06.02.2020 - 11:17 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Geheimnisvoller Räuber ist zurück

Die Rückkehr des Wolfs spaltet und erhitzt die Gemüter. Das Verhältnis zwischen Mensch und dem Raubtier ist aber noch nie einfach gewesen, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt.

Dieser Wolf steht in einem Freigehege. In der nördlichen Oberpfalz gab es früher viele der großen Beutegreifer. Sie galten als ausgerottet, kehren aber langsam zurück.
von Josef ForsterProfil

Vor 1100 Jahren trafen der Sage nach Wölfe und des Königs Pferd in der Grenzregion aufeinander. Gut ging das ungleiche Treffen nicht aus. Heinrich I. wurde 919 König des ostfränkischen Reichs. Später erhielt er den Beinamen "der Finkler" oder auch "der Vogler". Das Lied "Herr Heinrich saß am Vogelherd" erzählt von der Sage.

Er soll an der böhmischen Grenze ein Jagdhaus gehabt haben. Bei einem Jagdausflug wurde seine Tochter Jutta von einem Grafen entführt. Der König verfolgte das flüchtende Liebespaar. Auf einem Berg, der heute Leuchtenberg heißt, sah er ein Licht aufleuchten, das die Flüchtenden angezündet hatten. Sie retteten sich dann auf die Burg Frauenberg, später Pfraumberg. Der König verfolgte sie entlang der Pfreimd in Richtung Böhmen. Da blieb das Pferd des Königs im Sumpf stecken. Er musste es zurücklassen. Als er zurückkam, war das Ross bis aufs Haupt von Wölfen gefressen worden.

Erstnennung von Wölfen

Der Volksmund sieht darin die Entstehung des Orts Roßhaupt. Um 919 könnte das Jagdhaus des Königs der heutige Ort Waidhaus gewesen sein. Das Wandgemälde eines königlichen Jagdschlosses in der 1868 abgebrannten Waidhauser Kirche erinnerte an diese Sage. Auch die Böhmerwaldrechte der Waidhauser sollen auf eine Schenkung Juttas zurückzuführen sein. Ziemlich sicher handelt es sich um die Erstnennung von Wölfen in der Grenzregion. Wölfe waren in den nächsten Jahrhunderten gefürchtete Raubtiere. Mancher Flurname erinnert daran. Bei Reinhardsrieth gibt es den Wolfswinkel. Die Wolfsloh ist im Lerautal bei Leuchtenberg.

Der Wolfsbühl liegt zwischen Steinach und Oberlind. Frühere Generationen fingen die Wölfe in speziellen Wolfsgruben. 1477 wird eine Wolfsgrube bei Altenstadt erstmals genannt. 1525 beschwerte sich das Dorf Lohma wegen der Wildgruben. Wolfsgruben waren immerhin drei bis vier Meter tiefe, runde oder quadratisch angelegte Fallen. Eine aufwendige Holzverschalung stabilisierte die Wände.

Als Abdeckung gab es meist nur eine einfache Konstruktion aus dünnen Ästen, Reisig und Laub. Geläufig waren Klappen oder auch Drehdeckel. Wurden Wölfe in der Umgebung vermutet, lockte man diese gezielt an. Dazu fanden tote Tiere Verwendung als Köder. Manchmal wurde sogar eine laut schnatternde Ente oder anderes lebendes Vieh angebunden. Für die Anzucht und den Unterhalt dieser Ente hatten die Bauern sogar Hafer abzuliefern. Vom Wolf gebissenes Fleisch durfte außerdem auch nicht verkauft werden.

Fiedeln zur Abschreckung

Früher wurden die Verstorbenen von Vöslesrieth über den Totenweg auf den Friedhof in Altenstadt gebracht und beigesetzt. Nachdem Musikanten von Miesbrunn wieder einmal einen "Toten auf dem Brett" nach Altenstadt begleitet hatten und sich nun sehr spät auf dem Heimweg befanden, gerieten sie nahe bei der Fürstenmühle in ein Wolfsloch, wobei zu allem Unglück auch noch Wölfe auftauchten. In ihrer Angst haben die Musikanten zu fiedeln angefangen, und die Wölfe taten ihnen nichts zuleide. Der Fürstenmüller und der Rammirtel haben wegen der Wölfe umgeschaut und die Musikanten gefunden. Seitdem heißt es dort "beim Fiedlbühl". So wird in einem Heft der "Streifzüge" des Heimatkundlichen Arbeitskreises Vohenstrauß die Entstehung des Ortsnamens Fiedlbühl erklärt.

"Alte Wolfsgrube"

Um 1600 wurde bereits eine "alte Wolfsgrube" bei den Vohenstraußer Mieswiesen gegen Pleystein sowie eine Wolfsgrube am Schafhof genannt. Doch der Wolf schadete nicht nur "Schafen und Geiß". 1601 beklagte sich der Glashüttenmeister Hans Reichenberger von Reichenau, ihm seien innerhalb von drei Wochen 14 Stück Vieh "durch die Wölfe schadhaft und zerrissen worden". 1607 gingen in der Nähe von Weiden während der Hasenjagd drei Wölfe vor die Flinten.

Im Dreißigjährigen Krieg vermehrten sich die Wölfe. Die Bretter in den alten Wolfsgruben wurden wieder hergerichtet. 1643 erschlugen Bürger einen Wolf bei Burgtreswitz. Ein Jahr später lieferte der Burgverwalter von Burgtreswitz wieder zwei junge Wölfe ab. 1645 wurde je ein alter Wolf bei Burgtreswitz und Eslarn getötet.

Fast jährlich wurden nun die Beutegreifer in Wolfsgruben gefangen, so bei Gaisheim, Gröbenstädt, Großenschwand und Tännesberg. Bei jungen Wölfen war es üblich, sie im Wasser zu ertränken. 1666 wurden zwei Wölfe bei Waldau und je einer bei Gebhardsreuth, Oberwaltenrieth und Hechtlmühle erlegt. 1672 wurden in der Oberpfalz 80 Wölfe erschlagen oder erschossen, so bei Waidhaus im Amt Treswitz. Nun sprach man nicht nur von einer Wolfsgefahr, an der böhmischen Grenze wurde sie gar als "grassierende Pest" bezeichnet. Die Hauptopfer waren Kinder von vier bis 15 Jahren, auch Erwachsene mussten häufig die Flucht ergreifen. Vorfälle ereigneten sich bei Schönsee, Weiding, Schönthan, Gaisthal, Burgtreswitz, Saubersrieth, Schneeberg, Böhmischbruck, Winklarn oder Eslarn.

Die Köhler trauten sich ohne Bewaffnung nicht mehr in den Wald hinaus zu ihren Meilern. Auf der Karte von 1680 ist zwischen Vohenstrauß und Braunetsrieth, in der Nähe des heutigen Polizeigebäudes, eine runde "Wolfsgrubn" eingezeichnet. Zwei junge Wölfe zu Waidhaus und fünf zu Eslarn wurden in jener Zeit ersäuft.

Noch 1745 lautet eine öffentliche Aufforderung, die Untertanen sollen sich zur Ausrottung der vielen Wölfe "unentgeltlich zum Ausschachten von Wolfs-Fanggruben zur Verfügung stellen oder helfen, die Wölfe in die mit Reisig abgedeckten Gruben zu treiben." Es wurden regelrechte Treibjagden abgehalten und Wolfseisen ausgelegt. 1748 durften die Schäfer im Amt Parkstein-Weiden auf die Dauer von vier Wochen Schusswaffen tragen. Eine Schussprämie von zehn Reichstalern für jeden erlegten Wolf wurde in Aussicht gestellt. Nun wurden die Wölfe also geschossen, das war erfolgreicher. Die Wolfsgruben wurden nach und nach abgeschafft und eingeebnet.

1976 wieder Wolfsjagd

Der letzte Wolf im Tachauer Kreis wurde 1801 bei Paulusbrunn erlegt. Der Vohenstraußer Bezirksarzt Wallner berichtete 1876, dass ein Wolf bei Vohenstrauß 1826 geschossen wurde. Der letzte Wolf zu Vohenstrauß soll 1852, der letzte Wolf in der Oberpfalz 1882 erlegt worden sein. Doch die Märchen haben den Wolf oder Isegrim nicht vergessen lassen. Man erzählt von einem solchen Tier, das eine Großmutter fraß und diese Mahlzeit damit büßen musste, dass sein Bauch aufgeschnitten und mit unverdaulichen Steinen gefüllt wurde. Oder von einem schlauen Wolf, der auf sieben Geißlein erpicht war. Zwei Wölfe sind 1976 aus dem Nationalpark im bayerischen Wald ausgerissen. Es gab wieder eine Wolfsjagd in Bayern. Seit einigen Jahren heißt es wieder verstärkt: Ein geheimnisvoller Räuber ist zurückgekehrt.

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