 Meter hohe Turm besitzt 1,5 Meter dicke Mauern. Rund 100 Jahre ist es her, als er in der wirtschaftlich sicher nicht einfachen Zeit der Weimarer Republik so restauriert wurde, wie wir ihn heute sehen können.

Die Geschichte dieses Turmes ist natürlich viel älter und eng mit der gesamten Stadtgeschichte verbunden. Da Tirschenreuth durch seine überdimensionalen Teiche eine Art Insellage hatte, war die Befestigung mit Mauern sehr spärlich ausgefallen. Nur zum Osten hin, entlang der heutigen Regensburger Straße, gab es eine Mauer. In den strengen Wintern froren die Teiche oft so tief zu, dass man sogar mit einem Pferdegespann ohne Probleme darüber fahren konnte. So wurde 1628 beschlossen, die Mauer um die gesamte Stadt zu führen.

Durch Geldmangel, die Not des 30-Jährigen Krieges, ließen sich diese Pläne jedoch nicht umsetzen. Provisorisch wurden Palisaden in die Erde getrieben, allerdings mit wenig Erfolg. Die ursprüngliche Stadtmauer, die auf den Waldsassener Abt Johann IV (1323 bis 1337) zurück ging, hatte die Aufgabe, die von ihm errichtete Burg zu schützen. Im Süden wurde ein zusätzlicher Wachturm gebaut, von dem man ausgehen kann, dass es sich dabei um den Klettnersturm handelt.

1529 erhöhte man ihn um zwei Stockwerke, zwölf Fuß maß jeder Abschnitt, sogar der Name des Mauermeisters ist in den Annalen noch festgehalten. Es handelte ich um einen gewissen Balthasar Kolmann. 50 böhmische Gulden erhielt er für den Auftrag, sowie zwei Taler "Drangeld". Die Handlanger stellte der Magistrat, heute würde man Bauhof sagen. Auch die Bürger wurden in die Pflicht genommen, mit Fuhrwerken mussten sie die Baumaterialien herbeischaffen.

Seinen Namen hat das Wahrzeichen der Stadt von einem Torwächter namens Klettner. Seit rund 400 Jahre lebten Familien im Turm. Aus Unterlagen von Ratsprotokollen ist zu entnehmen, dass die Witwe des Wärters, mit dem Vornamen Helena, als Zeugin in einem Prozess aussagte. Der Name Klettner, auch "Glettner" geschrieben, ist in Tirschenreuth seit dem 30-Jährigen Krieg bis zum heutigen Tage bekannt.

Neben dem Klettnersturm loderte vor zirka 150 Jahren das Feuer einer Esse. Hier betrieb ein Schmied sein Handwerk und der Amboss erklang bei den Hammerschlägen. Der Eingang war übrigens auf der Seite des Schreinermeisters Gleißner und wurde 1896 auf die jetzige Stelle verlegt. Eine Uhr hatte der Turm bereits seit 126 Jahren, die Bevölkerung finanzierte diese durch Spenden. 1932 musste die Uhr erstmals erneuert werden. Für rund 2000 Mark wurde sie in Regensburg gefertigt.

Die Turmwohnung ist seit September 1972 nicht mehr besetzt. Der letzte Turmwächter war Paul Miner. Seine Ehefrau Katharina und Tochter Rosa lebten mit ihn zusammen in der Wohnung. Die Miete war mit einem dreimaligen Gebetsläuten mit der Glocke im Türmchen abgegolten.

Bei einem Klassentreffen des Jahrgangs 1947 wurde der Turm bestiegen und zur Überraschung vieler berichtete Marga Kraus, geborene Eckert, vom Leben auf dem Turm. Von 1948 bis 1952 lebte sie mit ihrer Familie in luftiger Höhe. Sie und ihre Schwester waren in der ungewöhnlichen Wohnstätte zur Welt gekommen. Mehrmals täglich mussten 86 Stufen mühsam überwunden werden, das war der Start für ihren täglichen Schulweg. Vom Brennmaterial über das Wasser fürs tägliche Kochen - alles musste mühevoll hinauf geschleppt werden. Ganze 15 Quadratmeter maß die einzige Stube, in der sich das tägliches Leben der Familie abspielte.

1972 wurde der Turm letztmals renoviert. Er bekam einen neuen Anstrich, eine neue Uhr, das bayerische Wappen wurde durch das Tirschenreuther ersetzt. Probleme bereitet nach wie vor das Wasser im Mauerwerk. Je nach Jahreszeit ist es bis weit über die Eingangstür zu sehen.

Alljährlich öffnet sich die Tür zum Turm beim "Denkmaltag" im September. Viele rätseln, was sich wohl heute in der ehemaligen Türmerwohnung befindet. Die Stadt hat hier eine historische "Türmerstube" eingerichtet. Auf Anfrage sind Besichtigungen des Turms separat zu buchen.

Ein Insidertipp: Am schönsten ist es im Advent im Rahmen einer Stadtführung mit anschließender Besteigung des Turms. Cornelia Stahl, Ehefrau des Bürgermeisters, erzählt dabei von "Weihnachtsriten" der Germanen bis hin zum Tirschenreuther Weihnachtskarpfen. Die Geschichte von der unheimlichen "Specht" fehlt dabei auch nicht.

Im Preis von zirka zehn Euro ist auch ein Becher Glühwein enthalten, den es im Turmzimmer gibt. Hinzu kommt, so Gästeführer Thomas Sporrer, "ein unschlagbarer Blick auf den Weihnachtsmarkt im Fischhof". Diese Führungen finden immer an den ersten beiden Adventswochenenden zum Weihnachtsmarkt statt. Maximale Teilnehmerzahl ist 17. Ist eine Gruppe größer, kann die Führung auch zweimal hintereinander gebucht werden. Die Buchungen sollten frühzeitig erfolgen, da das Programm sehr gefragt sei.

Weitere Informationen gibt es bei der Tourist-Info Tirschenreuth unter Telefon 09631/600248 oder 600249 ("Tour 18: Der Klettnersturm - das Wahrzeichen von Tirschenreuth"). Die Führungen sind buchbar für Gruppen bis maximal 20 Teilnehmern. Sie dauern rund 45 Minuten und kosten vier Euro pro Person oder mindestens 30 Euro (Gruppe). Treffpunkt ist am Haupteingang des Museumsquartiers (Regensburger Straße 6). Trittsicherheit und festes Schuhwerk sind erforderlich. Inhaltlich ist die Führung nicht für Kinder geeignet.

Das Turmzimmer mit seinen rund 15 Quadratmetern wird für die weihnachtlichen Führungen auch geschmückt. Der Ausblick ist beeindruckend.
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