29.01.2021 - 08:42 Uhr
UrsensollenOberpfalz

Annika Kahle: Nach schwerem Motorrad-Unfall zurück im Leben

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Annika Kahle aus Ursensollen hatte im Juli 2019 einen schweren Motorradunfall. Ihre Wirbelsäule brach sechs Mal. Nun kämpft sich die 21-Jährige zurück ins Leben. Ein Kalender mit sexy Fotos von Motorradfahrerinnen hilft ihr dabei.

Annika Kahle blickt positiv in die Zukunft.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Annika Kahle ist auf den ersten Blick eine ganz normale lebenslustige junge Frau. Beim genaueren Zuhören relativiert sich der Eindruck aber. Die 21 Jahre alte Ursensollenerin hat eine Geschichte zu erzählen, die nicht alltäglich ist. Seit August 2018 ist sie Mitglied der bundesweit organisierten Motorradgruppe "Knieschleifer aus Überzeugung". Das allein wäre noch keine Meldung wert, aber ein Unfall, den die 21-Jährige am 21. Juli 2019 erlitt, und der Umgang damit heben die junge Frau deutlich vom Rest der Mitglieder ab. Bei einem Ausflug in die Fränkische Schweiz kam die Ursensollenerin in einer Kurve ohne Fremdverschulden von der Straße ab: "Der Hinterreifen ist mir weggerutscht", sagt die Frau aus dem Landkreis und erwähnt im gleichen Atemzug, in vielerlei Hinsicht riesiges Glück gehabt zu haben. Ein vor ihr fahrender Vereinskollege sah sie plötzlich nicht mehr im Rückspiegel und bremste sofort ab, um ihr zu helfen. Das tat auch eine Ärztin, die zufällig in ihrem Auto direkt hinter Annika Kahle unterwegs war. Andere "Knieschleifer aus Überzeugung" waren nicht mit dabei. Annika Kahle war mit ihrem Begleiter allein.

Zum Glück Ärztin vor Ort

Nicht auszudenken, was aus der Ursensollenerin geworden wäre, wenn der Vereinskollege und die Medizinerin nicht Zeugen des Unfalls geworden wären, den die 21-Jährige mit ihrer auf 48 PS gedrosselten 650-Kubik-Maschine hatte. Die Ärztin wusste, was zu tun ist. Sie hielt sofort an und alarmierte die Rettungskräfte, die die junge Frau unverzüglich ins Bayreuther Klinikum brachten. Dort gab es die erschütternden Diagnosen: "Meine Wirbelsäule war sechs Mal gebrochen." Annika Kahle erzählt, dass auch ein Oberarm und ihr Schulterblatt nicht mehr ganz waren. Zudem kugelte sie sich einen Ellenbogen aus und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Zu allem Überfluss wurde ihre Lunge gequetscht. Es folgte die unverzügliche Verlegung in die Spezialklinik Hohe Warte, die sich ebenfalls in Bayreuth befindet.

"Ich kann mich nur noch an den Moment erinnern, wo ich losfahre und wie ich aufschlage. Vom Geschehen dazwischen weiß ich nur noch einzelne Sequenzen", erzählt die 21-Jährige mit dem Abstand von rund eineinhalb Jahren. Geblieben sind ihr bis heute zwölf Schrauben und zwei Stäbe, die sich noch in ihrem Körper befinden. "Ich merke das alles noch nach wie vor. Vor allem, wenn ich schwer hebe."

"Wollte sexy Fotos haben"

Regelmäßig geht Annika Kahle zur Physiotherapie, auch Osteopathie hilft ihr auf dem Weg zurück in ein normales, unbeschwertes Leben. Das muss es auch, denn einfach so weitermachen, das ging nach dem Unfall nicht. Ihre Ausbildung zur Krankenschwester im Sulzbach-Rosenberger St.-Anna-Krankenhaus musste sie abbrechen: "Ich bin berufsunfähig." Seit drei Monaten lässt sie sich nun zur Ergotherapeutin ausbilden. Annika Kahle musste eine dreieinhalbmonatige Reha über sich ergehen lassen. In dieser Zeit reifte der Gedanke, eine Idee umzusetzen, die sie schon vor dem Unfall hatte: "Ich wollte unbedingt mal sexy Fotos von mir haben. Aber irgendwie ist immer irgendwas dazwischengekommen." Da sich die 21-Jährige geschworen hatte, im Falle eines Unfalls oder anderen Unglücks nicht in Selbstmitleid zerfließen, sondern kämpfen zu wollen, fasste sie einen Entschluss: "Ich mache jetzt dieses Fotoshooting." Das war im Oktober vergangenen Jahres. "Es sollten sexy Fotos nur für mich werden." Quasi als ein Teil der Therapie. Dann aber hatte Annika Kahle einen Geistesblitz: "Man kann ja auch einen Kalender daraus machen. Nicht nur mit mir, sondern auch mit anderen Fahrerinnen."

Auf Facebook startete die Ursensollenerin einen Aufruf und erhielt eigenen Angaben zufolge einen enormen Zuspruch. Sie wählte elf weitere Fahrerinnen aus, die alle zu den "Knieschleifern aus Überzeugung" gehören, bat um Fotos und ließ daraus einen Kalender fertigen: "Ich habe so mit etwa 100 Bestellungen gerechnet und 150 Exemplare in Auftrag gegeben." Diese waren im Handumdrehen verkauft, also bestellte die 21-Jährige weitere 150 Stück. Doch auch die seien ihr in Motorradfahrer-Kreisen förmlich aus der Hand gerissen worden. Also wurden zusätzlich 50 Kalender in Auftrag gegeben, die ebenfalls längst verkauft sind.

Hans Rahm aus Sulzbach-Rosenberg sammelt alte Motorräder

Sulzbach-Rosenberg

Spende in Höhe von 2790 Euro

Jetzt, da der Februar naht, will die junge Frau auf weitere Nachdrucke verzichten. Bereichern will sie sich durch diese Aktion übrigens nicht. Fünf Euro pro Exemplar will sie zwei gemeinnützigen Einrichtungen spenden - an ein Palliativportal für Kinder, auf dem Ärzte den Mädchen und Buben rund um die Uhr zur Seite stehen, und an den Berliner Kolibri-Verein, der die letzten Wünsche von todkranken Kindern erfüllt. Weil einige Kalender-Käufer noch ein paar Euro freiwillig draufgelegt haben, sind 2790,04 Euro zusammengekommen, die gespendet werden. Allein dieses Wissen sorgt dafür, dass es Annika Kahle heute wieder richtig gut geht. Aber auch sonst hat sie den Weg zurück ins Leben gefunden und sagt: "Ich genieße jeden Moment im Hier und Jetzt ganz anders als davor, weil ich weiß, dass ich bei dem Unfall auch hätte sterben können."

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