31.08.2018 - 13:40 Uhr
TrabitzOberpfalz

Großstädte saugen Jungpädagogen auf

Strenge Vorschriften, Diplomkult und minimale Vorpraktikums-"Taschengelder" für angehende Erzieher: Beim Besuch von Sozialministerin Kerstin Schreyer in Trabitz redeten die "LearningCampus"-Geschäftsführer Klartext.

Aufmerksam notierte sich Sozialministerin Kerstin Schreyer (rechts, neben Bürgermeisterin Carmen Pepiuk) die Anregungen und Kritikpunkte, die die "LearningCampus"-Geschäftsführer Stephan Müller (links) und Dr. Benjamin Zeitler in der Gemeindehalle "Alte Säge" vortrugen. Bild: bjp
von Bernhard PiegsaProfil

Trabitz. (bjp) Den Besuch der bayerischen Sozialministerin Kerstin Schreyer in Trabitz (wir berichteten) nutzten die Geschäftsführer des Pädagogik-Dienstleisters „LearningCampus“, Dr. Benjamin Zeitler und Stephan Müller, zu einigen Hinweisen und Vorschlägen „aus der Praxis“. So werfe die forcierte Inklusion im Schulwesen auch Probleme auf.

„Vielleicht wäre es nicht falsch, gemeinsam mit Eltern und Kindern über andere Formen pädagogischer Förderung als Alternativen zur Schulbegleitung im regulären Unterricht zu beraten“, gab Zeitler beim Ortstermin in der Gemeindehalle „Alte Säge“ zu verstehen. Inklusion sei „wichtig und richtig, aber sie kann nur funktionieren, wenn die Betreuungsschlüssel auch passen“. Auch beklagte er, dass die Organisation von Klassenfahrten und erlebnispädagogischen Ferienwochen durch teils praxisfremd strenge Sicherheitsauflagen erschwert werde.

So wichtig und selbstverständlich höchstmögliche Sicherheit und Risikominimierung seien, so sehr sollte doch auch bedacht werden: „Wenn Kinder etwa beim Hochseilklettern oder Floßbau nicht ein Stück weit lernen, mit Risikosituationen umzugehen, dann werden sie das auch im Leben nie lernen, und somit ist das Ergebnis einer solchen Reglementierung mehr Unsicherheit bei den Kindern.“ Stephan Müller ergänzte: „Die strengen Vorgaben machen bei uns wie auch an den Schulen vieles, insbesondere bei Veranstaltungen in der Natur, unmöglich, weil die Angst, irgendeine Vorgabe zu verletzen, und damit die Verunsicherung bei Lehrern und Erziehern riesig sind.“

Probleme, so Benjamin Zeitler, werfe auch der Anspruch auf Ganztagesbetreuung an Schulen auf: „An kleinen Schulen im ländlichen Raum gibt es mitunter nur sehr wenige Kinder, die ein solches Angebot brauchen.“ Besonders am Herzen lag den „LearningCampus“-Geschäftsführern die Fachkräfteausbildung: „Die Ausbildungsstätten für Sozialpädagogen sind in den Großstädten, und wer dort studiert, bleibt schon wegen des Arbeitsplatzangebots oft auch dort. So saugen die Großstädte diese Fachkräfte buchstäblich auf“, beschrieb Zeitler die Situation.

Deshalb sollten auch in Städten wie Weiden und Amberg Ausbildungsstätten geschaffen werden. Ändern müsse sich ebenfalls der Zustand, dass die Qualität einer Erziehungsfachkraft „zunehmend nur noch am Diplom festgemacht“ werde: „Eine Kinderpflegerin mit 20 Jahren Berufspraxis kann dank dieser Erfahrung meist mehr als eine frisch diplomierte Erzieherin, und es kann nicht sein, dass man solche erfahrenen Kräfte wegen neuer staatlicher ‚Qualitätsbonus‘-Vorgaben, die sich primär an Diplompapieren orientieren, nicht mehr anstellen soll.“

Stephan Müller monierte, dass Absolventen der fünfjährigen Erzieher- und Kinderpflegerausbildung während ihres Vorpraktikums regulär nur ein geringes „Taschengeld“ erhalten sollen und sich anderweitige Geldquellen erschließen müssen: „Jeder Lehrling erhält ein ‚Lehrlingsgehalt‘, aber die, denen wir unsere Kinder anvertrauen, sollen gleichsam noch dafür bezahlen, dass sie in einem höchst anspruchsvollen Beruf als Dienstleister von Staat und Gesellschaft arbeiten wollen.“

Müllers mokante Empfehlung an Ministerin Schreyer und das ganze Kabinett: „Sparen Sie an der Grenzpolizei und nehmen Sie das Geld lieber für diese Menschen in die Hand.“ Schließlich sprach Benjamin Zeitler die Benachteiligung gemeinnütziger Unternehmen wie „LearningCampus“ bei Fördermaßnahmen wie dem „Digitalbonus“ für die Digitalisierung mittelständischer Firmen oder beim „Familienpakt Bayern“ an.

Sein erlebnispädagogisches gemeinnütziges Dienstleistungsunternehmen stellte "LearningCampus"-Geschäftsführer Dr. Benjamin Zeitler beim Besuch von Sozialministerin Kerstin Schreyer vor. Bild: bjp

Als Kennerin der pädagogischen Praxis nahm Sozialministerin Kerstin Schneider die Hinweise der "LearningCampus"-Mitarbeiter aufmerksam zur Kenntnis und signalisierte ihre Offenheit für Kritik und Vorschläge. Bild: bjp

Info:

rabitz. (bjp) Sozialministerin Kerstin Schreyer äußerte Verständnis für die Anliegen der „LearningCampus“-Geschäftsführer, zumal sie selbst als Sozialpädagogin und Familientherapeutin unter Anderem in der Jugend- und Familienhilfe gearbeitet habe. Eine „ordentliche Bezahlung“ der Erziehungsfachkräfte sei auch ihr ein Anliegen.

„Wenn wir das Auto in die Werkstatt bringen, zahlen wir, was wir zahlen müssen, weil unser Auto das braucht. Und wenn in den Kitas qualitätvolle Arbeit für die Kinder geleistet wird, so hat sie ihren Preis, und die, die sie leisten, sollen ordentlich bezahlt werden, denn was gibt es Wichtigeres als unsere Kinder?“ Leider, so die Ministerin, sitze der Staat bei den Tarifverhandlungen über die Arbeitsentgelte für Kinderpfleger und Erzieher nicht mit am Tisch: „Ich kann hernach allenfalls anständig schimpfen und werde dafür noch gerügt, weil ich ja die Tarifautonomie achten muss.“ Dennoch könne und wolle sie sich aus dieser Diskussion nicht heraushalten.

Info:

Trabitz. (bjp) Über die Notwendigkeit einer fünfjährigen Ausbildungsdauer für Erzieher könne man streiten, meinte Sozialministerin Kerstin Schreyer bei ihrem Besuch in Trabitz: „Immerhin muss eine Sozialpädagogin nur vier Jahre Ausbildungszeit durchlaufen.“ Aus ihrer Sicht wäre eine Verkürzung der Vorpraktikumszeit von zwei auf ein Jahr zu rechtfertigen: „Ein früherer Vorstoß wurde zwar von den Wohlfahrtsverbänden abgewehrt, aber wir bleiben an dem Thema dran.“ Erfreulicherweise sei es bereits gelungen, „in kürzester Zeit die Zahl der Erzieher-Auszubildenden zu verdoppeln“, was aber nicht das letzte Wort sein könne, zumal sich die Aufgaben und die Zahl der pädagogischen Dienstleister „vervielfacht“ hätten.

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