22.10.2020 - 11:29 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Jugendsozialarbeit an Schulen: "Schwere Phasen gehören zum Leben"

Kinder und Jugendliche werden mit ihren Sorgen oft alleine nicht mehr fertig. Wie kommen sie in der Coronapandemie mit ihrem Leben klar? Oberpfalz-Medien sprach mit Nadine Gehlert, Sozialpädagogin an der Mittelschule Vohenstrauß.

Nadine Gehlert ist seit fünf Jahren an der Pfalzgraf-Friedrich-Mittelschule in Vohenstrauß und kümmert sich als Sozialpädagogin um die Probleme von Schülern, Eltern und auch die der Lehrer.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Stress in der Schule, Ärger mit den Eltern, und die Freunde machen sich auch rar. Die Probleme von Kindern und Jugendlichen können vielschichtig sein. Kommen dann noch die aktuellen Belastungen durch die Coronapandemie dazu, kann sich für sensible Jungen und Mädchen ein unüberschaubarer Berg an Sorgen auftürmen. An der Pfalzgraf-Friedrich-Mittelschule in Vohenstrauß gibt es seit einigen Jahren eine Expertin, die sich der Sorgen und Nöte der Schüler annimmt. Im Rahmen des Projekts "Jugendsozialarbeit an Schulen" (JaS) ist Nadine Gehlert seit fünf Jahren in der Bildungseinrichtung fest beschäftigt.

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien geht die Sozialpädagogin auf ihre Erfahrungen mit den Schülern ein. Ihre Zwischenbilanz nach sieben Monaten Leben und Arbeiten mit dem Coronavirus klingt zunächst überraschend: "Die Problemlagen, die bei mir auftauchen, haben sich tatsächlich nicht stark verändert. Konflikte hatten sich während des Lockdowns natürlich reduziert beziehungsweise auf die sozialen Medien verlagert. Generell berate ich aber immer noch bei persönlichen Sorgen, erzieherischen und familiären Themen und auch schulischen Angelegenheiten." Selbstverständlich müsse sie sich arbeitstechnisch umstellen: Gruppengespräche finden momentan in kleineren Gruppen und klassenbezogen statt.

Positives Denken stärken

Die Probleme seien bei jüngeren und älteren Schülern in etwa die gleichen. "Bei älteren Schülern kommt oft die bekannte Selbstfindungsphase. Da finden Termine statt, um das Selbstbewusstsein und positives Denken zu stärken, Stärken zu erkennen und zu nutzen sowie Ziele für sich selbst und für den weiteren Lebensweg zu entdecken. Bei jüngeren Schülern steht eher das soziale Miteinander, das Verhalten bei Konflikten und persönliche Sorgen und Ängste im Vordergrund. Aber auch hier spielt die Persönlichkeitsentwicklung natürlich eine große Rolle", erklärt die Expertin. Die familiären Themen würden sich altersbedingt eher weniger ändern.

Nicht alle Kinder, die Kummer mit sich herumtragen, finden gleich den Weg zur Sozialpädagogin: "Um es zu vermeiden, dass vor allem zurückhaltende und schüchterne Schüler unter dem Radar verschwinden, ist vor allem eine gute Netzwerkarbeit von Bedeutung. So hilft ein genaues Hinschauen durch Schulleitung und Lehrkräfte ungemein, welche dann wiederum an mich weitervermitteln können, falls ihnen etwas auffällt. Auch die Präsenz in den Klassen ist wichtig, damit die Schüler mich besser kennen lernen und somit mögliche Hemmungen verlieren können. Das wird durch die regelmäßigen Sozialtrainings und Projekte in den Klassen erleichtert." Natürlich würden diese im Moment ein wenig anders und dem Hygienekonzept der Schulen entsprechend stattfinden.

Freiwilliges Angebot

Trotz der schwierigen Umstände, mit der auch die junge Generation zu kämpfen hat, bleibt die Sozialpädagogin optimistisch: "Ich sehe stets positive Entwicklungen, ganz unabhängig von der Pandemie. Schon alleine, die Bereitschaft, gemeinsam nach verschiedenen Möglichkeiten zu suchen, damit sich etwas verbessern kann, und sich auch unangenehmen Situationen zu stellen, finde ich ganz wunderbar. Ein Auf und Ab sowie schwere Phasen, egal in welchem Bereich, sind völlig normal und gehören auch einfach zum Leben dazu. Das Angebot der Jugendsozialarbeit ist dabei immer ein freiwilliges Angebot. Daher freut es mich sehr, dass unsere ganze Schulgemeinschaft so toll zusammenarbeitet. Dafür möchte ich mich auch bei den Eltern und Schülern sowie dem gesamten Lehrerkollegium und der Schulleitung bedanken."

Was rät sie Kindern und Jugendlichen grundsätzlich in dieser bedrückenden Zeit? Gibt es praktische Tipps, wie sie trotz aller Sorgen die Lust am Leben und am Lernen nicht verlieren? "Auch bei dieser Frage würde ich gerne corona-unabhängig antworten. Denn ich halte es immer für wichtig, sich regelmäßig daran zu erinnern, was man an sich und seinem Leben gut findet und mag. Es ist leider menschlich, dass das, was im Moment nicht gut läuft, meistens in den Vordergrund rückt und die Gedanken bestimmt. Sich die Dinge, die gerade so bleiben sollten und auf die man stolz ist, deshalb immer wieder in Erinnerung zu rufen, ist etwas, was dem eigenen Wohlbefinden stets gut tut."

Von Schülern weiterempfohlen

"Wichtig ist, dass die Schüler und Eltern wissen, dass es dieses Beratungsangebot an der Schule gibt. Daher besuche ich in den ersten Wochen die neuen Klassen, und es wird ein Elternbrief ausgeteilt", informiert die Fachkraft. Für Eltern werden auch Gesprächstermine außerhalb der Schulzeit angeboten. Schüler können auch während der Pausen das Gespräch suchen. "In den meisten Fällen findet die Kontaktaufnahme tatsächlich durch die Schüler selbst oder die Eltern statt. Zudem bieten die Lehrkräfte und die Schulleitung Unterstützung durch mich an, wenn Eltern und Schüler das wünschen. Auch Mitschüler, die schon selbst bei mir waren, kommen mit ihren Freunden und Freundinnen, wenn sie sich Sorgen machen. Das ist natürlich die schönste Form der Weiterempfehlung."

Ihre Arbeit hat sich durch das Virus etwas verändert. Kontakte finden vermehrt telefonisch oder per E-Mail statt. "Es ist mir aber auch möglich, Beratungsgespräche zu Hause zu führen. Jedoch wird das im Moment von der Notwendigkeit abhängig gemacht. Eltern können aber auch weiterhin an die Schule kommen, dann eben mit dem nötigen Abstand, was bisher gut und ohne Probleme geklappt hat", meint Nadine Gehlert.

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Hintergrund:

Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS)

Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) stellt an der Pfalzgraf-Friedrich-Mittelschule ein zusätzliches Beratungsangebot bei Herausforderungen, Konflikten und Krisen im Alltag, in der Schule oder der Familie dar. Jugendsozialarbeiter unterliegen einer Schweigepflicht, Besprochenes wird stets vertraulich behandelt.

JaS ist eine Leistung der Jugendhilfe wird vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert. Sie richtet sich an die Schülerschaft sowie an die Eltern, Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte. Das Angebot ist freiwillig.

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