22.08.2019 - 20:47 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Studie: Im Kreis Tirschenreuth sind die Menschen zufrieden

Für den "Teilhabeatlas Deutschland" waren Statistiker in ganz Deutschland unterwegs, um mehr über die Lebensverhältnisse der Menschen zu erfahren. Auch im Kreis Tirschenreuth haben sie sich umgehört - und sind auf positiv gestimmte Oberpfälzer getroffen.

Auf dem Marktplatz in Tirschenreuth genießt man die Sonne – und auch im restlichen Landkreis herrscht Zufriedenheit. Das jedenfalls haben die Macher einer Studie herausgefunden.
von Frank Stüdemann Kontakt Profil

Deutschland ist nach einer neuen Studie weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen in seinen verschiedenen Regionen entfernt. Das geht aus dem "Teilhabeatlas Deutschland" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot-Stiftung hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Wie gut Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben könnten, hänge zu einem guten Teil von ihrem Wohnort ab, sagte Direktor Reiner Klingholz. Die Frage sei, wie Politik auf diese Unterschiede reagieren wolle. "Es geht darum, ob sie die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen als Ziel hinterfragen muss."

Die "Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet" ist in Artikel 72 des Grundgesetzes erwähnt. Eine Kommission aus Bundesministerien und Ländern habe sich bisher jedoch nicht darauf einigen können, was unter Gleichwertigkeit zu verstehen sei, betonte Klingholz. Deshalb wolle der "Teilhabeatlas" die Realität abbilden.

Besonders gut sind Teilhabechancen demnach in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen. Besonders schlecht stehen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall viele ostdeutsche Regionen da - aufstrebende Städte wie Dresden, Jena oder Potsdam ausgenommen. Ihr Schicksal teilen schwächelnde Regionen im Osten inzwischen mit vielen Ruhrgebietsstädten und Teilen von Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Niedersachsen und Schleswig Holstein. Und auch die Hauptstadt Berlin gehört mit ihren Daten zu den Schlusslichtern der Republik.

Gefragt haben die Autoren in rund 300 Interviews mit Bürgermeisten, Wirtschaftsverbänden, Schulen oder Vereinen auch nach dem Lebensgefühl in 15 Regionen in Ost und West. Danach korrespondiert der Wohlfühl-Faktor längst nicht immer mit den statistischen Daten. Das zeigt sich auch im Kreis Tirschenreuth, den die Studienautoren in die mittlere Kategorie ihrer ländlichen "Cluster" (siehe Infokasten) einordneten: nicht "abgehängt", aber auch keine "erfolgreiche" Region.

Viele Gespräche geführt

Hier waren die wissenschaftlichen Institutsmitarbeiter Frederick Sixtus und Sabine Sütterlin an drei Tagen im Januar 2019 unterwegs, um mit den Menschen zu sprechen. "Es gab vorab vereinbarte Einzelgespräche, etwa mit Kommunalpolitikern, Vertretern von Wirtschaft, Medien und Verwaltung", erläutert Sixtus auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. Dann folgten Diskussionsveranstaltungen in den Städten Tirschenreuth und Bärnau, bei denen die Forscher weitere Eindrücke sammelten. "Wir haben einen offenen Fragebogen benutzt, der eine gewisse bundesweite Vergleichbarkeit der Ergebnisse sicherstellen soll", so der Soziologe.

Gefragt haben Sixtus und Sütterlin unter anderem, wie zufrieden die Menschen mit ihrem Leben im Landkreis sind, was sie stört, wie sie die Entwicklung der Region beurteilen und wie sie in die Zukunft blicken. Sie wollten von ihnen aber auch wissen, ob sich ihrer Meinung nach die Politik ausreichend um ihre Bedürfnisse kümmert, und wie sie selbst dazu beitragen, die Lebensqualität in ihrer Heimat zu verbessern. Sixtus' Eindruck: "Die Tirschenreuther sind sehr anpackend, optimistisch und zufrieden." Aber er betont: "Wir haben rein subjektive Ansichten zusammengetragen, keinen repräsentativen Querschnitt." Was sie bei ihren Gesprächen öfter gehört hätten: "Es geht bergauf, und es kehren mehr junge Menschen zurück."

Lebensräume in Deutschland

Der "Teilhabeatlas Deutschland" zum Download

"Krass und schön"

In der Studie finden sich eine Reihe von (anonymisierten) Aussagen, die etwas über das Lebensgefühl im Kreis Tirschenreuth aussagen. "Es gibt auf der ganzen Welt nix Krasseres und Schöneres, als hier zu wohnen", lautet die Einschätzung eines oder einer Befragten. Ein Berufssoldat meinte: "Wenn mein Dienstgrad in Tirschenreuth lebt, ist er gut situiert, wenn der gleiche Mensch in München lebt, ist er eine Kirchenmaus."

Auch weitere Wege, etwa zu Kulturveranstaltungen, seien kein Problem: "Ich vergleiche das immer mit München: In der Stadt muss ich eine Stunde fahren, das muss ich auch, wenn ich von hier nach Regensburg fahre." Wenn die Tirschenreuther im "Teilhabeatlas" Unmut äußern, dann bezieht sich das meist auf die Versorgung: "Man ist auf das Auto angewiesen. Erst kürzlich wurde der Stadtbus in der Kreisstadt eingestellt. Außerhalb der Ortschaften ist das Internet langsam, das Mobilfunknetz lückenhaft, Ärzte werden händeringend gesucht. Viele kleine Läden weichen den großen Supermärkten an den Ortseingängen."

Flüchtlinge oder Migranten, woanders ein Aufreger, sind hier laut der Studie kein Thema. "Sie sind weder in großer Zahl vorhanden, noch gibt es eine ausgeprägte Stimmung gegen sie", schreiben die Autoren. Zudem würden die Nachbarn von jenseits der Grenze als Bereicherung gesehen: "Ohne die Tschechen wäre das Tirschenreuther Freibad ein Defizitgeschäft", heißt es in den anonymen Zitaten, "und in der Gastronomie läuft gar nichts ohne die."

Selbst in prosperierenden Städten seien die Menschen nicht durchweg zufrieden, sagte Autor Manuel Slupina. Es gab etwa Klagen über zu hohe Mieten und Unverständnis über fehlende Schul- und Kitaplätze. "Das lag aber auch daran, dass sich Erzieherinnen mit ihren Gehältern diese Städte nicht leisten konnten", ergänzte Slupina. Außerdem wurde über lange Staus sowie überfüllte Busse und Bahnen geklagt.

Die "Alten und die Doofen"

Umgekehrt gab es eben viel Optimismus in Regionen, die keine guten Daten hatten, aber einen Aufwärtstrend spürten - zum Beispiel in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns. Städte wie Berlin und Leipzig haben trotz ihrer schlechten Daten Zuzug. Doch in Regionen, die sich seit Jahrzehnten in der Abwärtsspirale befinden und in denen mit Abwanderung immer mehr Infrastruktur verloren ging, war die Stimmung häufig dementsprechend mies. "Hier leben die Alten und die Doofen", bekamen die Autoren dann zu hören.

Im Fazit führten ungleichwertige Lebensverhältnisse nicht unbedingt zur Frustration, so Klingholz. Viele Menschen wüssten um die Realitäten und arrangierten sich, weil sie ihre Heimat schätzten. Er schlug der Politik vor, diese Vielfalt zu akzeptieren und Konzepte für schrumpfende Regionen zu entwickeln. Dazu gehöre auch mehr Entscheidungs- und Finanzautonomie für Kommunen. Denn: "Eine Kommune weiß am besten, ob ihre Schule bleiben soll." (Mit Material von dpa)

Lebensverhältnisse in Deutschland.

Der "Teilhabeatlas Deutschland" zum Download

Hintergrund:

Deutsche Regionen im Vergleich

Das Grundgesetz spricht in Artikel 72 von der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“. Nach einer Analyse des Berlin-Instituts für den „Teilhabeatlas Deutschland“ ist die Bundesrepublik davon weit entfernt.

Die Autoren der Studie haben rund 400 Städte und Kreise anhand von acht Indikatoren untersucht. Dazu zählten die Lebenserwartung, kommunale Steuerkraft, Hartz-IV-Quoten, Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss, das jährlich verfügbare Haushaltseinkommen je Einwohner, das Wanderungssaldo der 18- bis 29-Jährigen, Internetkapazitäten sowie die Nahversorgung mit Alltagsgütern, öffentlichen Verkehrsmitteln und Dienstleistungen von Ärzten bis Schulen. Mit Hilfe der Statistiken von Bund und Ländern aus den Jahren 2013 bis 2017 errechneten die Autoren sechs Gruppen, jeweils drei für Stadt und Land, sogenannte Cluster.

Der Kreis Tirschenreuth, den die Autoren der Studie besucht haben, liegt laut ihrer Definition im mittleren ländlichen Cluster: Dieser meint „ländliche Regionen mit vereinzelten Problemen“. Die rund 130 Kreise konzentrieren sich in Westdeutschland. Sie alle liegen bei Hartz-IV-Quoten, Einkommen, Steuern, Schulabbrechern, Internet und Lebenserwartung im mittleren Bereich. Es gibt eine leichte Abwanderung und nur eine sehr geringe Nahversorgung. (dpa)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.