11.10.2020 - 13:06 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tirschenreutherin erlebt lockeren Lockdown in Australien

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Von Februar bis September arbeitete Lea Klarner aus Tirschenreuth als Au-pair in Perth in Australien. Die 20-Jährige erzählt, wie sie den Lockdown dort erlebte und wie es für sie war, nach Deutschland zurückzukommen.

Surfen, schnorcheln und Party machen: Der Lockdown in Australien war gar nicht so schlimm, erzählt Lea Klarner aus Tirschenreuth. Im Bild taucht die 20-Jährige mit einem Walhai, der größte Hai und größte Fisch im Ningaloo Reef.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Bereits vor über einem Jahr begann Lea Klarner aus Tirschenreuth mit den Planungen für ihre Zeit als Au-pair in Australien. Die 20-Jährige überlegte lange und intensiv, was sie nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Sparkasse machen möchte. "Es war eine sehr schwierige Entscheidung für mich, weil mir die Ausbildung sehr gut gefallen hat. Aber ich hatte das Gefühl, das war noch nicht alles." Bevor die junge Frau in ihrem Beruf arbeitet, möchte sie noch etwas anderes ausprobieren. "Schon seit der 7. Klasse will ich unbedingt nach Australien. Das Land fasziniert mich", sagt Lea. Der Plan: Sechs Monate als Au-pair in Australien arbeiten und leben, das Land entdecken. Danach an der Berufsoberschule in Weiden das Abitur nachholen.

Herzliche Aufnahme

Lea registrierte sich auf einer Internetseite, bei der junge Erwachsene Gastfamilien finden können. Auf eine ihrer ersten Nachrichten reagiert eine Familie mit drei Kindern aus Bassendean, einem nordöstlichen Vorort von Perth in Westaustralien. "Die Chemie hat gleich gestimmt. Ich hab mich sofort wohlgefühlt", schwärmt die Oberpfälzerin. Kurz vor ihrer Abschlussprüfung im Januar erhielt Lea die Zusage der Familie. "Ich konnte es gar nicht fassen, dass es jetzt wirklich losgeht. Ich war richtig nervös." Nach einem Zwölf-Stunden-Flug landete sie in Perth. Ihre Gastfamilie holte die 20-Jährige vom Flughafen ab. "Es war so herzlich. Die Kinder haben mich gleich umarmt und mir zu Hause ihre Zimmer gezeigt", erzählt Lea. Über Au-pair-Gruppen auf Facebook oder Whatsapp fand die Tirschenreutherin schnell Anschluss. Einen ersten Ausflug unternahm sie Anfang März nach Jurien Bay, um dort mit Seelöwen zu tauchen. Corona war zu dieser Zeit in Australien nur am Rande ein Thema.

Nach dem Wochenend-Ausflug telefonierte Lea mit ihrer Mutter. "Sie war ganz besorgt." Ihre Mutter erzählte ihr, dass in Süddeutschland die Zahlen der Corona-Infizierten rasant steigen. "Für mich war das schwer vorstellbar. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich irgendwie betreffen wird." Auch ihr Gastvater beobachtete die Situation skeptisch. An der australischen Ostküste in Melbourne und Sydney stiegen die Infektionszahlen Tag für Tag. Aber der Westen Australiens ist ländlicher. "Die einzige Großstadt hier ist Perth", sagt Lea.

Familie wählt Selbstisolation

Ab 18. März gingen die Kinder aus Leas Gastfamilie nicht mehr in die Schule. "Meine Gasteltern teilten mir mit, dass sie ab sofort in Isolation leben wollen." Entweder gehe die Tirschenreutherin mit oder sie müsse sich eine neue Familie suchen. "Plötzlich kam total Bewegung in die Situation", schildert die 20-Jährige. In den Chat-Gruppen suchten viele Au-pairs neue Familien und umgekehrt. Backpacker und viele von Leas Kollegen reisten ab. Aber die Oberpfälzerin blieb bei der Familie, ging mit ihnen in freiwillige Quarantäne.

Bei den Gasteltern stand dann Home-Office und bei den Kindern Home-Schooling an. "Den Kindern habe ich ein bisschen Deutsch beigebracht. Das fanden sie super." Trotz der Routine, die sich im Isolations-Alltag entwickelte, wurde die Situation immer angespannter. "Als ich die Videos aus Mitterteich gesehen habe, mit der Durchsage, dass die Leute Ausgangsverbot haben - das war furchtbar!" Nun wurde der jungen Frau der Ernst der Lage richtig bewusst.

Nach sechs Wochen in Australien eröffneten die Gasteltern Lea am 23. März, dass sie ihre Hilfe nicht mehr brauchen. Durch das Home-Office hätten sich die Eltern selbst um die drei Kinder kümmern können. "Ich war noch nie so sprachlos in meinem Leben. Ich konnte es verstehen, aber ich war sehr traurig." Und: "Ich bin doch erst gekommen, ich will nicht nach Hause." Lea musste sich eine neue Familie suchen. In derselben Woche startete die Bundesregierung die Rückholaktion. "Ich habe wirklich überlegt, mich dafür anzumelden." Niemand wusste, ob ein Lockdown kommt. "Wenn ich bis zum Wochenende keine neue Familie habe, fahre ich nach Hause", setzte sich Lea ein Ultimatum.

Ihr Gastvater vermittelte der Oberpfälzerin eine neue Au-pair-Stelle bei Bekannten. "Wir haben uns innerhalb einer Stunde kennengelernt", sagt Lea. Eine Woche nach der Kündigung zog Lea zur neuen Familie in den Bezirk Cottesloe, einem Stadtteil direkt am Strand. Ihre neue Gastfamilie sei auch super gewesen, aber die Umstellung fiel Lea schwer. Die neue Familie schränkte ihre sozialen Kontakte nicht so drastisch ein, wie die erste. Zwar war Lea hier mehr mit der Betreuung der Kinder beschäftigt, konnte aber auch andere Au-pairs kennenlernen und einiges mit ihnen unternehmen.

Nur wenige Einschränkungen

Am 27. April begann Phase 1 des fünfstufigen Plans zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Westaustralien. Sowohl innen als auch draußen war die Zahl der Personen, die sich treffen dürften, auf zehn Leute beschränkt. Ähnlich wie in Deutschland blieben Clubs, Kinos und Einkaufszentren geschlossen, Lebensmittelgeschäfte, Arztpraxen und Tankstellen geöffnet. Bewegung an der frischen Luft war erlaubt, auch Picknicken im Park, Angeln, Wandern - nur eben unter Einhaltung der Hygieneregeln. Maskenpflicht bestand in Australien nie. Allerdings gab es ein regionales Reiseverbot. "Wir waren viel am Strand und haben Ausflüge in der Nähe gemacht, waren wandern in Nationalparks", berichtet Lea. "Und ich hab mir ein Surfbrett gekauft." Das Surfen hat sich die 20-Jährige selbst beigebracht. "Ich war super stolz, als ich das erste Mal drauf stehen konnte."

Am 18. Mai (Phase 2) durften die Kinder dann wieder in die Schule. Zudem konnte man sich mit 20 anstatt nur zehn Leuten treffen, und das strenge Reiseverbot wurde aufgehoben. "Endlich raus aus Perth", kommentiert Lea. Geschäfte und Restaurants hatten unter Hygieneregeln wieder geöffnet. Weitere Lockerungen kamen am 7. Juni. Inlandsreisen waren wieder erlaubt, Gruppenbegrenzungen wurden aufgehoben. "In diesem Monat bin ich viel gereist", freut sich Lea, um endlich Australien kennenzulernen. Mit ihrer Freundin Ronja aus Aschaffenburg macht sie einen Roadtrip. Mit dem Camper ging es nach Exmouth. Auf dem Programm stand: Angeln lernen, mit dem Meeresrauschen aufwachen, Kängurus streicheln, mit Hai-Walen und Schildkröten tauchen sowie abends am Lagerfeuer mit Freuden zusammensitzen.

Am 26. Juni trat Phase 4 der Lockerungen in Kraft. Um 24 Uhr öffneten Bars und Clubs. "Wir haben zwei Stunden lang vor dem Club gewartet." Mit Feuerwerk und Konfetti wurde die Wiedereröffnung nach dem Lockdown gefeiert. Mittendrin Lea und ihre Freundinnen. "Den Lockdown in Australien zu verbringen, war gar nicht so schlimm", resümiert die Tirschenreutherin und lacht. Besorgt war sie nur über die Entwicklung in ihrer Heimat.

Maske erstmals beim Rückflug

Am Abend ihres 20. Geburtstags, am 3. September, ging es für Lea zurück nach Deutschland. Vorher feierte sie noch mit ihrer ersten Gastfamilie. "Ab Mai hatten wir immer wieder Kontakt und Spieleabende und Tagesausflüge gemacht." Zur Feier gab es "Australian Pie", ein herzhafter Kuchen aus Blätterteig gefüllt mit Hackfleisch, Bacon, Zwiebeln und Tomaten. "Das ist so lecker", schwärmt die Oberpfälzerin. Dazu gab es ihre Lieblings-Schoko-Keks-Riegel "TimTams". Am Flughafen trug sie zum ersten Mal Maske und Schutzvisier. "Ich konnte es nicht glauben - am Flughafen war es so leer. Auch im Flugzeug selbst waren so wenige Passagiere." Im Vorfeld hatte sie Angst, ob der Flug überhaupt geht. Weil Australien kein Risikoland ist, musste sie keinen Corona-Test machen und zu Hause auch nicht in Quarantäne.

Zurück in ihrer Heimat hatte die 20-Jährige nicht viel Zeit sich zu akklimatisieren. Wenige Tage nach ihrer Rückkunft ging es in die Schule. "Im Gegensatz zur Arbeit war das eine krasse Umstellung", sagt Lea. Hinter der Schulbank zu sitzen, ist sie nicht mehr gewöhnt. Noch viel ungewohnter: Die Einschränkungen hier sind strikter als in Australien. "Ich vergesse dauernd meine Maske und muss ständig fragen, was denn nun erlaubt ist oder nicht. Zuhause heißt es nur noch: 'Covid, Covid, Covid.'"

Nicole Nehmann und ihr Lebenspartner Klaus Meisel sitzen während der Coronakrise in Spanien fest

Tirschenreuth
Hintergrund:

In ganz Westaustralien infizierten sich seit Beginn der Pandemie nur rund 700 Menschen mit dem Coronavirus. Die Regierung registrierte dort bisher 9 Covid-19-Tote. Die Hotspots in Australien liegen an der Ostküste, Melbourne und Sydney. Obwohl Westaustralien mehr als 37 mal so groß ist wie Bayern, gab es dort nur einen Bruchteil an Corona-Erkrankten und -Toten. In Bayern gab es bisher knapp 73 000 Corona-Fälle und 2685 Corona-Tote.

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