12.06.2019 - 13:11 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tuchfabrik Mehler in Tirschenreuth feiert 375. Geburtstag

"Die Zahlen des ersten Halbjahres deuten schwer darauf hin, dass das unser bestes Ergebnis seit Bestehen der Firma wird." Das sagt Paulus Mehler, kaufmännischer Geschäftsführer der Tuchfabrik Mehler, im Jubiläumsjahr.

Die Führungsspitze der Tuchfabrik Mehler von links: Maximilian, Ludwig, Edith und Paulus Mehler.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Der wirtschaftliche Erfolg passt zeitlich hervorragend, denn das Unternehmen hat heuer einen ganz besonderen Grund zum Feiern. Vor 375 Jahren wurde die Tuchfabrik gegründet und ist seither im Familienbesitz. Mit Paulus und dessen Cousin Ludwig Mehler, dem technischen Geschäftsführer, liegt das Wohl der Firma in den Händen der elften Generation. Mit dem 27-jährigen Maximilian Mehler, Sohn von Paulus Mehler, rückt bereits Generation Nummer zwölf nach.

Perfekter Standort

Die Geschichte der Tuchmacher-Dynastie sei lückenlos zurückverfolgbar, sagt Paulus Mehler. Er erzählt, dass es in Tirschenreuth einst etwa 70 Tuchmacher gab, von denen die meisten nicht den Sprung in die Industrialisierung geschafft hätten. Mehler habe diesen Sprung 1892 mit der Ansiedlung am heutigen Standort vollzogen. "Der perfekte Standort", betont der Geschäftsführer, "weil das Werkstor quasi direkt gegenüber des Bahnhofs lag und sich auf der Rückseite der Fabrik die Waldnaab vorbeischlängelt.

Am Bahnhof angeliefert, rollten damals die Kohlen praktisch vor die Werkstore. Bahnhof und Wasser waren die perfekten Standortvorteile. "Wir brauchten für unsere Produktion schon immer viel Energie und Wasser", erklärt der Chef. "1960 existierten in Deutschland noch 185 Betriebe, in der Art, wie wir einer sind. Heute sind wir die einzigen und zugleich die ältesten Textiler in Deutschland. Laut "Manager-Magazin" rangieren wir unter den ältesten Betrieben in Deutschland auf Platz 29, bezogen auf alle Branchen."

In den vergangenen Jahren hat die Firma Millionenbeträge in zwei Hochregallager und ein angrenzendes bebautes Grundstück investiert. Ein Glücksgriff, denn sonst wäre am Standort keine Erweiterung mehr möglich gewesen. Investitionen, die optisch sehr auffällig sind. Im Herbst investiert der Betrieb wieder in Millionenhöhe. Diesmal in eine Maschine, die im Gebäude installiert wird und von außen nicht auffällt.

2005 wurde die hochmoderne Streichgarnspinnerei in Forst in der Lausitz (Brandenburg) zugekauft. Mit den Mitarbeitern, die dort alle übernommen wurden, verdienen derzeit insgesamt 136 Beschäftigte, darunter 47 in Forst, ihr tägliches Brot bei der Tuchfabrik Mehler.

"Alles in allem ist das auch schon ein kleines Wunder", resümiert Paulus Mehler. Denn die Fabrik blicke schon auf eine sehr wechselvolle Geschichte zurück. Nicht nur einmal habe man sich da am Limit bewegt. Am schlimmsten sei es unter der Naziherrschaft im Zweiten Weltkrieg gewesen. Die damaligen Inhaber waren keine Anhänger der braunen Herrscher und mussten eines Tages sogar vor der Gestapo fliehen. Damals wurde der Betrieb geschlossen.

Schwieriger Neustart

Auch der Neustart 1946 habe sich als sehr schwierig erwiesen. Konjunkturschwankungen in Richtung Rezession hätten immer wieder Probleme aufgeworfen. Bei Konjunkturtiefen gingen jeweils viele Firmen in Konkurs und fehlten dann als Kunden. So sei in einem Jahr in den späten 1980er Jahren auf einen Schlag ein Drittel der Umsätze weggebrochen. Paulus Mehler war 32 Jahre alt, als er 1991 zusammen mit seinem sechs Jahre jüngeren Cousin Ludwig in die Firma einstieg, die sie 1997 übernahmen. "In den ersten vier Jahren haben wir noch einmal ein Drittel des Umsatzes eingebüßt. Wir brauchten Jahre, um neue Märkte zu erschließen und Kunden zu gewinnen." Es habe auch Überlegungen gegeben, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, weil Textil in Deutschland eigentlich keine Zukunft habe.

Nicht kampflos

"Dann besannen wir uns darauf, dass wir Verantwortung haben, auch gegenüber unseren Mitarbeiten. Wir wollten nicht kampflos aufgeben. Wir sind schon immer ehrbare Kaufleute. Wir machen nicht einfach Insolvenz und lassen eine Menge Schulden und Schicksale zurück", sagt Paulus Mehler stolz. 2002 startete die Firma erneut richtig durch. Neue Kunden wurden akquiriert und neue Produkte vorgestellt. Derzeit hat Mehler 1400 kaufende Kunden und ist vom Sortiment her breit aufgestellt. "Das macht das Geschäft zwar relativ kompliziert, aber wir können nur über die Breite erfolgreich sein."

Bis 1910 machte Mehler fast ausschließlich Stoffe für den Klerus und im Ersten Weltkrieg waren Militärstoffe sehr stark nachgefragt. Um 1970 kam die Spezialisierung auf Loden, einem höherwertigen Bereich, in dem auch entsprechende Preise bezahlt werden. "Ein Geschäft, das nicht der launischen Mode unterliegt. Wir haben etwa 350 verschiedene Produkte im Portfolio, ein Viertel davon Loden, der Rest etwa zu gleichen Teilen Uniformstoffe für Vereinsausstatter, für Polizei, Fluggesellschaften, Bundeswehr sowie Interieur für alles, was im Haus verbaut wird. Ein kleiner Rest sind technische Spezialprodukte", erklärt Paulus Mehler.

Jubiläen sind auch immer ein Grund zum Feiern. Dazu hat die Tuchfabrik Mehler sämtliche Beschäftigte mit Partnern, Rentner, Geschäftsleute, Freunde und den Tirschenreuther Stadtrat nach Regensburg auf die "Kristallkönigin" zum Dinner eingeladen. Während der Flussfahrt sind die geladenen Gäste die ersten, die den neuen Film zur Geschichte der Tuchmacher-Dynastie sehen.

Familientreffen

Für die Tirschenreuther hat die Tuchfabrik ebenfalls ein Geschenk im Ärmel. Die Lasershow, die den "cooltour-Sommer" im Fischhof-Park am 29. Juni beendet, wird von der Firma Mehler gesponsert. Auch dabei spielt die Geschichte des Unternehmens eine Rolle. So wird am Himmel auch einmal ein Schaf oder ein Webstuhl erscheinen. Zu einem Familientreffen haben sich 100 Personen, auch aus dem Ausland, angemeldet. Sie alle haben ihren Ursprung in den Besitzerfamilien.

Im Blickpunkt:

Nominiert für Unternehmerpreis

Passend zur Feier des 375-jährigen Bestehens ist die Tuchfabrik Mehler für den Bayerischen Familienunternehmerpreis in der Kategorie „Nachhaltigkeit“ nominiert worden. Die Auszeichnung vergibt der Wirtschaftsverband „Die Familienunternehmer“.

„Ein Unternehmen in der elften Generation zu führen, ist etwas ganz Besonderes. Die Gebrüder Mehler GmbH hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu aufgestellt, ohne dabei kopflos dem nächsten Trend hinterherzulaufen“, wird Eva Vesterling, Mitglied des Bundessenats des Wirtschaftsverbands „Die Familienunternehmer“ in einer Presseerklärung zitiert. Sie begründet die Nominierung mit dem nachhaltigen Wirtschaften und Übernehmen sozialer Verantwortung. „Familie Mehler tut dies nicht nur durch die Integration von Flüchtlingen in ihren Betrieb, sondern auch mit der selbstauferlegten Regel, dass nur ein Familienmitglied das Unternehmen erben darf.“

Die weiteren Nominierten in der Kategorie „Nachhaltigkeit“ sind die Kräuter Mix GmbH mit Sitz in Abtswind und die Merk Textil-Mietdienst GmbH & CO KG aus Zirndorf. Der Preis wird am 4. Juli im Anschluss an den Bayerischen Familienunternehmer-Kongress im Deutschen Museum in München vergeben.

Ein Geschäft, das nicht der launischen Mode unterliegt.

Paulus Mehler über Loden

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