20.05.2020 - 10:25 Uhr
WaidhausOberpfalz

Keine schöpferische Pause: Waidhauser kreiert zahlreiche Intarsien

Während Elfriede Helgert aus Waidhaus seit Wochen fleißig Schutzmasken näht, leistet ihr ihr Ehemann Willi dabei Gesellschaft. Auch er ist kreativ: Auf dem massiven Tisch im Esszimmer geht er seinem außergewöhnlichen Kunsthandwerk nach.

Willi Helgert ist ein Holzfan durch und durch. Aus hauchdünnen Furnieren fertigt er in mühsamer Kleinstarbeit außergewöhnliche Kunstwerke.
von Josef ForsterProfil

Das Waidhauser Ehepaar Helgert lässt keine schlechte Stimmung aufkommen und nutzt die Coronakrise, um der Kreativität freien Lauf zu lassen. Auf den ersten Blick lässt der Familienname gar nicht vermuten, dass die Helgerts zu den Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg zählen. Unweit von Pfraumberg stand Willi Helgerts Wiege. Kaum ein Jahr alt, folgte die Vertreibung der ganzen Familie. In Waidhaus konnte bald eine Bleibe gefunden werden - was letztlich auf Lebenszeit sein sollte. Mit 14 Jahren begann der Jugendliche eine Schreinerlehre bei der Waidhauser Schreinerei Janisch. Eine Verbindung, die 44 Jahre halten sollte.

Zur wachsenden Leidenschaft im Umgang mit dem Rohstoff Holz gesellte sich schon 1960 ein äußerst seltenes Hobby. In der Berufsschule machte der junge Schreinerlehrling Bekanntschaft mit der Intarsienlegerei. Mittlerweile gibt es kaum eine Baumart, die der versierte Fachmann allein aufgrund von Struktur, Farbe und Maserung seitdem nicht bestimmen kann. Eine Fähigkeit, bei der ihm nur wenige Experten das Wasser reichen können.

Die ruhigen Hände des 75-Jährigen nutzt Ehefrau Elfriede, wenn besondere Motive auf ihren Torten gefragt sind, denn dabei ist der Vater von zwei Töchtern einfach unschlagbar. Dazu bringt er eine sprichwörtliche Engelsgeduld mit, die für die Herstellung der ausgefallenen Bilderkreationen unabdingbar ist: „Da sitzt du und du siehst nicht, dass da irgendetwas vorwärts gehen würde.“

Sechs bis sieben Stunden kamen in den letzten Wochen täglich für Helgerts Kunst zusammen. Eine Zeit, die erst die aktuelle Situation mit sich brachte. Denn zuvor stellte sich das Ehepaar gemeinsam in den Dienst der guten Sache. Mit einem Fahrzeug des Roten Kreuzes leisteten sie über zehn Jahre lang allwöchentlich ehrenamtlich viele Transporte als betreuter Fahrdienst für Kranke und Senioren. Damit war durch die Verhängung der Ausgangsbeschränkung jäh Schluss.

Gutes Werkzeug wichtig

Mindestens sieben großformatige Werke sind mittlerweile entstanden. Ein Ende ist nicht in Sicht. Mit ein paar Stunden pro Bild ist es dabei nicht getan. "Da stecken Tage drin." Sogar der Rahmen ist nur Schein und Teil der Intarsienarbeit. Halt gibt dem einem Puzzle gleichenden Objekt stets eine 16 Millimeter starke Sperrholzplatte.

Unterschiedlichste Motive entstanden während der vergangenen 60 Jahre. Darunter viele christliche Motive, etwa die Auferstehung Christi oder der Gang des Apostels Petrus auf dem Wasser. Neben den künstlerischen Fähigkeiten braucht es auch allerhand gutes Werkzeug. Verschiedene Messer beispielsweise, darunter ganz feine. Teils bastelte sich der zweifache Opa diese selbst. Etwa aus einem Skalpell, welches nun eher einem Füllfederhalter gleicht. Ein weiteres, auf den ersten Blick nicht erwartetes Handwerkszeug, ist ein Spitzer: „Damit der Bleistift zum laufenden Vor- und Nachzeichnen immer optimal spitz ist.“ Erst dann kommen die Messer zum Einsatz, Millimeter für Millimeter.

Über dem Esszimmertisch zeugt übrigens noch eine weitere Arbeit vom reichhaltigen Schaffen Helgerts. Ein ganzes Jahr lang arbeitete er an der rund sechs Quadratmeter großen Decke darüber. Jede Tafel zeigt ein ganz feines Blumenstraußmotiv in Intarsien-Machart. Seit vielen Jahren freute sich der Handwerker immer auf die ganzseitigen Fotomotive in unserer Heimatzeitung zu den kirchlichen Festzeiten. Die Weihnachts-, Oster- und Pfingstmotive dienten dann stets als Grundlage einer eigenen Intarsie. Dass diese Tradition ausgerechnet heuer an Ostern brach, habe ihn schon ein Stück weit enttäuscht: „Ich hätte doch Zeit gehabt und hatte schon darauf hingefiebert, welches Motiv es sein würde.“

Besondere Schützenscheibe

Über den Wechsel verschiedenster Holzarten als Basis für die Gestaltung nutzt der Kunstschaffende einzig noch wenige Hilfsmittel. Etwa ein Feuerzeug für Schatteneffekte oder Beize zum Einfärben bei Kochvorgängen der fast hauchdünnen Holzfurniere.

Äußerst selten veräußert Helgert so ein selbst geschaffenes Kunstwerk. Die enthaltene Arbeitszeit ließe sich eh nicht in einen angemessenen Lohn umsetzen. Einzig die Waidhauser Schützenvereine profitieren von Helgerts Hobby und können sich ab und an über eine Schützenscheibe in exklusiver Intarsienarbeit freuen.

Einen Vorrat aus rund 50 verschiedenen Hölzern hat er stets parat. Dabei reicht die Bandbreite von weich bis voll hart. Sogar schwarzes und weißes Ebenholz findet sich darunter. Sein künstlerisches Geschick hat er an eine Tochter weitervererbt. Die ausgefallene Kunst wird also vermutlich in der Familie fortgesetzt werden.

Info:

Hintergrund

Insbesondere in der Biedermeierzeit standen Intarsienmöbel hoch im Kurs. Durch die Verwendung verschiedener Holzarten in Furnierstärke lassen sich Bildmotive und Muster in Einlegearbeit fertigen. Teilweise finden dabei auch andere Materialien als Holz Verwendung, etwa Perlmutt, Schild, Metalle oder Glas. In Möbeln wurden Intarsien in eigens herausgearbeiteten Vertiefungen eingelegt. Die Technik besteht aus dem exakten Zuschnitt der Furniere, die gleich einem Puzzle nahtlos aneinander gefügt werden.

Im Detail zeigt sich die Kunst des besonderen Schaffens einer Fertigkeit, die in früheren Jahrhunderten sogar ein offizieller Handwerksberuf war.
Die alljährliche Weihnachtsscheibe des Waidhauser Schützenvereins ist noch immer eine heiß begehrte Trophäe bei Helgerts Schießfreunden.
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