07.02.2019 - 11:38 Uhr
Oberpfalz

Verbot macht erfinderisch

"Fische mit Füßen und Fell" landen einst in der Fastenzeit schon mal auf dem Teller. Kreativ umgehen die Menschen die strengen Gebote. Bestes Beispiel: "Herrgottsb'scheißerl".

Klöster förderten die Fischerei in stehenden und fließenden Gewässern – und nicht nur für den Eigenbedarf. Zum Beispiel auch das Kloster Waldsassen.
von Rainer ChristophProfil

Die Kirchenmänner hatten es nicht leicht beim Konzil von Konstanz vom 5. November 1414 bis 22. April 1418: Zwei Päpste kämpften seit Jahren um die Vorherrschaft, es galt, die Einheit der Kirche wiederherzustellen und sogenannte Häretiker wie Jan Hus zu bekämpfen. Trotzdem war noch Zeit, sich Gedanken über Speisevorschriften in der Fastenzeit zu machen. So war vor 600 Jahren in Konstanz die Rede von "Fischen mit Füßen und Fell", Tiere also, die auch an Fasttagen gegessen werden durften.

Papst Gregor I. verbot bereits im Jahr 590 strikt das Essen von "warmblütigen Tieren". Seine Nachfolger verschärften das Gesetz noch. Die Ausweitung betraf sogar alle Produkte, die von Tieren kamen, also Eier, Butter, Milch oder Käse. Diese Regelung hob 1491 Papst Julius III. teilweise wieder auf. Kein Wunder, die Köche der kirchlichen Einrichtungen und des Adels mussten sich nach Alternativen umsehen.

"Alles, was schwimmt ist Fastenspeise", lautete das Motto. So kam es, dass als Fastenspeise in allen christlichen Ländern der damaligen Welt nicht nur Fisch, sondern auch Frösche und Krebse auf den Tisch kamen. Doch es wurde nach Abwechslung gesucht, die Klosterküchen sahen sich für die vielen Fastenzeiten nach weiterem Essbaren um. Bald galt die Regel "Alles, was im Wasser schwimmt, gehört zur Fastenspeise." Das führte gelegentlich zu Kapriolen. So wurde ein Ferkel in den Brunnen geworfen und wieder nach oben gehievt. Es galt damit als Fisch. Bei Biber und Otter gab es ebenfalls keine Diskussionen: Sie sind Wassertiere. Und natürlich gab es auch keinen Halt vor Wasservögeln, die durchaus den Speiseplan bereicherten. Die Hüter der Fastengesetze konnten sehr kreativ sein.

Was den Fleischgenuss anbelangte, war das arme Volk davon sowieso nicht betroffen, hier kam nur das auf den Tisch, was selbst angepflanzt wurde. Fleisch konnte man sich sowieso nicht oft leisten.

Jagd und Fischrecht lagen ab dem 12. Jahrhundert ausschließlich in den Händen des Adels. Klöster dagegen förderten die Fischerei in stehenden und fließenden Gewässern - und nicht nur für den Eigenbedarf. Zum Beispiel auch das Kloster Waldsassen. Das Resultat sind bis heute die vielen Teiche im Stiftland. Das Amtsgericht am Rande des Stadtteichs in Tirschenreuth heißt bis heute in der Bevölkerung "Fischhof". Das Kloster Waldsassen ließ ihn einst als Verwaltungsgebäude errichten. Im Spätmittelalter kamen langsam auch getrocknete Meeresfische oder gesalzene Heringe aus dem Norden über Handelswege in unsere Region.

Vergleicht man das Fasten in anderen Religionen mit dem des Christentums, so waren und sind die Einschränkungen für die Menschen heute minimal. Bei den Konzilen in Konstanz und kurz darauf in Basel wurde das Fasten noch sehr ernst genommen. Immerhin standen im kirchlichen Kalender bis Anfang des 16. Jahrhundert 130 Fasttage im Jahr. So war es nicht verwunderlich, dass die Verbannung bestimmter Lebensmittel weiterhin kreativ machte. So mancher Koch fühlte sich motiviert, Neues zu erfinden. So entstanden damals bereits vegane Gerichte, delikate Schummeleien verzückten die Esser. Die wohl berühmteste, so entstandene Schummelei sind schwäbische Maultaschen. Nicht umsonst werden sie auch "Herrgottsb'scheißerle" genannt.

Typisch schwäbisch ist der Verzehr der Maultaschen zunächst in der Suppe, anschließend mit Kartoffelsalat als Hauptspeise. Maultaschen sind bis heute eine Spezialität der schwäbischen Küche und dort auch in jeder Metzgerei ganzjährig zu bekommen.

Die Taschen aus Nudelteig sind mit Brät, Spinat, Zwiebeln und eingeweichten Semmeln gefüllt. Natürlich gibt es viele Variationen in den Gegenden vom Bodensee bis nach Karlsruhe. Seit 2009 ist der Begriff "Schwäbische Maultaschen" von der EU geschützt. In jeder Kultur und Religion taucht das Thema Fasten auf. Es ist sogar ein elementarer Bestandteil, der in die Anfänge der Religionen zurückverfolgt werden kann. Vielfältig und auch oft sehr einsichtig sind die Gründe des Fastens. Es geht um innere Einkehr, Besinnung, Erweiterung von Sichtweisen, Reinigungsprozesse auf allen Ebenen. Übergeordnete Ziele sind die persönliche Stärkung und ein Neubeginn. Fasten geht nicht selten einher mit Buße und der Einübung bewussten Maßhaltens. Viele Klöster laden in dieser Zeit zu Tagungen, Exerzitien und Einkehrtagen ein. Weltliche Organisationen sprechen vom "Gesundheitsfasten".

Grundsätzlich gibt die Fastenzeit in der katholischen Kirche vor, die Nahrung zu reduzieren. Das bedeutet, eine volle Mahlzeit am Tag und zwei zusätzliche kleinere Stärkungen sollen ausreichen, an Freitagen wird total auf Fleisch und Wurst verzichtet. Besonders strenge Fastentage sind bis heute der Aschermittwoch und der Karfreitag. Streng wurden und werden die Regeln in den Klöstern beachtet. Im Trappisten-Orden lautet sie: Wenig Essen, kein Fleisch, harte körperliche Arbeit und strenges Schweigen. Die Fastenzeit beginnt bereits beim Fest Kreuzerhöhung im September und steigert sich langsam.

Am Aschermittwoch beginnt die strenge Fastenzeit, ab da dürfen neben Fleisch auch keine Milchprodukte oder Eier mehr gegessen werden. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kamen in vielen Orden so manche Regeln außer Gebrauch.

Eine Brücke für den Fleischverzehr baute das bischöfliche Ordinariat dem Gasthof- und Brauereibesitzer Johann Mühlhofer für sein Wirtshaus in Altenstadt. Die Verordnung vom 1. Juli 1876 gestattete Ausnahmen für den Fleischverzehr und gab Hinweise, dies durch Alternativwerke "guteisu machen". Ihm wurde das ganz offiziell in einer Urkunde zugestellt. Ob er dazu eine Anfrage stellte, ist nicht bekannt, es ist jedoch zu vermuten. (cr)

Das „Herrgottsb’scheißerl“, also die schwäbische Maultasche, versteckt das Fleisch in der Füllung.
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