17.01.2020 - 09:47 Uhr
Waldau bei VohenstraußOberpfalz

„Indien muss man einfach erleben“

Tim Röbl fasst sich ein Herz und fliegt nach dem Abitur nach Südindien, um Land und Leute kennenzulernen. Er kehrt verändert zurück. Vergessen wird er diese Menschen nie mehr, die ihm trotz ihrer Armut viel Liebe entgegenbrachten.

Am sogenannten Children’s Day war Tim Röbl in einer der Kindergartenklassen an der Schule, an der er Englisch unterrichtete.
von Elisabeth DobmayerProfil

Indien – ein Land voller Geheimnisse und Gegensätze. Schon Thomas von Aquin sagte: „Das, was wir aus Liebe tun, tun wir im höchsten Maße freiwillig.“ Wer Indien mit seiner unendlichen Vielfalt, seinen intensiven Reizen und seinen immensen Gegensätzen entdecken und wirklich kennenlernen will, soll mit ganzem Leib und Seele und mit allen Sinnen dabei sein. Einer der weiß, wovon er spricht ist der 19-jährige Waldauer Tim Röbl, der nach seinem Abitur einen mehrmonatigen freiwilligen Dienst in Nagercoil im Bundesstaat Tamil Nadu in Südindien ableistete. Der Subkontinent fasziniert und schockiert, belebt und betäubt, zieht an und schreckt ab.

Vom 2. September bis 16. Dezember war der Abiturient fern seiner Heimat bei Menschen, die oft ohne Perspektive sind. „Das ist ein komplett anderes, eben einfaches Leben“, erzählt der junge Mann noch immer schwer beeindruckt von den Erlebnissen. Auf die Idee kam er durch den früheren Pfarrer von Neukirchen zu St. Christoph, Antony Soosai, der mit anderen Mitstreitern für sein Land den Verein „Hoffnung für Menschen“ gründete und auch den Kontakt zu den Menschen in der Region nach seiner Versetzung in die niederbayerische Pfarrei Otzing bei Deggendorf nicht verlor. Von ihm, aber auch von Horst Heider, ebenfalls Initiator des Vereins, und der stellvertretenden Vorsitzenden Angelika Taube bekam Röbl vorab hilfreiche Ratschläge und Informationen.

„Ich wollte mich einfach persönlich von der Situation in Südindien überzeugen, dass die Spenden dort ankommen, wo sie gebraucht werden.“ Jedes Vereinsmitglied arbeite auf ehrenamtlicher Basis und die Reisekosten werden von jedem Teilnehmer selbst getragen. Eineinhalb Monate war Röbl in einer speziellen Schule für geistig und entwicklungsverszögerte Kinder und junge Erwachsene. Er unterstützte die Physiotherapeutin bei den Übungen mit den Schülerinnen und Schülern. Außerdem brachte er ihnen spielerisch englische Wörter bei oder auch deren Schreibweise. Weitere eineinhalb Monate war er in einem Upper and Lower Kindergarten, einer Art Vorschule für den Englischunterricht. Zudem sammelte Röbl noch praktische Erfahrungen an den Maschinen in einer lokalen Druckerei sowie beim Fertigstellen von Büchern in Handarbeit. Mehrmals besuchte er die drei Kinderdörfer des Vereins und das Heim mit geistig Behinderten. Partner des Vereins brachten ihn zu Familien vor Ort.

So erlebte er indische Beerdigungen, feierte Gottesdienste mit oder beteiligte sich an Veranstaltungen zum Kennenlernen der südindischen Kultur und der Menschen. An freien Wochenenden besuchte er daneben den südlichsten Punkt Indiens, das Kap Komorin. Dort treffen zwei Ausläufer des Indischen Ozeans, das Arabische Meer und der Golf von Bengalen zusammen. Auf eigene Faust machte sich der junge Mann mit der Autorikscha, dem „Tuk Tuk“ oder per Motorrad auf Entdeckungsreise in der näheren Umgebung.

Unvergessen bleibt dem Waldauer die sechsstündige Zugfahrt zur Hochzeit der Schwester des indischen Pfarrvikars Bivin Plapparambil, der in Eslarn weilt und der ihn kurz vor seinem Reiseantritt zu dieser Familienfeier einlud. „Ich hatte die Möglichkeit alle Seiten Indiens kennenzulernen – die überwiegend wunderschönen, bunten, aber auch die negativen und teils schockierenden.“ Mit Worten könne er seine Reise gar nicht beschreiben. „Indien muss man einfach erleben.“

Doch eines wurde ihm schnell klar: Trotz der wirklich sehr einfachen Lebensverhältnisse sind die Menschen zufrieden und wollen selbst das Wenige das ihnen zur Verfügung steht, auch noch teilen. „Es herrscht dort eine wunderbare Gastfreundschaft und viele Leute luden mich spontan zum Essen zu sich nach Hause ein oder wollten immer nur Bilder mit mir schießen und aus Begeisterung über meine helle Haut, mich einfach berühren“, schwärmt Röbl. Alle Kinder sind dort sehr diszipliniert und schätzen es im höchsten Maße, die Chance zu bekommen, eine Schule besuchen zu dürfen. „Bildung ist der einzige Weg aus der Armut zu kommen.“ Dazu gebe es berührende Erfolgsgeschichten über Kinder aus den Kinderdörfern des Vereins. „Die Projekte des Vereins ‚Hoffnung für Menschen‘ bewirken wirklich sehr viel und die verfolgten Prinzipien, Hilfe zur Selbsthilfe und Zukunft durch Bildung funktionieren perfekt.“

Andererseits hätten ihn die starke Umweltverschmutzung geschockt, die schlechte Infrastruktur und die vorherrschende Korruption. Insbesondere bei seinen Reisen während seiner Freizeit in die Großstädte Mumbai und Neu Delhi fielen ihm die extremen Gegensätze zwischen Arm und Reich noch viel stärker auf. „Auf den Straßen fahren zum Beispiel sehr teure Luxusfahrzeuge und auf den Gehsteigen gleich nebenan oder in den Parks liegen Obdachlose, die dort ohne Behausung leben. Behinderte kriechen dort zwischen den Fahrzeugen herum und betteln.“ Solche Bilder kann er einfach nicht aus seinem Gedächtnis streichen. „Die sind allgegenwärtig.“ Als schockierend beschreibt er auch die politische Situation mit der hindunationalistischen Regierungspartei BJP, die Schritt für Schritt gegen religiöse Minderheiten vorgeht. Die Christen in Nagercoil zeichnen ein dunkles Bild von der Zukunft, die nicht leicht sein wird.

Als Fazit meinte Röbl: „Durch das einfache Leben dort, wurde mir richtig bewusst, dass wir Deutsche uns keinesfalls über irgendetwas beschweren sollten und wir alle über einen wirklich traumhaften Lebensstandard verfügen. Wir haben sauberes und warmes Wasser aus den Leitungen, Versicherungen und gesetzliche Regelungen die unser Leben absichern.“ Er schätze sein Leben in Deutschland jetzt noch viel mehr als früher. Vor allem Jugendliche sollten sich darüber viel mehr bewusst werden. „Wir geben in einer Disco-Nacht mal schnell 50 Euro aus, als ob alles nichts wert wäre.“ Doch eines sei ihm auch durch diesen Besuch klar geworden: „Wir müssen diesen Menschen, die in einer ganz anderen Welt leben, helfen und mit ihnen ein Haus der Hoffnung bauen.“ Deswegen will er sich zukünftig noch stärker für den Verein „Hoffnung für Menschen“ engagieren und Spenden sammeln. Wer eine Spende für diesen Zweck einzahlen möchte, kann dies auf dem Spendenkonto des Vereins bei der Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz unter der IBAN DE75 7539 0000 0001 0201 02 und BIC GENODEF1WEV tun.

Nach Abschluss des freiwilligen Dienstes kamen seine Eltern Susanne und Manfred Röbl sowie Bruder Fabian Anfang Dezember zu Besuch, denen er ebenfalls die Projekte des Vereins zeigte. „Der Besuch in den Kinderdörfern war am emotionalsten und beeindruckendsten für uns alle.“ Kurz vor Weihnachten kehrte die Familie wieder in die Heimat zurück, jedoch mit den Gedanken die immer wieder zu seinen Freunden nach Indien zurückkehren.

Wir müssen diesen Menschen, die in einer ganz anderen Welt leben, helfen und mit ihnen ein Haus der Hoffnung bauen.

Tim Röbl aus Waldau

Mitten unter den Kindergartenkindern verbrachte der Waldauer viel Zeit und war natürlich auch beim Mittagessen in dieser fröhlichen Runde zugegen.
Das Bild entstand während Tim Röbls Reise nach Neu-Delhi. "Die vorbeigehenden Menschen schauen kurz zu den Obdachlosen und sofort wieder weg", erzählte der Abiturient.
Spielen mit Kindern des Kinderdorfs Manakudy. Das Strahlen in den Gesichtern der Kinder verzauberte Tim Röbl. "Trotz Armut sind alle fröhlich und zuversichtlich."
Auch indische Kinder springen gerne in Regenpfützen, wie hier auf einem Dach der Häuser im Kinderdorf Manakudy.

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