11.02.2020 - 18:20 Uhr
VohenstraußOberpfalz

K.o.-Tropfen auf Faschingsparty: "Habe nicht mehr viel mitgekriegt"

Es ist eine Horrorvorstellung: Während man feiert, kippt einem jemand unbemerkt K.o.-Tropfen ins Glas. So ist es wohl am Wochenende in Vohenstrauß auf einer Faschingsparty passiert. Zwei junge Frauen kämpfen noch immer mit den Folgen.

Die Wirkung von K.o.-Tropfen, meist handelt es sich um die Substanzen GHB oder GHL, macht Konsumenten willenlos. Außerdem ist ihr Nachweis nur innerhalb weniger Stunden durch Urin- und Blutproben möglich.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Wir haben Getränke bestellt, sind rauchen gegangen und dann auf die Toilette“, erzählt eine von zwei jungen Frauen, denen am Samstag in einer Disco in Vohenstrauß laut Polizei sehr wahrscheinlich K.o.-Tropfen ins Glas getan wurden. Die Freundinnen aus dem Landkreis Neustadt/WN wollten dort eigentlich Fasching feiern. Ein Glas Wein hätte sie bis dahin konsumiert, sagt die 18-Jährige. „Auf der Toilette ist es uns allen beiden plötzlich nicht gut gegangen. Uns war schwindelig, schlecht, wir haben nicht mehr stehen können, mussten uns übergeben. Wir sind dann gar nicht mehr von der Toilette weggekommen.“ Ein anderes Mädchen sei auf sie aufmerksam geworden, wofür die Freundinnen heute noch dankbar sind. „Sie hat uns Wasser gebracht und ist bei uns geblieben.“ Sie selbst habe es noch „irgendwie zusammengebracht“, ihre Mutter anzurufen, schildert die 18-Jährige. Diese holte die Freundinnen ab.

Polizeimeldung: Auf Faschingsparty vermutlich K.o.-Tropfen verabreicht

Vohenstrauß

Symptome noch nicht abgeklungen

„Uns ist erst am nächsten Tag richtig bewusst geworden, dass etwas an den Getränken nicht gestimmt haben kann“, erzählt sie. An den restlichen Abend habe sie nur noch bruchstückhafte Erinnerungen. Vieles sei „verschwommen oder ganz weg. Ich habe nicht mehr viel mitgekriegt und bin zu Hause sofort eingeschlafen“. Gleiches beschreibt die Mutter der 17-jährigen Freundin: „Meine Tochter war fix und fertig und ist gleich ins Bett gefallen, ohne sich richtig auszuziehen, Zähne putzen und abschminken.“ Die Eltern hörten am nächsten Tag die Schilderungen der Töchter und entschieden, die Polizei einzuschalten.

Beide Mädchen klagen am Dienstag, drei Tage nach der Party, noch immer über Symptome: „Ich habe noch ganz extrem Kopfweh, und mir ist komisch, schwindelig und schlecht. Ich bin gerade auf dem Weg zum Arzt“, erzählt die 18-Jährige. Ihre Freundin besuchte am Dienstag wegen ähnlicher Symptome den Arzt. Die Volljährige sagt, sie habe zwar schon von K.o.-Tropfen gehört. „Aber man denkt einfach nicht, dass einem das in Vohenstrauß passieren kann.“

„Gut reagiert“

Martin Zehent, Leiter der Polizeiinspektion Vohenstrauß, lobt das Verhalten der Familie. „Die Mädchen haben gut reagiert und gleich, als Orientierungsprobleme, Übelkeit und Erbrechen auftraten, die Eltern informiert.“ Es sei richtig gewesen, die Polizei einzuschalten. Diese ermittle wegen gefährlicher Körperverletzung. Die Analyse der abgegebenen Urinproben würde noch zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Schnell Notrufnummer wählen

Laut Hilfsorganisation „Weißer Ring“, die sich um die Opfer von Kriminalität und deren Angehörige kümmert, sind verlässliche Fallzahlen schwierig zu ermitteln. Florian Beck, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, spricht von 220 Anzeigen in der gesamten Oberpfalz zwischen 2009 und 2018, bei denen ein Bezug zu K.o.-Tropfen vermutet wird. Meist würden diese in Zusammenhang mit einem Raub oder Sexualdelikten gestellt. „Der toxikologische Nachweis wurde aber in den wenigsten Fällen erbracht“, so Beck. Das liege vor allem an der nur kurzen Nachweisbarkeit der Substanzen. Entsprechend äußern sich der Vohenstraußer Inspektionsleiter sowie seine Kollegen Thomas Fritsch, Sprecher der Weidener Polizei, und Georg Fritsch, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Neustadt/WN: Sie können sich an keine oder nur wenige Fälle der vergangenen Jahre erinnern.

Zehent warnt dennoch vor der großen Gefahr, die von den Substanzen ausgeht: „Wenn die Opfer orientierungslos werden, macht es das für einen Täter leicht, sie in die Richtung zu lenken, wo er sie haben will.“ Es sei wichtig, die Augen offen zu halten. „Wer beobachtet, dass jemand an einem Getränk manipuliert, sollte sich gleich über den Notruf 110 bei der Polizei melden.“ Florian Beck spricht den Opfern Mut zu: „Sie brauchen sich nicht zu schämen, zur Polizei zu gehen. Sie werden dort ernst genommen.“

„Hohes Abhängigkeitspotenzial“

„In knapp einem Jahr in Weiden hatte ich noch keinen solchen Fall“, sagt Andreas Pohl, Chefarzt der Notaufnahme am Klinikum Weiden. Zuvor habe er in einer Notaufnahme in Ulm praktiziert und dort in zwölf Jahren vier bis fünf entsprechende Patienten erlebt. Auch er warnt deutlich vor den Mitteln, die auf dem freien Markt nicht erhältlich seien: „Die Substanzen sind aus zweierlei Sicht gefährlich. Erstens wegen der möglichen Langzeitwirkung, denn GHB – auch Liquid Ecstasy genannt – hat ein hohes Suchtpotenzial.“ Auch nur eine Gabe könne abhängig machen.

Zweitens sei die Akutwirkung gefährlich. „In niedriger Dosierung wirken die Mittel euphorisierend. In hoher Dosierung haben sie eine zentral-dämpfende Wirkung, bis hin zu komatösen Zuständen und Atemlähmung, die tödlich enden kann.“ Im Verdachtsfall gehöre das Opfer in die Notaufnahme. Begleiter sollten die Rettungskräfte darauf hinweisen, dass Blut- und Urinproben wichtig sein könnten.

Nachweisbar seien die Substanzen nur vier bis maximal zwölf Stunden nach dem Konsum. „Wenn die Opfer aufwachen, dauert es, bis sie registrieren, was vor sich gegangen ist. Schock und Scham müssen überwunden werden, sie gehen duschen und zur Toilette, wodurch die erste Urinprobe schon weg ist.“

Polizei sucht weiter Zeugen

Bisher haben sich bei der Vohenstraußer Polizei laut Zehent keine Zeugen gemeldet, die am Samstag in der Disco Auffälliges beobachtet haben. Es habe sich aber eine junge Frau bemerkbar gemacht, die am selben Abend auf einer anderen Veranstaltung in Vohenstrauß war, weil ihr ebenfalls übel geworden sei. Für einen toxikologischen Nachweis sei es aber zu spät gewesen.

Zeugen können sich unter Telefon 0 96 51 / 920 10 an die Inspektion Vohenstrauß wenden.

Info:

Wirkung von K.o.-Tropfen und Tipps der Polizei

Sogenannte K.o.-Tropfen sind farb- und geruchlose Medikamente oder Drogen, die ohne Einwilligung in ein Getränk gemischt werden. Die Konsumenten werden orientierungs- und willenlos, wodurch sie leicht Opfer von Diebstahl, Raub oder Vergewaltigung werden. Die Wirkung setzt nach 10 bis 20 Minuten ein und kann über mehrere Stunden anhalten. Symptome: Glücksgefühle, Enthemmung, Entspannung, gefolgt von Übelkeit, Schwindel. Im schlimmsten Fall drohen Bewusstlosigkeit, Koma und tödliche Atemlähmung. Häufig sind Erinnerungslücken.

  • Getränke selbst entgegennehmen und niemals unbeaufsichtigt lassen.
  • Keine offenen Getränke von Unbekannten annehmen.
  • Bei Übelkeit mit motorischen oder psychischen Auffälligkeiten oder einem „Filmriss“ Freunde oder Personal um Hilfe bitten.
  • Die Begleitung sollte sofort ärztliche Hilfe holen (Notrufnummer 112). Es ist wichtig, die Tropfen durch Urin- und Blutproben nachzuweisen. Dies ist nur wenige Stunden nach dem Konsum möglich.
  • Möglichst früh die Polizei verständigen (Notrufnummer 110) und Anzeige erstatten. Es kommen Straftatbestände wie gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung, versuchte oder vollende Vergewaltigung und Verstöße gegen das Betäubungs- oder Arzneimittelgesetz in Betracht. Eine Anzeige kann helfen, weitere mögliche Opfer zu schützen.

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.