25.07.2019 - 09:37 Uhr
UrsensollenOberpfalz

Unterirdische Flüsse und tiefe Einblicke

"Raunlöcher", Erdfälle und Geschichten um Dolinen prägen die Juralandschaft. Immer wieder verändert sich die Geologie der Albhochfläche. Im Sommer 2015 stand sie im Fokus des Interesses der Gemeinde Ursensollen.

Das „Teufelsloch“ zwischen Erlheim und Hohenkemnath wird immer wieder von Unbekannten mit Grünabfällen oder Steinen verfüllt.
von Josef SchmaußerProfil

Zufällig entdeckte ein Landwirt nördlich von Sauheim im August 2015 einen Erdfall - der Auslöser für das Thema "Geologie der Alb". Die Bevölkerung hatte großes Interesse an diesen Ereignissen, da sich im Gemeindegebiet immer wieder Erdeinbrüche ereigneten.

Ein Interesse, das bis heute anhält. Mehrere besorgte Bürger beobachteten, dass die Doline "Teufelsloch" am Kirchensteig, die zwischen Hohenkemnath und Erlheim liegt, immer wieder mit Müll aufgefüllt wird. Das ist ein großes Problem, denn oft besteht in Dolinen eine Verbindung zum Grundwasser, unserem Nahrungsmittel Nummer eins.

Nachdem im August 2015 auf einem Feld nahe Sauheim die Erde einfiel, untersuchte ein Experte das Loch.

Saure Niederschläge

Hohenkemnath und Ursensollen liegen in der Übergangszone der Kreideüberdeckung und der Malmtafel aus der Jurazeit. Der Heimatpfleger der Gemeinde Ursensollen, Josef Schmaußer, und sein Team stellten bereits vor drei Jahren die Geologie der Gemeinde in den Fokus der Diskussion. Saure Niederschläge würden in einem langen Prozess die Gesteinsschichten auflösen, betonen die Experten. Dadurch würden sich unterirdische Hohlräume und Höhlen bilden. Dazu gibt es viele Beispiele aus der Region, die immer wieder Thema unter den Einheimischen sind.

So brach um 1965, kurz nach der Fertigstellung der nun "staubfreien" AS 15, beim sogenannten "Hilpert-Stoandl" westlich von Haag neben der neuen Kreisstraße ein rund drei Meter breiter und drei Meter tiefer Krater ein. Anfang der 1970er Jahre war südlich des Ortsrandes von Haag auf einem Acker ein Erdeinbruch mit rund sieben Metern Durchmesser und einer Tiefe von sechs Metern zu beobachten. Weit über die Region hinaus sorgte ein Ereignis am Silvestermorgen 1995 für Aufsehen. Im Garten einer Ursensollener Familie stürzte die Erde ein.

Die große Überraschung: Unter der Erde befand sich ein starker unterirdischer Wasserfluss. Obwohl Ursensollen beinahe am höchsten Punkt der Albhochfläche (538 Meter) liegt, war auch unter dem ehemaligen Brauhaus der Familie Gehr (bis 1920) eine starke Quelle aktiv. Im Sommer 1996 entdeckte ein Landwirt auf seinem gepachteten Feld zwischen Gunzelsdorf und Richtheim (Gemeinde Ursensollen) ebenfalls ein frisch eingebrochenes Erdloch mit einem Durchmesser von rund vier Metern und einer Tiefe von drei Metern. Da er das Loch nicht sofort verfüllte, konnte es ein Dolinen- und Höhlenexperte vermessen und untersuchen.

Verfüllte Dolinen

Kurz vor Weihnachten 1998 wurden in der Flur "Kehlhof", 600 Meter südlich von Hohenkemnath, zwei neue Erdeinbrüche beobachtet. Sie befanden sind ganz in der Nähe von drei sehr großen Dolinen, die 1962 (Verfüllung nach dem Abriss des historischen Pfarrhofes von 1828) und 1992 verfüllt wurden.

Farbproben haben ergeben, dass die unterirdischen Gewässer um Ursensollen in Richtung Hausener Bach fließen oder in Richtung des Kuhfelsens. Hier floss vor rund 300 Jahren noch das "Erlheimer Bachl", gespeist aus der noch bestehenden Quelle in Bittenbrunn.

Kurz vor Weihnachten 1998 konnte man in der Flur „Kehlhof“, 600 Meter südlich von Hohenkemnath zwei neue Erdeinbrüche beobachten.
„Raunlöcher“:

Ein Oberpfälzer Dialektwort

In der Hohenkemnather und in der Ursensollener Gegend werden Dolinen oder Erdfälle, die auch Sinkhöhlen heißen, in der Regel „Raunlöcher“ genannt. Dabei handelt es sich um ein typisches oberpfälzisches Dialektwort. Für den Ursprung des Wortes gibt es eine einfache Erklärung.

Früher brachten die Menschen aus der Gegend alle Phänomene und Begebenheiten in der Natur, die sie sich nicht rational erklären konnten, mit dem Teufel, bösen Mächten und der Unterwelt in Verbindung. Sie glaubten, dass Geister aus dieser Unterwelt auf mystische Art und Weise zu den Erdmenschen durch kleine Löcher „raunen“ und sie heimsuchen.

Mythen rund um die Dolinen:

Das Teufelsloch

In früheren Zeiten herrschte unter den Menschen ein starker Teufelsglaube. Alle Naturphänomene, die sie sich rational nicht erklären konnten, brachten sie mit dem Teufel in Verbindung. Eines der bekanntesten Beispiele für den damaligen Aberglauben ist die „Teufelsmauer“ – Reste eines einstigen Limes. Das Wissen um diesen römischen Grenzwall war im Laufe der Geschichte verloren gegangen.Vor rund 60 Jahren ereignete sich auf dem Kirchensteig zwischen dem Filialort Erlheim und dem Kirchdorf Hohenkemnath folgende Geschichte, die der originelle Krämerladenbesitzer Martin Gimpl seiner Ehefrau aufgetischt hatte: Er war angeheitert auf dem Heimweg vom Wirtshaus in Erlheim auf dem Kirchensteig unterwegs, als er in ein großes „Raunloch“, ein Oberpfälzer Dialektwort für Dolinen, fiel. Brombeersträucher hatten sein Gesicht zerkratzt und seine Kleidung zerrissen.

„Wej schaust’n denn du aus?“, schimpfte seine Ehefrau. „I hob im Raunloch am Kirch’nsteig mit’m Teifl g’raaft!“, gab der arme Sünder zur Antwort. Diese Geschichte machte bald im Dorf die Runde. Wir Kinder glaubten diese „Räuberpistole“ und hatten seither einen Heidenrespekt vor dieser Doline, die von nun an von den Einheimischen nur „Teiflsloch“ genannt wird. Der „alte Max“, mit eigentlichem Namen Marin Gimpl, war übrigens, zusammen mit Sabina Donhauser, der erste Tote, der im Januar 1961 im neu erstellten Leichenhaus auf dem Friedhof in Hohenkemnath aufgebahrt lag. Damit endete im Dorf die Zeit, in der die Verstorbenen zu Hause aufgebahrt wurden.

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