19.01.2020 - 13:37 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tirschenreuth: Betrunkener greift Notarzt an

Wegen tätlichen Angriffs auf Einsatzkräfte stand ein 47-Jähriger in Tirschenreuth vor Gericht. Nach drei Stunden Verhandlung, in der neun Zeugen gehört wurden, wird der Mann wegen Vollrausch verurteilt.

Symbolbild.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Warum er an diesem Tag nach längerer Abstinenz wieder zum Alkohol griff, ist dem Familienvater selbst ein Rätsel. "Wenn ich trinke, kommen bei mir Sachen hoch, die vor 20 Jahren waren." Nach Feierabend an einem Freitag Mitte September 2019 gegen 11 Uhr wollte der Angeklagte zu Fuß nach Hause und ging noch einkaufen. Unter den Lebensmitteln war auch eine Flasche Wodka.

Keinerlei Erinnerungen

An die sieben Stunden zwischen dem ersten Schluck um 11.30 Uhr und dem Notarzt-Einsatz um 18.20 Uhr vor seiner Haustüre kann sich der 47-Jährige nicht erinnern. "Ich krieg die Stunden im Kopf nicht mehr zusammen." Als er versucht, den Abend vor Gericht zu rekapitulieren, wird der Mann immer wieder laut und fahrig. "Warum gehen Sie gleich so hoch?", fragt Richter Thomas Weiß. "Ich weiß nichts mehr davon", schreit der Angeklagte. Dann wird auch der Richter laut: "Jetzt reißen Sie sich zusammen!" "Sachte", mahnt der Rechtsanwalt seinen Mandanten. Das nächste, an das sich der Landkreisbewohner erinnert, ist sein Aufwachen im Krankenhaus.

Situation eskaliert

Als erstes am Einsatzort kamen gegen 18.20 Uhr ein 58-jähriger Notarzt und ein Sanitäter an. Ein Rettungswagen mit zwei weiteren Sanitätern traf wenig später ein. Ganz gekrümmt soll der Angeklagte vor dem Wohnhaus auf einem gepflasterten Weg gelegen haben. Nach kurzem Schütteln war der Mittvierziger ansprechbar. Zu Beginn war er noch friedlich, wollte zum Ausnüchtern in seine Wohnung. Auf dem Weg dorthin wankte der enorm Betrunkene stark, machte "gefährliche Kung-Fu-Tänze", geriet in Schieflage und drohte, auf den steinernen Weg zu fallen.

Der Notarzt kam dem Mann zu Hilfe und stützte ihn. An diesem Punkt wurde der Angeklagte aggressiv und stieß den Internisten zu Boden. Dieser knallte mit dem Hinterkopf auf die Wiese. "Ich habe kurz Sterndl'n gesehen." Dann ging der 47-Jährige auf den daneben stehenden Sanitäter los und bedrohte ihn mit den Fäusten. Trotz Zurückweichen wurde der 48-jährige Helfer von einem Faustschlag an der Wange gestreift, so dass seine Brille zu Boden fiel und er ein blaues Auge abkriegte. Die beiden Rettungskräfte, die bis dahin im Hintergrund geblieben waren, hielten den Angeschuldigten bis zum Eintreffen der Polizei fest. "Er hat geschrien, uns beleidigt, sich mächtig gewehrt. Er hat versucht, mich in die Hand zu beißen", sagt ein 27-jähriger Helfer, der Schürfwunden davontrug. Die Stimmung des Angeklagten wechselte zwischen Boxer-Manier und Weinerlichkeit, erinnert sich ein 55-jähriger Sanitäter. Die Stieftochter und ihr Freund standen während der Aktion dabei.

Bisse, Tritte, Schläge

Die beiden Streifenpolizisten hatten Mühe, dem Angeklagten die Handschellen anzulegen. Er wehrte sich mit Tritten und Schlägen, versuchte einen 27-jährigen Beamten in den Oberschenkel zu beißen. Die Einsatzkräfte entschieden, den Mann ins Krankenhaus zu bringen. Eine zweite Streife begleitete den Transport. Einer der weiteren Polizisten beschrieb den Stiftländer als "völlig unkontrolliert". Im Rettungswagen beschimpfte er die Helfer weiter und fing an, sie zu bespucken. Im Krankenhaus wurde der Randalierer sediert und ans Bett fixiert.

3,19 Promille und Cannabis

Eineinhalb Stunden nach dem Einsatz hatte der 47-Jährige noch 2,65 Promille im Blut. Gerichtsarzt Dr. Riedel, der als Sachverständiger der Verhandlung beiwohnte, errechnete eine Blutalkoholkonzentration von 3,19 Promille zum Tatzeitpunkt. Der Mann müsse etwa 1,5 Flaschen Wodka intus gehabt haben. Auch THC war in seinem Blut nachweisbar. "Die Mischintoxikation ergab einen schweren Rauschzustand." Riedel hatte Bedenken, was die Schuldfähigkeit des Landkreisbewohners angeht.

Die Staatsanwältin fordert eine neunmonatige Freiheitsstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt werden könne. Die Bewährungszeit sollte drei Jahre betragen. Sie verlangt zudem eine Geldstrafe von 2500 Euro. "Strafe tut Not", weiß auch Rechtsanwalt Konze. Er plädierte für eine Bewährungszeit von sechs Monaten. Es sei kontraproduktiv, den Angeklagten mit einer Haftstrafe aus seiner Umgebung zu reißen - er lebe im Stiftland sozial eingebunden, seine letztes Vergehen liege schon über fünf Jahre zurück. Zugunsten des 47-Jährigen spreche, dass er sich bei den Einsatzkräften entschuldigte.

Weitere Verhandlungen am Amtsgericht Tirschenreuth:

Vier Jahre auf Bewährung

Die "heiße Phase" des 47-Jährigen liege zwar lange zurück, aber der Amtsgerichtsdirektor kann nicht über die einschlägigen Vorstrafen hinweg sehen. Weiß verurteilt ihn zu vier Jahren Bewährung wegen vorsätzlichen Vollrausches. Verstößt der Mann gegen die Auflagen, stehen ihm neun Monate Gefängnis bevor. Zudem muss er 2500 Euro an den Kreisverband der Caritas zahlen. Der Landkreisbewohner zeigt sich reuig: "Was ich alles angestellt habe, hat mir nicht immer leid getan. Hier tut's mir Leid."

Hintergrund:

Zwischen Knast und Karibik

Mit 14 zog der Angeklagte ins Jugendheim, wechselte öfter zwischen verschiedenen Heimen und dem Elternhaus. Nach dem Quali lernte er Metallbauer. Innerhalb von 26 Jahren - von 1988 bis 2014 - sammelte der 47-Jährige 20 Einträge im Strafregister. Die Delikte reichen von Diebstahl mit Waffen, räuberischer Erpressung, Drogenhandel, sexuelle Nötigung, Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Dafür wurde er von Gerichten in Neunburg an der Donau, Hannover, Augsburg und Auerbach zu Jugendarrest, immer mal wieder einigen Jahren Haft sowie Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt. Dazwischen heiratete der Metallbauer zwei Mal, wurde Vater, trennte sich wieder. Er gewann im Lotto, brachte die hohe sechsstellige Summe in 18 Monaten in der Karibik durch und lebte dann in Deutschland kurzzeitig auf der Straße. 2010 brach der Mann aus seinen alten Strukturen aus und zog in den Landkreis. Er bekam sein Leben in den Griff, fand Arbeit, heiratete ein drittes Mal und wurde wieder Vater. Dennoch gesteht er sich ein: "Ich brauche Hilfe." Seit kurzem erhält er psychologische Betreuung. Eine Depression aufgrund der schweren Kindheit sei der Auslöser für seinen Alkohol- und Drogenkonsum. Warum er vergangenen Herbst nach langer Zeit rückfällig wurde, kann sich der Metallbauer selbst nicht erklären.

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