12.01.2021 - 15:53 Uhr
VorbachOberpfalz

Novem-Standort in Grafendobrach wird geschlossen

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Bei Novem in Grafendobrach gehen bald komplett die Lichter aus. Die Mitarbeiter des Firmenstandorts im Landkreis Kulmbach haben lange um ihre Arbeitsplätze gekämpft. Vergebens.

Das Novem-Werk in Grafendobrach: Dort gehen Ende Januar die Lichter komplett aus.
von Autor FPHProfil

Über Jahre wurde um den Fortbestand des Novem-Werks in Grafendobrach gekämpft. Ende Januar wird der Betrieb jedoch nun vollständig geschlossen. Das Firmengelände soll, wie zu hören ist, schnellstmöglich verkauft werden. Mehrfach stand die Belegschaft von Novem bis dahin vor dem Betriebstor, hat die Gewerkschaft die Menschen auch mit öffentlichen Solidaritätsbekundungen unterstützt. Doch das endgültige Aus kam schließlich ganz leise, ohne jeden großen Protest. Der Automobilzulieferer Novem hat bereits zum Jahresende 2020 seine Betriebstore geschlossen. Nur noch ganz wenige Beschäftigte erledigen, wie zu hören ist, bis Ende Januar noch Restarbeiten. Dann geht in der Niederlassung entgültig das Licht aus. Rund 60 Beschäftigte werden über einen Sozialplan abgefunden und verlieren ihren Arbeitsplatz. Etwa 20 Novem-Leute haben sich entschieden, am Stammwerk von Novem in Vorbach oder im Betrieb in Eschenbach weiterzumachen. Für sie heißt es jetzt, täglich in die Oberpfalz zu pendeln.

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Vorbach

Dass es nicht gut aussieht für das Werk in Grafendobrach, hat sich schon seit Jahren abgezeichnet. Bis zum Herbst 2008 hatte das Novem-Werk Grafendobrach rund 320 Beschäftigte. Dann schlug das Pendel um. Bis zum Sommer 2009 war die Zahl der Mitarbeiter auf knapp 200 gesunken. Der Belegschaft war damals schon klar: Es gibt guten Grund, um den Fortbestand dieses Betriebssitzes zu fürchten. Viele Verhandlungen hat der Betriebsrat mit der IG Metall an seiner Seite mit der Betriebsleitung geführt. Der Fokus: Das Werk soll erhalten werden. Massive Umsatzeinbrüche waren schon 2009 die Begründung für den Stellenabbau gewesen. Die edlen Innenzierteile aus Holz für Autos der Oberklasse waren damals immer weniger gefragt. Die international aufgestellte Novem-Gruppe hatte 2009 erklärt: „Fakt ist, dass das Werk Kulmbach im jetzigen Zustand wirtschaftlich nicht mehr zu halten ist.“ Gerhard Hammon, Werkleiter in Kulmbach, schwärmte, bevor 2008 die Finanzkrise weltweit die Märkte erschütterte: „Wir verkaufen Schönheit. Das macht den Kunden Spaß.“ Der Spaß aber war vorbei, als die Krise kam und auch die Nachfrage nach Luxusautos eine schwere Delle bekam.

"Sterben auf Raten"

Als sich vor elf Jahren die Lage bei Novem in Grafendobrach das erste Mal deutlich zuspitzte, kam das nicht ganz unverhofft. Bereits seit 2004 hatte es einen Sanierungstarifvertrag gegeben. Die Beschäftigten waren über Jahre bereit, Verzicht zu üben, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Eine verträgliche Lösung, das ist für die Beschäftigten und auch für die Gewerkschaft in jedem Fall der Erhalt des Standorts und auch der Versuch, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Und auch der Arbeitgeber hat lange Zeit mitgemacht. Die Belegschaft ist zwar ständig geschrumpft, Kündigungen hatte es aber nicht gegeben. Dafür waren Zeitverträge nicht verlängert worden, die ersten Beschäftigten aus Grafendobrach waren bereit, in die Oberpfalz zu wechseln.

Nach den Protesten vor gut zehn Jahren wurde es, was die Öffentlichkeit angeht, still um Novem. Doch das bedeutete nicht, dass in dem Betrieb Stabilität eingekehrt war. Das „Sterben auf Raten“, wie es Beschäftigte mit Bitternis in der Stimme bezeichnet hatten, ging weitgehend unbemerkt weiter. Rund 140 Menschen haben im Sommer des vergangenen Jahres noch bei Novem gearbeitet. Knapp 90 waren es, als die Entscheidung über die Schließung gefallen war. Es hatte sich schnell abgezeichnet, dass diesmal keine Wendung erreicht werden würde. Wenigstens bei den Verhandlungen für den Sozialplan habe der Betriebsrat und die Gewerkschaft noch einiges erreichen können. „Hart, aber fair“ seien die Verhandlungen verlaufen, hat Volker Seidel von der IG Metall gesagt. Das erste Angebot der Geschäftsführung sei am Ende verdreifacht worden.

Öffentliche Entschuldigung

Doch die Arbeitsplätze sind weg. Still und leise sind sie verschwunden. Das hat den Kreisrat der Linken, Oswald Greim, dazu veranlasst, eine öffentliche Entschuldigung zu verfassen. „Eigentlich bin ich es gewohnt, dass bei Betriebsschließungen Betriebsrat, Gewerkschaft und Belegschaft zusammen mit Kirchenvertretern und Politikern um den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen“, schreibt Greim, der viele Jahre als Betriebsseelsorger tätig gewesen ist. „Als ich im September den Bericht über die beabsichtigte Werksschließung von Novem in Grafendobrach gelesen habe, wollte ich eigentlich mit dem Betriebsrat Verbindung aufnehmen und fragen, ob ich als Kreisrat der Linken was machen kann, um sie in ihrem Einsatz für den Erhalt der Arbeitsplätze zu unterstützen und damit vor allem meine Solidarität ausdrücken. Viel hätte ich wohl auch nicht machen können, als mich in die Reihe der Unterstützer zu stellen. Heute, im Rückblick auf mein Versäumnis, zusammen mit dem Eindruck, dass da anscheinend nichts gelaufen ist von Seiten der politisch Verantwortlichen in Stadt, Landkreis, Land und Bund, bedauere ich dies sehr. Zumindest öffentlich habe ich keinen Einsatz, Einflussnahme oder Solidarität für die Belegschaft wahrgenommen. Der IG Metall Forderung nach mehr Mitbestimmung insbesondere bei solchen Standortentscheidungen ist nur nachdrücklich beizupflichten. Die aktuelle Mitbestimmungsregelung verdient diesen Namen nicht.“

„Eigentlich bin ich es gewohnt, dass bei Betriebsschließungen Betriebsrat, Gewerkschaft und Belegschaft zusammen mit Kirchenvertretern und Politikern um den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen."

Oswald Greim, Kreisrat der Linken

Die harten Worte Greims will Landrat Klaus Peter Söllner so nicht stehen lassen. „Die Behauptung von Kreisrat Oswald Greim, dass von Seiten der politisch Verantwortlichen in Stadt, Landkreis und dem Land ‚nichts gelaufen ‘sei, ist auf das Schärfste zurückzuweisen“, erklärt Landrat Klaus Peter Söllner in einer aktuellen Stellungnahme dazu. Er habe in der Vergangenheit und insbesondere in den vergangenen Wochen und Monaten selbst aktiv seine Hilfe angeboten und auch wahrgenommen. Neben zahlreichen Telefonaten von Landrat Söllner mit der Geschäftsleitung habe es am 6. Oktober 2020 ein großes Abstimmungsgespräch mit Oberbürgermeister Ingo Lehmann, dem Wirtschaftsförderer des Landkreises Klemens Angermann, allen Verantwortlichen vor Ort und den Vertretern des Betriebsrats gegeben. „Beim Telefonat mit dem Vorstandschef Günther Brenner am 22. September bedankte sich dieser ausdrücklich für das Angebot des Landrates und des Oberbürgermeisters, betonte jedoch, dass die Politik in diesem Fall nicht helfen könne, da die Gründe für die Schließung ausschließlich in der extrem schwierigen Situation der Automobilzulieferindustrie lägen. Hierzu ist auch von Belang, dass eine Schließung des Werks in Grafendobrach bereits mehrfach in der Diskussion stand“, teilt Söllner mit.

In den Gesprächen, die insbesondere auf Wunsch des Betriebsrates nicht öffentlich, sondern nur intern stattfanden, sei intensiv über bestehende Optionen für das Werk Grafendobrach und seinen Fortbestand diskutiert worden. Auch mit dem zuständigen Repräsentanten der Gewerkschaft, Volker Seidel, habe der Landrat am 4. und 24. September sowie am 6. Oktober mehrere Telefonate geführt, bei denen die Situation der Mitarbeiter von Novem im Mittelpunkt standen.

Die mit dem Wirtschaftsministerium und der Ansiedlungsgesellschaft des Freistaates Bayern sowie der Regierung von Oberfranken in Gang im gesetzten Initiativen zur Vermarktung des Standortes laufen aktuell in Abstimmung mit der Novem-Beteiligungs GmbH und der Wirtschaftsförderung in Stadt und Landkreis unvermittelt weiter, heißt es. „Kreisrat Oswald Greim hätte sich jederzeit im Landratsamt, in der Stadt, beim Betriebsrat oder bei der Gewerkschaft über den laufenden Stand der Gespräche informieren können und kann dies jederzeit gerne auch jetzt noch tun. Sein Vorgehen, mit dem offensichtlichen Ziel, eine Schlagzeile zu produzieren, entspricht nicht der seriösen Arbeit, die im Kreistag gepflegt wird! Dies gilt umso mehr, als derzeit eine enorme Belastung durch die Bewältigung der Corona-Pandemie gegeben ist“, macht Landrat Söllner in seiner Stellungnahme zu der Betriebsschließung und Oswald Greims Reaktion darauf deutlich.

Hintergrund:

Novem-Standort in Eschenbach

  • Die Novem-Niederlassung in Eschenbach ist nach der Schließung in Grafendobrach die einzige in Bayern neben der Konzernzentrale in Vorbach. In Eschenbach sind derzeit 320 Mitarbeiter beschäftigt. Der Fokus liegt dort auf der Fertigung von Auto-Bauteilen aus Aluminium.
  • Vier Mitarbeiter aus Grafendobrach sind bereits nach Eschenbach gewechselt. Sie werden in ähnlichen Tätigkeitsbereichen der Produktion eingesetzt.
  • Der Standort Eschenbach stehe bei Novem derzeit überhaupt nicht zur Debatte, versichert Horst Ott von der IG Metall Amberg. Die Auftragsbücher seien voll. "Wir befürchten hier nichts." Im Gegensatz zu Grafendobrach gebe es in Eschenbach eine breite Produktpalette und mehrere Abnehmer.

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