21.12.2018 - 19:49 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Krematorium in Vohenstrauß: Diskussion um Für und Wider

Bekommt Vohenstrauß am südlichen Ortseingang ein Krematorium? Diese Frage wird heiß diskutiert, seitdem der Bürgermeister das Thema auf die Tagesordnung der Stadtratssitzung gestellt hat. In der Bevölkerung formiert sich Widerstand.

Bekommt Vohenstrauß ein Krematorium? Zumindest am angedachten Standort, einem Grundstück direkt am südlichen Ortseingang, gibt es vonseiten einiger Vohenstraußer Kritik.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Ein Krematorium in Vohenstrauß: "Es war zu erwarten, dass gewisse Reaktionen kommen", sagt Bürgermeister Andreas Wutzlhofer. Vereinzelt hätte "manche Rückmeldung den Boden der Fairness verlassen. Aber das schiebe ich mal auf die Emotionalität des Themas". Insgesamt seien die Reaktionen weniger dramatisch ausgefallen als erwartet. Wutzlhofer wisse jedoch nicht, wie an Stammtischen über das Krematorium gesprochen werde.

Dafür weiß Otto Pinter, was in seiner Bäckerei am Vohenstraußer Marktplatz gesagt wird: "Wir sind nicht gegen ein Krematorium, aber der Standort passt nicht." Zur Diskussion steht ein Grundstück zwischen den Kreisverkehren am südlichen Ortseingang. Gegenüber befindet sich die Straßenmeisterei, in der Nähe das Wohngebiet Straßenhäuser, Sportzentrum und Schulen sowie direkt nebenan das Hackschnitzelwerk.

Schlechte Lage, gute Lage

Der Bürgermeister empfindet den Standort mit Anbindung an die Umgehungsstraße, den Bezug zur B 22 und die Lage an der A 6 als Vorteil: "Das Grundstück ist anfahrbar, ohne durch Vohenstrauß fahren zu müssen." Die Verkehrsanbindung sowie den nötigen Erdgas-Zugang am Grundstück sehen die potenziellen Betreiber des Krematoriums als Stärke. Die Geschäftsführer stellten das 2,25-Millionen-Euro-Projekt der im Mai 2018 gegründeten "Phoenix Verwaltungs- und Projektentwicklungs- GmbH" auf Bitte des Bürgermeisters in der Stadtratssitzung vor.

Vohenstrauß

Die Unternehmer wollten schon in Cham ein Krematorium realisieren, scheiterten jedoch an der baurechtlichen Genehmigung. Die angedachten Standorte im Landkreis Cham seien "aufgrund einer Lage im Außenbereich nicht genehmigungsfähig" gewesen oder aus geografischen oder infrastrukturellen Gründen ausgeschieden, schreiben sie an die Redaktion. Weil sie in Vohenstrauß bessere Chancen sehen, kontaktierten sie den Bürgermeister. "Meine Antwort war, dass ich persönlich nichts gegen ein Krematorium habe", erinnert sich dieser. Die Entwicklung bei Urnenbestattungen ginge schließlich deutlich nach oben. Vier bis fünf Arbeitsplätze würden im Krematorium entstehen. Eine erste Bewerbungsanfrage aus der Region sei bereits eingegangen, schreiben die "Phoenix"-Geschäftsführer. Sollte das Krematorium kommen, würde die Stadt das derzeitige Privatgrundstück erwerben, sich aber nicht am Betrieb des Krematoriums beteiligen.

"Aus den Wolken gefallen"

Stadtrat Volker Wappmann ist nicht begeistert. Die Stadträte hätten eine Woche vor der Sitzung zum ersten Mal vom Krematorium gehört. "Alle fielen aus den Wolken." Er zweifelt am Bedarf und verweist auf die Anlagen in Selb, Nürnberg und Hohenburg. "Groß- und Mittelstädte vertragen ein Krematorium - wir nicht. Wir sind eine liebens- und lebenswerte Kleinstadt. Dabei soll es bleiben."

Wappmann hat weitere Bedenken. Zum Einen die Optik an der Ortseinfahrt: "Wo früher die Türme von Schloss Friedrichsburg den Gast willkommen hießen, steht in Zukunft der Kamin des Krematoriums." Er befürchtet, wie andere Vohenstraußer, den "Flossenbürg-Effekt": eine Wertminderung der Immobilien und Grundstücke, die in Blickweite zum Krematorium liegen. Und er macht sich, ebenfalls nicht alleine, Sorgen um seine Gesundheit. Er fürchtet ein erhöhtes Krebsrisiko durch den Ausstoß von Schadstoffen wie Dioxin und Quecksilber, auch wenn er "technisch nicht so bewandert" sei.

Bäcker und Konditor Otto Pinter hat im Internet zum Thema Krematorien recherchiert. Es gebe ja ansonsten in Vohenstrauß bisher "so gut wie keine Infos". Er ist ebenfalls wegen der Abgase verunsichert und fürchtet aufgrund seiner Lektüre, dass sie nicht immer ordentlich gefiltert werden. Sportler und Kinder, die auf dem Sportplatz oder an der Schule spielen, "schnaufen das dann ein". "Kopfkino" kriege er auch, wenn er dran denke, dass der Wind die Abgase in seinen Obstgarten wehen könnte. Er sei nicht gegen ein Krematorium, aber gegen den Standort. "Ich verbinde Selb automatisch mit dem Krematorium. Vohenstrauß soll man als Pfalzgrafenstadt, mit Bocklradweg oder Zoigl in Verbindung bringen."

Bürgermeister Wutzlhofer kündigte in einer außerordentlichen Fraktionssprechersitzung nach eigener Aussage an: "Das Bauleitverfahren soll erst dann eingeleitet werden, wenn die Einwände bezüglich Dioxinen, Quecksilber und des Geruchs geklärt sind. Ich werde dazu nach dem Jahreswechsel eine Infoveranstaltung machen mit Referenten und Bürgern, in der das Thema aus neutraler und kompetenter Sicht erörtert wird." Es sei "wichtig, dass die Leute, die Befürchtungen haben, ernst genommen werden".

"Wie bei der WAA"

Darauf hofft auch Hans Karl. Er wohnt bei den Schulen und fürchtet gesundheitliche Schäden. "Andere Gemeinden, zum Beispiel Neustadt, würden sich wohl freuen. Aber wenn man selber betroffen ist, ist das nicht das Schönste. Das ist wie bei der WAA." Einen Standort im Landkreis Neustadt hält er für "nicht tolerabel, auch wegen des Geschichtsbezugs", sagt er mit Verweis auf Flossenbürg. Er hat bereits eine Unterschriftensammlung für ein Bürgerbegehren angekündigt. Derzeit herrsche aber "Weihnachtsfrieden".

Der Bürgermeister versichert: "Wir machen sicherlich nichts, bevor feststeht, ob es ein Bürgerbegehren gibt. Ich stehe dem völlig offen gegenüber", sagt Wutzlhofer. "Ich wünsche mir, dass die Auseinandersetzung fair bleibt und die Argumente sachlich."

Vohenstrauß
Info:

Das sagt die „Phoenix Verwaltungs- und Projektentwicklungs-GmbH“ zu den Bedenken

„Wir verstehen die Sorgen der Bevölkerung und nehmen diese sehr ernst“, schreiben die Geschäftsführer der „Phoenix Verwaltungs- und Projektentwicklungs-GmbH“, Roman Danzer und Michael Dirscherl, an die Redaktion. Vieles stelle sich jedoch als unbegründet dar:

Geruchsbelästigung: Diese gibt es laut Aussage der Geschäftsführer aufgrund gesetzlicher Auflagen und der Qualität der Filter nicht.

Schadstoff-Grenzwerte: Das Bundes-Immissionsschutzgesetz, dem der Betrieb eines Krematoriums unterliegt, regele folgende Grenzwerte (Stunden-Mittelwert): Kohlenmonoxid 50 mg/m³, Staub 20 mg/m³, Dioxin / Furan 0,1 Nanogramm je m³. Für Quecksilber gebe es keine Regelung. Die Aufsicht liege beim Landratsamt. Geplant sei eine Anlage, die im Schnitt mit 10 Prozent der Grenzwerte angesetzt sei. Quecksilber werde „weitestgehend herausgefiltert“.

Vergleichswerte: Laut Anlagenbauer der GmbH stößt ein Krematorium der angedachten Bauart bei 1500 Einäscherungen pro Jahr so viel Kohlenmonoxid aus wie sechs Kfz im Schnitt, 24 Krematorien gleicher Kapazität so viel Staub wie ein Kfz im Schnitt und zwei Krematorien so viel Quecksilber wie die Klärschlammverbrennung einer Stadt wie Weiden.

Endeinlagerung: 0,5 Liter hochtoxischer Restpartikel entstehen dem Schreiben zufolge bei einer Einäscherung. Diese würden in Untertagedeponien in Fässern endeingelagert. Mögliche Standorte seien Heringen (Herfa Neurode), Zielitz und Sondershausen.

Bedarf: Die GmbH sieht im Raum Neustadt/WN bis Cham „eine Versorgungslücke, die immer größer werden wird“.

Überzeugungsarbeit: „Wir wollen einen sinnvollen, nachhaltigen Beitrag vor Ort leisten und sind sicher, dass wir auch den kritischen Teil der Bevölkerung langfristig von unserem Vorhaben überzeugen können werden“, heißt es im Schreiben. Die Geschäftsführer bitten, „sich selbst kritisch zu hinterfragen, ob die Abneigung gegen ein Krematorium am Standort Vohenstrauß wirklich aus der Abneigung an dem Projekt selbst heraus, oder aus der emotionalen Anbindung an das Thema ,Tod‘ und den Umgang damit“ resultiere.

Kommentar:

Es braucht Informationen

Die Diskussion um das Krematorium erinnert ans Thema Windkraft. Viele befürworten erneuerbare Energien, aber ein Windrad in der Nachbarschaft will niemand haben. Immer mehr Menschen lassen sich nach dem Tod einäschern, doch ein Krematorium in unmittelbarer Umgebung ist für viele zu viel des Guten. Bei beidem spielen etwa die Angst vor der Wertminderung von Grundstücken und Immobilien, die Optik und gesundheitliche Befürchtungen eine Rolle. Dass die Anwohner sich diese Sorgen machen, ist derzeit nachvollziehbar.
Dass der Bürgermeister für 2019 zur Bürgerversammlung einladen will, ist daher angebracht – und überfällig. Ohne genaue Infos über den konkreten technischen Umgang mit Schadstoffen sowie über die bau- und emissionsschutzrechtlichen Vorgaben im Zusammenhang mit dem angedachten Standort am Ortseingang, ist es für die Vohenstraußer nur bedingt möglich, sich eine fundierte Meinung zu bilden. Fehlende Infos sind Nährboden für Halbwissen und unsachliche Diskussion. Diese wollen alle Beteiligten lobenswerterweise vermeiden.

Sonja Kaute

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