12.02.2020 - 16:21 Uhr
UrsensollenOberpfalz

Das hat's mit der Sitzweil auf sich

Trotz Schneetreibens und beginnender Frostphase fanden 35 Besucher den Weg nach Erlheim, um die zweite Veranstaltung dieses Winterhalbjahres beim heimatkundlichen Stammtisch der Gemeinde Ursensollen mitzuerleben.

Schnelligkeit und Geschick sind beim „Eichkatzlspiel“ gefragt. Die Hände des mittleren Spielers, des „Eichkatzls“, hüpfen und schlagen plötzlich auf die Schenkel der Mitspieler. Diese dürfen sich mit einem Kochlöffel wehren.
von Josef SchmaußerProfil

Der Heimatpfleger der Gemeinde Ursensollen, Josef Schmaußer, eröffnete das Treffen mit einem verspäteten Neujahrsgruß in Mundart: "I winsch eich a guats neis Joaha. A langs Lebn, a gsunds Lebm und as Himmelreich danebn!"

Hauptthema des Abends waren die früheren beliebten Treffen der Landbevölkerung während der Winterzeit. Alleine im Landkreis gibt es laut Schmaußer dafür drei Namen: Sitzweil, Hutzaabend, Rocknstubn. In Oberbayern heißt ein derartiges Treffen dagegen Hoagast und in Franken Lichtstube.

Machten auf dem Lande Frost und Schnee die Arbeiten im Freien unmöglich und war auch das Brennholz für das Jahr aufbereitet, verlagerten sich viele Arbeiten in die Bauernstuben. Man traf sich zur Sitzweil. Sie war der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der erwachsenen Dorfjugend und besaß laut Schmaußer sehr viel anheimelnde Poesie. Der Referent: "In einer alten Bauernstube, geräumig, niedrig mit kleinen Fenstern und schöner Laibung, warm und rauchgeschwärzt, wurden die beliebten Treffen abgehalten."

Erst spät Licht gemacht

Sparsam wie man damals war, wurde erst spät eine Petroleumlampe und später elektrisches Licht, angemacht. Das Spinnen des Flachses (die Bündel hießen Rocken, daher Rocknstube), unter den hurtigen Fingern der Spinnerinnen wuchsen die Fäden, wurde begleitet von dem Erzählen alter Geschichten und dem Austausch der Neuigkeiten. Auch Stricken und das Federnschleißen waren typische Winterarbeiten. Die jungen Burschen stießen nach der Stallarbeit zur Gesellschaft. Besen wurden gebunden und Holzschuhe geschnitzt. Die jungen Burschen spielten den Mädchen allerhand Schabernack. Bekanntschaften und Liebschaften wurden geschlossen. Auch manch schöne und traurige Lied wurde gesungen. Mancher hatte sein Instrument dabei, und viele Junge lernten bei diesen Treffen das Tanzen. Nicht selten schloss auch ein gemeinsames Schlittenfahren diese Abende ab. Schmaußer: "Die Obrigkeit warf vor 150 Jahren ein waches Auge auf diese Treffen. Die Sitten sollten nicht verroht werden." Es wurden nämlich auf dem Heimweg allerhand Streiche ausgesponnen und schließlich auch ausgeführt.

Ganze Holzstöße wurden vertragen oder eine Tür mit Holz verbarrikadiert. Die Übermütigen klopften an die Fensterläden, Haustüren wurden ausgehängt und Pflüge auf die niederen Dächer gestellt. Man nannte diese Streiche seitens der Obrigkeit "den Scherz auslassen" oder "Elend und Dummheit" machen. Heimatpfleger Josef Schmaußer stellte auch einige Spiele vor, die die langen Winterabende aufheiterten. Beim "Sitze riechen" musste herausgefunden werden, auf welchen der drei vorbereiteten Stühle sich jemand nur kurz niedergesetzt hatte. Schnelligkeit und Geschick war beim "Eichkatzlspiel" gefragt. Die Hände des mittleren Spielers hüpfen zwischen Besenstiel und den Schenkeln der Mitspieler hin und her und schlagen plötzlich darauf. Die beiden Mitspieler wehren sich mit einem Kochlöffel und dürfen ihrerseits auf die schlagende Hand des Eichkatzls klopfen. Noch schmerzhafter konnte es beim Spiel "Hanserl, hej!" zugehen. Zwei Spielern werden die Augen verbunden. Die stehen sich diagonal gegenüber und fassen mit einer Hand das Bein eines Schemels. In der anderen Hand halten sie, ein oft nasses, Hand- oder Geschirrtuch. Auf den Ruf "Hanserl, hej" darf der andere Spieler in die Richtung schlagen, in der er den Rufenden vermutet. Dann wird gewechselt. Das geforderte "Schinkenpatschen" unterließ man aber dann doch an diesem Abend.

Auch 70 Jahre alte Bierdose

Wie immer bestand die Möglichkeit zum Gedankenaustausch über heimatkundliche Themen. Johannes Ehbauer hatte viele historische Fotos und Postkarten sowie eine etwa 70 Jahre alte Bierdose mitgebracht. Sie stammt aus Böhmen.

Etwas schmerzhaft kann es beim Spiel „Hanserl, hej!“ zugehen. Auf den Ruf „Hanserl, hej“ darf der erstere Spieler in die Richtung schlagen, in der er den Rufenden vermutet. Dann geht es umgekehrt.
Johannes Ehbauer hatte viele historische Fotos und Postkarten sowie eine ca. 70 Jahre alte Bierdose mitgebracht. Sie stammt aus Böhmen.

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