22.03.2019 - 09:16 Uhr
VilseckOberpfalz

Als die Oberpfälzer begeistert von den Schottenröcken waren

Ob der Brexit nun kommt oder nicht - der Freundschaft zwischen Schotten und Oberpfälzern wird die große Politik dieser Tage keinen Abbruch tun. Ein Rückblick auf 50 Jahre Partnerschaft zweier Landkreise.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Rosi Hasenstab aus Vilseck war dabei, als der Landkreis Ende der 60er-Jahre erste Kontakte nach Argyll & Bute knüpfte. Ihrem Gesang hatten es die Vilsecker Moila zu verdanken, dass sie vor 50 Jahren nach Schottland reisen durften. Zusammen mit weiteren 14 Jugendlichen aus dem Landkreis verbrachten sie zwei Wochen in der Stadt Dunoon und festigten die 1967 geschlossene Partnerschaft zwischen dem damaligen Landkreis Amberg und der schottischen Grafschaft Argyll.

"Das war damals eine aufregende Sache, denn wir wussten gar nicht, wie uns geschah", erzählt Rosi Hasenstab aus Vilseck. Die 67-Jährige war damals als Sängerin mit dabei. "Ich glaube, dass die Einladung über Landrat Hans Raß kam." Die Vilsecker Moila gab es im Juli 1969 gerade mal ein gutes Jahr, schon traute der Landrat den jungen Damen zu, den Landkreis zu repräsentieren.

Mit Kreisjugendpfleger Josef Zechmeier und dem Amberger Reporter Horst Mayer ging es am 25. Juli 1969 per Bahn ins belgische Ostende und von dort mit dem Schiff über den Ärmelkanal nach Dover. "Die vierstündige Überfahrt war schlimm, besonders für mich und meine kleine Schwester. Vor lauter Aufregung wurden wir seekrank und mussten des Öfteren die Fische füttern", erinnert sich Hasenstab - damals zarte 17 Jahre alt. Als die Vilseckerinnen wieder festen Boden unter den Füssen hatten, setzten sie die Bahnfahrt über London bis Glasgow fort. Per Bus ging es dann weiter nach Dunoon, wo sie in einem Schul-Internat Quartier bezogen. Für die 1900 Reisekilometer waren sie 32 Stunden unterwegs.

Am nächsten Tag kamen die 18 schottischen Jugendlichen an, mit denen die Amberg-Sulzbacher zwei Wochen zusammen sein sollten. Hasenstab: "Wir sprachen nur wenig Englisch und die Schotten fast kein Deutsch. Aber gerade das war ja das Interessante." Jeden Tag sei es mit der Verständigung besser geworden. Beim gemeinsamen Singen, Musizieren, Tanzen und Tischtennisspielen lernten sich die Austauschpartner rasch kennen. "Der Hokey-Kokey-Tanz wurde zum Hit, und von meinem zaghaften Jodeln konnten die Schotten gar nicht genug bekommen." Das Essen sei anfangs sehr gewöhnungsbedürftig gewesen. Haggis, ein typisch schottisches Gericht ( gefüllter Schafsmagen) ist da in besonderer Erinnerung geblieben. "Da mussten wir uns schon sehr überwinden."

Deshalb übernahmen die Mädchen aus der Oberpfalz auch mal den Küchendienst und bereiteten einen Schweinebraten mit Spozn zu. Das war schwierig, denn es gab noch keinen fertigen Knödelteig - schon gar nicht in Schottland. "Aber wir bekamen das hin. Die Schotten waren jedenfalls begeistert und hauten tüchtig rein", berichtet Hasenstab. Georg Stadler, gelernter Bäcker aus Vilseck, wurde in Schottland gar zum Star. Er zauberte zusammen mit Josef Zechmeier zum großen Erstaunen eines schottischen Bäckerei-Inhabers zwei Torten. "Daraufhin bot ihm Mister Black sofort eine Stelle in seinem Betrieb an." Stadler lehnte ab. Die Torten jedoch bildeten den krönenden Abschluss der Reise und wurden bei der großen Abschiedsparty verzehrt.

Doch bis dahin hatten die Gäste aus Bayern unter anderem noch mit den rechtsgesteuerten Autos und dem Linksverkehr zu kämpfen sowie mit dem Umrechnen der D-Mark in Pfund Sterling. Dunoons Bürgermeister lud die deutsch-schottische Gruppe zu einem Empfang in die Queenshall ein, wo die Vilsecker Moila oberpfälzische Lieder vortrugen. Berthold Höps (Klavier) und Peter Donhauser (Violine) trugen klassische Musik vor. "Hier erlebten wir live den ersten Dudelsackpfeifer im Schottenrock", erzählt Hasenstab. Die Gastgeber zogen alle Register, um die Gruppe aus Deutschland zu beeindrucken. Ausflüge nach Edinburgh, Rothesay, Oban und Tighnabruaich, teilweise mit Privatautos des Rotaryclubs, standen auf der Tagesordnung. Dabei traten stets die Vilsecker Moila in ihren Dirndln und mit Gitarre auf. Der Besuch auf dem US-Schiff "Simon Lake", das in der Bay von Dunoon vor Anker lag, faszinierte die Oberpfälzer genauso, wie der Besuch auf einer schottischen Farm. Josef Zechmeier verteilte überall Geschenke von Landrat Raß. Bei den Fahrten durch das wildromantische Hochland fielen den Amberg-Sulzbacher immer und überall die vielen Seen auf - von den Schotten "Lochs" genannt. "Dou is doch scho wieder so a Loch", hieß es ständig. Sowas bleibt halt im Gedächtnis."

In guter Erinnerung blieben der Reisegruppe auch die Highland-Games, ein Folkloreabend im Stadion von Dunoon. Hier zeigten die Einheimischen Schwertertänze, Tauziehen, Hammer- und Baumstammwerfen. Letzteres wollte auch Alois Dotzler aus Mimbach, als echter Bajuware, ausprobieren. Und siehe da, er warf den Caber, einen 35 bis 60 Kilogramm schweren und fünf bis sechs Meter langen Baumstamm, ungewöhnlich weit und erntete den Applaus tausender Zuschauer.

"Von dem Vorurteil, die Schotten seien geizig, merkten wir nichts, im Gegenteil", berichtet Hasenstab. "Überall schlug uns herzliche Gastfreundschaft entgegen, und immer wieder wurden wir mit kleinen Geschenken bedacht. Auch den schottischen Whisky durften wir einmal verkosten, aber nur einmal. Der Tee jedoch ging nie aus."

Am Freitag, 8. August, hieß es dann Abschiednehmen. Ein letzter Gesangsauftritt, ein paar Bissen beim Abendessen, Dankesworte, Händeschütteln und viele Tränen gab es da. Schuldirektor Henderson sprach den Wunsch aus, die Verbindungen nicht nur mit Jugendlichen zu pflegen, sondern auch auf die Erwachsenen auszudehnen. Man solle auch Kontakte zwischen Landwirten und Geschäftsleuten knüpfen. Und dies ist in den folgenden 50 Jahren kontinuierlich geschehen.

"Vieles, was in diesen fünf Jahrzehnten gewachsen ist, steht nun durch den Brexit auf der Kippe", befürchtet Hasenstab 50 Jahre nach dem legendären Ausflug auf die Insel. "Obwohl Schottland in der EU bleiben will, versuchen die Briten jetzt, gegen den Strom zu schwimmen. Muss man das verstehen?" Sie hoffe nur, dass die Städte- und Landkreispartnerschaften nicht unter dem Brexit leiden.

Bei der Heimfahrt stand noch ein Tag in London auf dem Plan. "Wegen Übermüdung und drückender Hitze nahmen wir den Big Ben, die Tower-Bridge und die St. Pauls-Kathedrale nicht mehr richtig wahr. Bei der Wachablösung am Buckingham-Palast konnten wir uns nur noch mühsam auf den Beinen halten. Zum Glück ergatterten wir im St. James-Park ein paar Liegestühle und schliefen erschöpft ein."

Am Sonntag verließ die Gruppe die Insel endgültig und erreichte am Montag in den frühen Morgenstunden den Amberger Bahnhof und den Postbus nach Vilseck. "Daheim fielen wir todmüde, aber glücklich, in unsere Betten. Wochenlang gab es nur noch das Thema Schottland. Im Nachhinein bedauere ich nur eines, nämlich, dass es damals noch keine Digitalkameras gab und wir nur einen einzigen 36er-Film in unserem Agfa-Fotoapparat hatten." Beim Gegenbesuch 1970 im Landkreis Amberg waren die schottischen Freunde in Familien untergebracht. "Marion Campbell wohnte bei uns, und die Brieffreundschaft mit ihr pflegte ich noch viele Jahre."

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