Das Wirtshaussterben ist nicht nur im Landkreis Tirschenreuth seit vielen Jahren ein Thema. Bad Neualbenreuths Bürgermeister Klaus Meyer sah kürzlich in einer Sitzung im Landratsamt keine guten Zeiten auf den Oberpfälzer Wald zukommen, wenn die Entwicklung nicht gestoppt werde. Selbst in seinem Kurort gebe es im Hauptort mittlerweile nur noch ein klassisches Wirtshaus. Doch "ein warmer Kaffee ist genauso wichtig wie warmes Wasser im Sibyllenbad", meinte der Rathauschef.
Thomas Sporrer, Mit-Autor des Buchs "Genussradeln im Landkreis Tirschenreuth", hat das Problem ebenfalls erkannt. "Ein gutes bayerisches Wirtshaus im Landkreis ist unheimlich schwer zu finden. Das ist eine Katastrophe für die Region." Selbst auf einer der bekanntesten Strecken, dem Steinwaldradweg, sei es nur mit großem Aufwand möglich, in der Haupturlaubszeit im August ein Gasthaus aufzuspüren, das Mittagessen anbiete. Dies gefährde die Ausrichtung des Landkreises als gut erschlossene Fahrradregion. "Neben gepflegten Strecken gehört nun einmal auch ein schönes Mittagessen oder eine gute Brotzeit dazu. Wenn es die nicht gibt, warum soll ich dann kommen?", fragt Sporrer.
Zunahme um 50 Prozent
Paradoxerweise hat die Zahl der Gaststättenerlaubnisse im Landkreis seit 2019 um 50 Prozent zugenommen. Wie kann das sein? Stephanie Wenisch vom Tourismuszentrum Oberpfälzer Wald und Noch-Leiterin der Tourismuszentrale im Landratsamt weiß die Antwort. "Jeder der, alkoholische Getränke zum Verzehr an Ort und Stelle verkauft und dessen Betrieb für jedermann oder einen bestimmten Personenkreis zugänglich ist, benötigt eine Gaststättenerlaubnis." Genehmigungen von Gaststätten seien so auch für Kleinunternehmer, Vereine oder Betriebe ohne Angestellte nötig. Außerdem bräuchten Unternehmen mit mehreren Filialen oder Niederlassungen für jede Betriebsstätte eine eigene Erlaubnis. Zum Beispiel benötige eine größere Bäckerei mit Cafés in mehreren Filialen für jedes Café eine eigene Genehmigung, erklärt Wenisch auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. Die Zahl der "aktiven Gaststättenerlaubnisse" sei daher seit 2019 von 202 auf 311 (Stichtag 6. Februar 2025) um rund 50 Prozent gestiegen.
Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl an Gastronomiebetrieben wie Restaurants, Gaststätten, Imbissstuben, Cafés oder Eissalons dagegen leicht rückläufig. 2019 waren es 129, im vorigen Jahr 125. In dieser Auswertung würden nur Betriebe als Gastronomie gezählt, deren Haupttätigkeit dies sei, erklärt Wenisch. Eine Gaststättenerlaubnis benötige hingegen jeder, der entsprechend gastronomisch tätig sei – auch wenn es sich zum Beispiel um einen Neben-Betrieb handle.
Analyse schwierig
Eine Analyse, warum die Zahl der Gastronomiebetriebe abnimmt, die der Gaststättengenehmigungen aber steigt, sei dennoch schwierig, sagt die 38-Jährige. Folgende Interpretationen seien denkbar: "Es gibt weniger Unternehmen, deren Hauptwirtschaftszweig die Gastronomie ist, aber mehr, die nebenbei auch gastronomisch tätig sind. Es gibt weniger hauptberufliche Gastronomen mit Angestellten, aber mehr alternative Konzepte wie Kleinunternehmer. Die Anzahl der Gastronomiebetriebe mit mehreren Betriebsstätten oder Filialen steigt. Wirklich eindeutige Rückschlüsse lässt die Datenlage nicht zu, weil wir ja aus den Zahlen in keinster Weise ablesen können, welche diese potentiellen Erklärungen tatsächlich zutrifft beziehungsweise zu welchem Anteil", betont die Tourismusexpertin.
Gastronomie stark unter Druck
Die Gastronomie sei eine der Branchen, die am meisten unter Druck geraten seien. "Das größte Problem ist schon seit einigen Jahren der Fachkräftemangel, der durch die Zeit der coronabedingten Schließungen nochmals verstärkt wurde. Außerdem ist die Gastronomie gleich mit mehreren Aspekten der Inflationslage belastet – steigende Energie- und Lebensmittelpreise machen die Kalkulation immer schwieriger." Außenstehende könnten sich zudem kaum vorstellen, welcher Verwaltungsaufwand hinter einem Gastrobetrieb stecke. "Von Hygienevorschriften über diverse Dokumentationspflichten bis hin zu Arbeitsrecht und Datenschutz ist das eine echte Herausforderung."
Daher müssten immer wieder Betriebe schließen. Oder, wenn Wirte das Rentenalter erreichten und es keinen Nachfolger gebe. Andere Gastronomen müssten ihr Betriebskonzept anpassen und öffneten während der Woche gar nicht mehr oder nur noch abends. "Wenn ich nicht ausreichend Personal zur Verfügung habe, ist es eine wirtschaftlich genauso logische wie notwendige Entscheidung, sich auf die frequenzstärksten Zeiten zu konzentrieren", findet Wenisch.
Mutige Entscheidungen nötig
Dass das aber immer auf den einzelnen Betrieb ankomme, zeige das Hotel-Restaurant Wiesend in Kulmain, das nur während der Woche geöffnet habe. Als weiteres Beispiel nennt Wenisch den Kapplwirt an der Dreifaltigkeitskirche bei Waldsassen. Der Inhaber-Familie Rosner sei bewusst, dass sich Gäste umfassendere Öffnungszeiten wünschten. "Als landwirtschaftlicher Familienbetrieb ist aber eben nicht mehr leistbar", sagt Wenisch. Die Lösung sei "Kawis Hofladen" gewesen, in dem es täglich von 9 bis 21 Uhr Kaffee, Kaltgetränke und regionale Snacks im Selbstbedienungsprinzip gebe. "Genau solche gleichzeitig überlegten und mutigen Entscheidungen brauchen unsere Gastronomen, um zukunftsfähig zu sein", meint die 38-Jährige.
"Natürlich ist es bedauerlich, wenn ein Wirtshaus Mittag nicht mehr geöffnet hat. Allerdings ist ein abends oder am Wochenende geöffnetes Wirtshaus immer noch besser als ein komplett geschlossenes." Ein entscheidender Faktor sei die Kommunikation: Gäste müssten über Öffnungszeiten und Reservierungsmöglichkeiten informiert werden. Hier bringt Wenisch das Internet ins Spiel, denn es gibt keinen Prospekt mit Gastronomiebetrieben des Landkreises Tirschenreuth oder des Oberpfälzer Walds. Dafür hat aber Letzterer dazu auf seiner Homepage aktuelle Informationen gesammelt. Dort können sich Wirte kostenlos anmelden.
Entwicklung der Gastrobetriebe im Landkreis Tirschenreuth
Zu Gastronomiebetrieben zählen Restaurants, Gaststätten, Imbissstuben, Cafés oder Eissalons. Dies ergibt für 2014 bis 2024 folgende Entwicklung im Landkreis Tirschenreuth (Anzahl der Betriebe jeweils hinter der Jahreszahl):
- 2014: 128
- 2015: 135
- 2016: 128
- 2017: 131
- 2018: 131
- 2019: 129
- 2020: 116
- 2021: 118
- 2022: 119
- 2023: 118
- 2024: 125
Quelle: Bundesagentur für Arbeit






















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