03.09.2018 - 10:56 Uhr
WackersdorfOberpfalz

Sehr lebendiger Geist

Die Braunkohle-Ära im Revier Wackersdorf-Steinberg ist lange vorbei. Die Gemeinden und der Knappenverein halten die bergmännischen Traditionen dennoch hoch, etwa mit der Berggeist-Wanderung.

Andreas Pförtsch ließ sich heuer erstmals in die Wanderung einbinden und streifte als Berggeist durch die Gegend.
von Rudolf Hirsch (RHI)Profil

(rhi) Mitglieder des Knappenvereins begrüßten am FReitag die 40 Wanderer mit dem "Steiger-Lied" und schickten sie anschließend auf die Berggeist-Tour um den Knappensee. Die Vereinsvorsitzenden Jürgen Müller und Fritz Falter begleiteten die Gruppe und informierten die Teilnehmer über die Geschichte der Braunkohlenförderung im Revier rund um Wackersdorf und Steinberg am See. Stationen waren das Geotop 99, die Brikett-Presse und das Schaufelrad - das einzig übrig gebliebene Relikt.

"Wo ist er denn der Berggeist?", fragten sich die Wanderer. Reinhard Pförtsch schlüpfte heuer erstmals in diese Rolle, "geisterte" schemenhaft durch den Wald und machte sich durch Pfeifen und Klopfen bemerkbar. Schon in der Vorzeit suchten Menschen nach Steinen und Erzen. Gute und böse Geister sollten viele unerforschte Naturerscheinungen erklären. Empfänglich hierfür waren auch die Bergleute. Der "Berggeist" war überall, er strafte und belohnte. Auch in Wackersdorf. Dort schlüpfte Anton Bauer in diese Rolle. Der Grubenaufseher und Steiger starb im Dezember 1969 im Alter von 88 Jahren.

Bis zum Mond

Von ihm erzählten am Freitag Jürgen Müller und Fritz Falter bei der Berggeistwanderung um den Knappensee. Über 30 Jahre nach dem Ende der Braunkohlenindustrie lassen die Gemeinden die Bergbaugeschichte wieder aufleben. Im dortigen Revier förderten bis zu 1700 Beschäftigte insgesamt 180 Millionen Tonnen Braunkohle zutage. "Würde man die Briketts aneinander reihen, ergäbe sich eine Strecke von der Erde bis zum Mond", machte Jürgen Müller die Fördermenge anschaulich.

Am 5. Februar 1906 schlug die Geburtsstunde der "Bayerischen Braunkohlen Industrie" (BBI). 100 Jahre waren da schon vergangen, seit der Schneidermeister Andreas Schuster beim Graben eines Brunnens "schwarze Erde" gefunden hatte. Während des Zweiten Weltkrieges entstand der Plan, Alt-Wackersdorf umzusiedeln. Das Kraftwerk Dachelhofen brauchte mehr Kohle. Ab Oktober 1948 wurde damit begonnen, die Ortschaft mit 1200 Einwohnern umzusiedeln. Die BBI ließ sich die Maßnahme umgerechnet fünf Millionen Euro kosten. Weitere 1,5 Millionen Euro steuerte die Gemeinde bei.

Wenn heute vom Berggeist die Rede sei, dann wisse jeder, "dass damit der erste BBI-Steiger Anton Bauer gemeint war", erklärt Fritz Falter den Teilnehmern. Ein Schauspieler der "Stadtmaus Regensburg" spielt den Berggeist "Toni", der hinter den Wanderern Bergleute vermutet, "die sich wieder einmal vor der Arbeit drücken wollen". Toni erinnerte im szenischen Spiel an die Weltwirtschaftskrise, ging durch die Reihen und machte den Umstehenden klar: "Die fetten Jahre sind vorbei".

Die Rekultivierung

In der zweiten Szene taucht dann der "Gustl", ein junges Mädchen aus dem Kraftwerksort Dachelhofen, auf, das sich als Bergmann verkleidet hat, um "ihrem geliebten Toni" nahe zu sein. Doch der "Berggeist" vertreibt den "Gustl", weil er die Leute nur von der Arbeit abhält. Die Wanderer erfuhren etwas von der neuen Technik beim Kohleabbau, von den riesigen Schaufelbaggern und von den Unfällen, die sie ausgelöst haben. "Immer wenn sich etwas veränderte, haben die Bergleute gefeiert", entnimmt Fritz Falter den Auszeichnungen. Als die Loren verschwanden, stand auf einem der Transportcontainer: "Jetzt tret' ich in den Ruhestand, meinen Dienst macht jetzt das Förderband".

100 Millionen Euro verschlangen die Rekultivierungsmaßnahmen, erklärte Jürgen Müller. Die Investitionen hätten sich gelohnt. Das Oberpfälzer Seenland hat sich zu einem attraktiven Freizeit- und Erholungsgebiet entwickelt. Fritz Falter besucht mit seiner Frau am liebsten den "Feldherrnhügel" am Knappensee und genießt den Sonnenuntergang. Ein Happy-End findet auch die Liebesgeschichte zwischen dem "Toni" und dem "Gustl" am Ende der fünften Szene. Ausgangs- und Endpunkt der dreistündigen Wanderung war das Museum auf dem ehemaligen BBI-Gelände. Nach der Rückkehr stärkten sich die Teilnehmer in der Johanniter-Unterkunft mit einer Gulaschsuppe.

„Toni“ und die „Gustl“ aus Dachelhofen (Mitte) finden am Ende zueinander.

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