13.11.2018 - 14:19 Uhr
Oberpfalz

Verantwortung füreinander und vor Gott

Für jeden Christen soll der Buß- und Bettag ein Tag der persönlichen Gewissensprüfung sein. Abendmahlsfeiern und Beichte haben in den protestantischen Kirchen Tradition.

Martin Luther betonte die Buße als „lebenslange Aufgabe jedes Christen“. Eine Rarität ist diese Hinterglasbild des Reformators aus dem Jahre 1870, gefunden in Nordböhmen.

Vor 23 Jahren wurde der gesetzliche Feiertag Buß- und Bettag zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung gestrichen. Lediglich 13 Jahre durften sich die evangelischen Christen in Bayern davor über einen gesetzlichen Feiertag freuen, seit 1994 ist er ein "gesetzlich geschützter Feiertag". Nur in Sachsen ist der Buß- und Bettag noch gesetzlicher Feiertag. Deswegen sind in diesem Bundesland auch die Beiträge zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozent höher als im übrigen Bundesgebiet.

In Bayern ist schulfrei. Jedoch werden die Lehrer nicht von ihrer Arbeit freigestellt, sondern legen einen sogenannten "pädagogischen Tag" zum Zweck der Weiterbildung ein. Durch die Feiertagsgesetze ist es in den meisten anderen Bundesländern jedem Arbeitnehmer möglich, sich unter Hinweis auf religiöse Pflichten an diesem Tag frei zu nehmen. Es muss dafür kein Urlaubstag genommen, allerdings auf Lohn verzichtet werden. Das gilt auch für bayerische Lehrer. Wer es wünscht, dem muss Gelegenheit gegeben werden, von dem "pädagogischen Tag" oder ähnlichen Veranstaltungen fernzubleiben.

Glockenläuten

Wie gehen die evangelisch-lutherischen Gemeinden damit um? Im vergangenen Jahr erklangen zum Reformationsjubiläum auf Geheiß der Landeskirche die Glocken in den Kirchtürmen. In den Jahren davor, ab 1994, läuteten in vielen Gemeinden keine Glocken mehr. In der evangelisch-lutherischen Gemeinde Neustadt-Wilchenreuth zum Beispiel läuteten von den Kirchtürmen die Glocken zu den drei anstehenden Gottesdiensten: Um 10 Uhr im Altenheim St. Martin, um 18 Uhr in der Jesus-Christus-Kirche Altenstadt und um 19.30 Uhr in St. Ulrich.

Die Verlegung der Gottesdienste auf den Abend wurde mit dem Kirchenvorstand abgesprochen und hatte vor allem das Ziel, der berufstätigen Bevölkerung die Chance zum Kirchenbesuch zu geben.

Chance auf Neubeginn

Am Buß- und Bettag will die evangelische Kirche dem Volk ins Gedächtnis rufen, dass es Verantwortung füreinander und vor Gott trägt. Drei Ziele stehen dabei im Vordergrund: Zum einen will man im Gebet Ermutigung und Orientierung finden. Zum anderen soll auf gesellschaftliche Probleme, aber auch auf Chancen des Neubeginns hingewiesen werden. Für jeden einzelnen Christen soll dieser Tag ein Tag der persönlichen Gewissensprüfung sein. Abendmahlsfeiern und Beichte haben in den protestantischen Kirchen Tradition am Buß- und Bettag.

Die Geschichte dieses Tages hat ihre Wurzeln im Alten Testament, in der Urkirche. Gebet, Fasten, Almosen geben und Buße waren Grundanliegen der frühen Christenheit. Theoderich der Große und Kaiser Karl der Große verfügten, dass es einen gemeinsamen, staatlich-kirchlichen Tag der allgemeinen Buße geben solle. Durch Volksbuße sollte die Landesnot behoben werden. Martin Luther betonte die Buße als "lebenslange Aufgabe jedes Christen". Das Büßen steht dabei nicht für eine Bestrafung, sondern vielmehr für die Gelegenheit, sich selbst in einem kritischen Licht zu sehen, Reue zu zeigen oder sich auf eine Umkehr und Sinnesänderung zu besinnen.

Erstmals 1532 gefeiert

Der erste evangelische Buß- und Bettag wurde auf kaiserliche Anordnung angesichts der Türkenkriege 1532 in Straßburg begangen. Durch Entscheidung der einzelnen Landeskirchen kam es zu einer Vielzahl von "Bußtags-Terminen". Erst in der Eisenacher Konferenz im Jahre 1852, dem ersten Zusammenschluss der evangelischen Landeskirchen in Deutschland, einigten sich die Delegierten darauf, den Buß- und Bettag einheitlich auf den Mittwoch vor dem letzten Sonntag des Kirchenjahres zu legen.

Doch es funktionierte auch nicht, noch 20 Jahre später gab es in 28 deutschen Ländern 47 verschiedene Bußtage an 24 unterschiedlichen Tagen. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts gelang eine einheitliche Regelung. Das katholische Bayern führte als letztes Bundesland den Buß- und Bettag 1981 als gesetzlichen Feiertag ein.

Viele Unterschriftenaktionen zur Wiedereinführung des Tages als gesetzlichen Feiertag schlugen fehl. Es lag oft auch an mangelnder Resonanz. Lediglich 200 Unterschriften kamen 1994 zusammen. Zwei Jahre zuvor waren es noch 500. Es stellte sich auch heraus, dass die meisten Unterschriftswilligen nicht mehr in die Arbeit gingen.

Verzicht auf Urlaubstag

Der Grund lag sicher auch in der Formulierung der Unterschriftenlisten: Denn mit der Unterschrift für die Wiedereinführung war gleichzeitig der Verzicht auf einen Urlaubstag verbunden, der letztlich wieder der Pflegeversicherung zu Gute kommen sollte. So war damals die Chance auf eine Neubelebung des Tages vertan. Die Uneinigkeit zwischen Landesbischof (Pro) einerseits und dem Vorsitzenden der Synodale (Contra) irritierte damals Pfarrer und Gläubige landesweit. Großangelegte Plakatinitiativen "Pro Bußtag", in München initiiert, mit dem Motto "Mut machen - Maßstäbe setzen" liefen ins Leere. Auf dem Info-Plakat fehlten schlicht die konkreten Hinweise auf die Aktion.

Und das Ganze trieb auch noch seine extremen Blüten: So mussten in einigen evangelischen Kindergärten wie in Erbendorf, Vohenstrauß und Weiden die katholischen Erzieherinnen Dienst schieben, während die evangelischen Mitarbeiterinnen frei hatten.

Werden evangelische Christen über ihre Einstellung zur Bedeutung dieses Tages gefragt, so haben die Jugendlichen kaum Bezug dazu. "Keine Ahnung, ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll", erklärte eine 19-Jährige. "Ich freu mich auf den Tag schulfrei, aber in die Kirche gehe ich deswegen nicht", so ein anderer. (cr)

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