17.04.2019 - 11:20 Uhr
Oberpfalz

"Tränen des Orients" lassen Männer weinen

Turkmenische Nomaden bringen die Tulpe im 13. Jahrhundert nach Anatolien. Sie erobert zuerst Böhmen und anschließend Holland. Dort sorgt sie für den ersten Börsencrash.

Eine Erfolgsgeschichte: die Tulpe erfreut ihre Betrachter noch heute.
von Rainer ChristophProfil

Harmlos und hübsch kam es Mitte der 1950er Jahre aus dem Radio, das Lied "Tulpen aus Amsterdam". Ein richtiger Ohrwurm. Es gab Zeiten, da erklang das Lied sogar in der Allianz-Arena, immer dann, wenn Arjen Robben für den FC Bayern München ein Tor schoss. Die Blume ist eng mit den Niederlanden verbunden. Wie und wann die ersten Tulpenzwiebeln nach Holland gelangten, ist noch nicht endgültig erforscht.

Holland ist heute das Zentrum der Tulpen-Zucht. Alles beginnt gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Doch die Vorgeschichte reicht noch viel weiter zurück. Turkmenische Nomaden bringen im 13. Jahrhundert die "Tränen des Orients", wie die Tulpen genannt werden, nach Anatolien. In diesem Teil der Türkei blühen die Nachkommen dieser Urzwiebeln bis heute wild in Hochlagen ab 1700 Metern. Es sind einfache, robuste Bergblumen, die von den Nomaden als Vorboten des nahenden Frühlings verehrt werden. Für sie sind Tulpen Symbole des Lebens und der Fruchtbarkeit. Im 16. Jahrhundert erobert die Tulpe Konstantinopel, das heutige Istanbul. Es dauert nicht lange, da bereichern sie die Gärten, Paläste und Moscheen der Stadt.

Gesichert ist, dass die ersten Tulpenzwiebeln Mitte des 16. Jahrhunderts für Kaiser Ferdinand I. nach Wien und Prag kommen. Sein Botschafter Ogier Ghislain de Busbecq (1522 bis 1591) ist in Konstantinopel unter anderem damit beauftragt, seltene Blumen und Pflanzen für die Habsburger Sammlungen in die Heimat zu schicken. De Busbecq benennt in einem Begleitschreiben die Blume wahrscheinlich aufgrund eines Übersetzungsfehlers "Tulipam" und gibt ihr den deutschen Namen "Türkische Lilie". Er verwechselt offensichtlich die Beschreibung des Dolmetschers der Form der Blume, die einem Turban (türkisch: tulband) gleicht, mit der Blume selbst.

De Busbeca berichtet verwundert davon, dass die Türken im Vergleich zur "westlichen" Zivilisation Blumen nicht nach Heilkraft oder Duft, sondern nach ihrem Erscheinungsbild verehren. Für Männer ist es damals ein "Muss", Tulpen in der passenden Farbe am Turban zu tragen. Der ursprüngliche Name der Tulpe ist "Lâle".

Durch die Habsburger Herrschaft blühen bald auch die ersten Tulpen im Prager Hirschgarten. Es gibt auch die Theorie, dass in dem großen Garten von Tengnagel dem Jüngeren von Kamp auf einer Moldau-Insel zum ersten Mal Nelken und Tulpen blühen, die bis zu dieser Zeit in Prag unbekannt waren. Tengnagel, ein Nachkomme des berühmten dänischen Astrologen Tycho de Brahe, ist in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Landesrichter und Hauptmann der Prager Burg.

Berichtet wird auch die Geschichte von Carolus Clusius oder Charles de l'Écluse. Der niederländisch-flämische Hofbotaniker Kaiser Maximilians II. in Wien, soll einer der ersten Europäer gewesen sein, der die damals exotische Blume in Anatolien entdeckt hat. Er soll sie nach Europa gebracht, erforscht und kultiviert haben. Nach seiner Rückkehr pflanzt Carolus die Tulpen in dem "Hortus Academicus" der Universität Leiden, dem ältesten botanischen Garten der Niederlanden, an. Durch ihn verbreiten sich die Zwiebeln unter Botanikern und ihm bekannten Pflanzenliebhabern.

Die Blume trifft genau den Geschmack der Zeit, die Menschen suchen nach Raritäten. Die Tulpe wird mit exotischen Insekten und Muscheln auf Gemälden dargestellt, eine Betonung ihrer Seltenheit und Extravaganz. Sie gilt als Juwel und wird nur unter Aufsicht ausgestellt. Ein wahres "Tulpenfieber" bricht bei Fürsten und reichen Händlern aus. Diebe werden angelockt. Jeder will das Statussymbol besitzen.

Die Sucht ergreift im 17. Jahrhundert auch den Markgrafen Ludwig-Wilhelm von Baden-Durlach, genannt Türkenlouis (1677 bis 1707). Er ist verheiratet mit der Markgräfin Franziska Augusta von Lauenstein und hat Besitztümer in Schlackenwerth an der Eger. Pro Saison gibt er für Tulpen 1000 Gulden aus. Dies entspricht damals dem fünfzigfachen des Jahreslohns einer Amme oder Waschfrau. Er lässt in seiner Begeisterung sogar ein prächtiges, illustriertes Tulpen-Buch erstellen. 1608, so ist es festgehalten, tauscht ein Müller für "eine Zwiebel" seine Mühle ein. Eine der besonderen Sorten der Zeit ist die "Semper Augustus". 1624 hat eine der zwölf in Europa vorhandenen Zwiebeln einen Wert von 1200 Gulden. Im Jahr darauf muss man bereits das Doppelte bezahlen. Und ihr Wert steigert weiter: 1637 kostet eine Tulpenzwiebel 5500 Gulden. Zum Höhepunkt des "Tulpenruns" verdoppelt er sich fast auf 10 000 Gulden. In einer Gartenzeitschrift aus dem Jahre 1638 findet sich eine Notiz über den bislang höchsten Preis von 13 000 Gulden für eine einzige Tulpenzwiebel. Umgerechnet sind das heute etwa 923 000 Euro. Die teuersten Grachtenhäuser in Amsterdam kosten in der gleichen Zeit rund 10 000 Gulden.

Tulpen sind die Auslöser der ersten Weltwirtschaftskrise durch einen "Börsencrash" am 5. Februar 1637. In dem kleinen Städtchen Alkmaar zwischen Nordsee und IJsselmeer, rund 50 Kilometer nordwestlich von Amsterdam, stirbt der reiche Wirt Wouter Winkels. Der euphorische Tulpen-Fan hinterlässt einige der bekanntesten und auserlesensten Tulpenzwiebeln Hollands. Sie sollten versteigert werden. Züchter, Blumenhändler und Spekulanten - alle wollen die besten Sorten, die Angebote überschlagen sich, Summen zwischen 3000 und über 5000 Gulden werden bezahlt. Für die 99 Tulpenzwiebeln wird eine Summe von unglaublichen 90 000 Gulden erreicht. Die Ernüchterung kommt schneller als gedacht. Ort des Preisverfalls ist eine weitere Auktion in Harlem, bei der keine einzige der teuren Zwiebeln verkauft wird. Bald schlagen Sorgen und Ängste der Verkäufer in Panik im gesamten Land um. Schnell alles verkaufen, heißt die Devise. Der Markt reagiert entsprechend, bis zu 95 Prozent sinkt der Wert der Zwiebeln. Die zuständigen Behörden haben keine Chance einzugreifen, Gerichtsverfahren schließen sich an, Folgen der Spekulationen. Keiner weiß mehr genau, wie viele Menschen in den Ruin gestürzt werden. Durch riesige Schuldenberge und zerstörte Existenzen geht der "Tulpenzwiebel-Crash" in die weltweite Wirtschaftsgeschichte ein.

Trotz all dem hat sich in den Niederlanden die Liebe zur Tulpe erhalten. Mitte Februar werden sie ausgeliefert in vielen Farben und Formen. Die heute erhältlichen Tulpen sind durch Zucht über mehrere Jahrhunderte aus einer Handvoll Zwiebeln gezüchtet worden. Bis heute gehören sie zu den beliebtesten Pflanzen für Gärten und als Schnittblumen für die Wohnung. Die holländischen Züchter sind Weltmarktführer und exportieren alljährlich zwei Milliarden Tulpenzwiebeln in 80 verschiedene Länder - und das, obwohl sie erst später als andere Teile Europas auf die Tulpe gekommen sind. (cr)

Kaum zu glauben, aber im 17. Jahrhundert wurde in Holland eine Tulpenzwiebel in Gold aufgewogen.

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