06.03.2020 - 15:34 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Totes Baby in Tirschenreuth: "Es sind Hilfsmöglichkeiten da"

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Der Tod des drei Monate alten Babys in Tirschenreuth beschäftigt die Menschen. Welche Möglichkeiten gibt es im Landkreis, um überlasteten Eltern zu helfen?

Sozialpädagogin Pia Kürschner von der Koordinierenden Kinderschutzstelle (KoKi) bündelt im Landkreis alle Angebote und Hilfen für Schwangere und Familien mit Kleinkindern.
von Martin Maier Kontakt Profil

Das tote Baby fanden Rettungskräfte am Mittwoch, 26. Februar, in einer Wohnung in Tirschenreuth. Das Kind war unterernährt und dehydriert. Bei dem Baby war die 25-jährige Mutter. Gegen sie ist inzwischen Haftbefehl erlassen worden. Aufgrund „psychischer Beeinträchtigung“ ist die junge Frau aber in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Der Kindsvater war zum Todeszeitpunkt in Spanien.

Polizeihauptkommissar Florian Beck, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, erklärt am Freitag gegenüber Oberpfalz-Medien, dass es sich bei der Familie um keine Asylbewerber handle. Der Vater ist Nigerianer und die Mutter spanische Staatsangehörige. Beide haben einen „ganz normalen“ Aufenhaltsstatus.

Bericht über das tote Baby in Tirschenreuth:

Tirschenreuth

Das Baby wurde in der Oberpfalz geboren. Obwohl es in Deutschland einige Sicherheitsmechanismen gibt, merkte offenbar keiner etwas von der Not des kleinen Mädchens und der Mutter. „Es sind Hilfsmöglichkeiten da, aber leider fallen manchmal Personen durch das Raster“, erklärt Pia Kürschner.

Die Sozialpädagogin leitet zusammen mit ihrer Kollegin Marianne Fütterer die Koordinierende Kinderschutzstelle (KoKi) im Landkreis Tirschenreuth. Die „KoKi – Netzwerk frühe Kindheit“ ist ein bayernweites Fördersystem für werdende Eltern und Eltern mit Kindern bis 3 Jahren. Die Einrichtung verfolgt einen präventiven und rein freiwilligen Ansatz. Sie unterstützt Mütter und Väter, damit deren Kinder gesund und liebevoll aufwachsen können (Hintergrund). Mit der Familie des toten Babys hatte die Kinderschutzstelle keinerlei Kontakt.

Für die KoKi gibt es vier Zugangswege, um an überlastet Eltern zu kommen: Frauenärzte, Geburtskliniken, Hebammen und Kinderärzte. Allerdings sei es schwerer, ausländische Familien zu erreichen. „Das Problem sind die Sprache und die soziale Isolation“, weiß Kürschner. Wichtig sei, mit den Leuten in Gespräch zu kommen. Dazu nutze die KoKi niedrigschwellige Angebote.

Insgesamt sieht die Sozialpädagogin den Landkreis gut aufgestellt, um überlasteten Eltern zu helfen. Der Fall des toten Säuglings sei aber auch ein Anlass, „darüber nachzudenken, was wir anders und noch besser machen können“.

Schon vor zehn Jahren sorgte ein Kindstod in Tirschenreuth für Aufregung:

Tirschenreuth
Hintergrund:

Was macht die KoKi?

Die KoKis wurden nach verschiedenen Fällen von Kindstötung in Deutschland eingerichtet. Im Landkreis Tirschenreuth gibt es sie seit zehn Jahren. „Wir sind hauptsächlich dazu da, das Gesundheitswesen und die Jugendhilfe zusammenzubringen. Damit hier keine Lücke entsteht. Wir sollen Netzwerkarbeit betreiben und Clearingstelle für die Betroffenen sein“, umreißt Pia Kürschner ihre Tätigkeit.

Die KoKi arbeite vorwiegend mit Hausbesuchen. Manchmal würden Gespräche reichen. „Aber wir schauen auch, dass wir an Netzwerkpartner vermitteln können.“ Dazu zählen unter anderem sozialpsychiatrischer Dienst, Erziehungs- oder Schwangerenberatungsstelle. Zusammengefasst: „Es geht darum, die passgenau Hilfe für die Schwangere oder Mama zu finden.“

Daneben hat die KoKi auch eigene Angebote. Die Kokis Tirschenreuth, Weiden und Neustadt/WN können beispielsweise auf acht Familienkinderkrankenschwestern zurückgreifen. Diese werden in Familien eingesetzt. Sie geben beispielsweise den Eltern Tipps zum Umgang mit dem Baby und schauen, dass sich das Kind gut entwickelt. „Sie haben die ganze Familie im Blick und sehen auch, wenn es andere Probleme gibt, beispielsweise finanzieller Art“, so Kürschner.

Im Schnitt betreut die Koki Tirschenreuth neun Familien, im Jahr sind es insgesamt 60 Familien. Fast 70 Prozent der Eltern melden sich selber bei der KoKi in der Kreisstadt. Der Rest wird über die Netzwerkpartner vermittelt. „Wir haben noch nie eine negative Rückmeldung gehabt. Nur ist die Hemmschwelle gerade im Bereich Kleinkinder groß, Hilfe zu suchen“, weiß die Sozialpädagogin. Es herrsche noch immer das Vorurteil vor: „Eine Mama muss das doch können.“ Für die Betroffenen sei es oft schwierig, sich einzugestehen, dass sie es nicht alleine schaffen. „Wir versuchen, diese Hemmschwelle abzubauen“, verweist Kürschner auf Besuche im Krankenhaus, Babybegrüßungstreffen in jeder Gemeinde und Vorträge.

Da auch immer mehr Migranten das Netzwerk nutzen sollen, bietet die KoKi einmal im Monat eine Sprechstunde in den Unterkünften in Tirschenreuth und Ebnath an. Dies führt eine Familienhebamme auf Englisch durch. Dort werden beispielsweise die Kinder gewogen und es wird auf Impfungen hingewiesen.

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Kommentare

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Was bringen alle möglichen Hilfsmöglichkeiten, wenn man sich an diese wendet und am Ende wird eh wieder nur weg gesehen? Kenne einen Fall in dem seit 8 Jahren Hilfsmöglichkeiten gesucht werden und die Zuständigen stellen alles nur von links auf rechts schieben. Augenscheinlich muss es immer erst was mit den armen Geschöpfen passieren bis die Zuständigen aufwachen. Warum lernt man nicht aus bereits erlebten? Traurig einfach nur traurig!

07.03.2020