24.07.2020 - 11:24 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Akribische Spurensuche in den Archiv-Unterlagen

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

"Es ist fast wie im Krimi", beschreibt Josef Reindl aus Waldsassen seine Arbeit. "Man muss jeder Spur nachgehen. Zwei bleiben am Schluss übrig." Und manchmal kommen bei der Heimat- und Familienforschung auch Kuriositäten ans Licht.

Nicht leicht macht es sich Josef Reindl bei seiner Arbeit in den Archiven. Hier hat der ehemalige Leiter der Mittelschule Mitterteich ein Bild, das bei einem Konzert des Männergesangvereins Waldsassen und des Waldsassener Kammermusikkreises entstanden ist. Den jeweiligen Gesichtern sind die Namen zugeordnet.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Josef Reindl hatte bei der Vorbereitung des Buches "Himmlische Klänge" neben Georg Schrott und Andreas Sagstetter als Autor mitgewirkt. Dabei bearbeitete der pensionierte Mittelschul-Rektor den Zeitraum vom späten 19. Jahrhundert bis zu den 1950er Jahren.

Bei der Recherche für den Band, der im Herbst erscheinen soll, entstanden mehrere "Nebenprodukte", wie Reindl sagt. Die betreffen mitunter auch den Männergesangverein (MGV) 1865 Waldsassen.

Der Gemeinschaft gehört Reindl seit 1975 an; ihn ernannte MGV-Vorsitzender Klaus Rösch 2017 anlässlich seines 70. Geburtstags zum Ehrenvorsitzenden. Damit wurden die Verdienste als Vorsitzender von 1990 bis 2002 gewürdigt.

Aufwendige Dokumentation

"Damals kam die Idee, die Ehrenvorsitzenden und Ehrenchorleiter in einem Buch zu dokumentieren", erinnert sich Reindl an einen Band, den er selbst erarbeitet hat. Der Inhalt fügt sich gut zu weiteren interessanten Details, die sich bei der Forschungsarbeit in den vergangenen Monaten herausfinden ließen.

Fakt ist, dass der jeweilige Chorleiter des MGV auch Kirchenmusiker an der Stiftskirche gewesen ist. "Das geht zurück bis zur Gründung", erzählt Reindl und nennt beispielhaft Johann Baptist Reiß (1822 - 1891). Außerdem singen, in der Tradition bis zur Gegenwart, viele der Männer im Basilikachor auch beim MGV mit.

Für die Nachwelt

"Wenn wir das jetzt nicht machen ...", sinniert Reindl über seine Arbeit. Er weiß, dass viele Außenstehende deren Bedeutung und den damit verbundenen Aufwand kaum zu beurteilen wissen. Doch der Hobby-Historiker ist davon überzeugt, dass die Erkenntnisse vor allem der Nachwelt einmal zugute kommen werden. Dazu nennt der ehemalige Pädagoge ein Beispiel, zeigt eine großformatige Kopie eines Fotos, aufgenommen nach 1960 etwa: "Ich habe noch nicht alle Namen."

Auf der freien Fläche der Ränder zeichnete er die Namen mit Linien zu den jeweiligen Gesichtern ein. Manche Kästchen sind aber auch noch frei. Um diese mit dem korrekten Inhalt ausfüllen zu können, muss der Heimat- und Familienforscher auch Leute befragen – ältere Waldsassener, die die Personen auf den Fotos noch kennen könnten. Doch nicht immer sind die Recherchen erfolgreich.

Dirigentin, Pianistin, Konzertsängerin

Angelangt an einem Punkt, wo es nicht mehr weitergeht, ist Josef Reindl auch bei der Forschungsarbeit für das Buch "Himmlische Klänge". Dabei hatten die Autoren eine Besonderheit entdeckt – die Geschichte von Volksschullehrerin Wally Simeth. Sie arbeitete an der Klosterschule als Musiklehrerin und muss eine begnadete Dirigentin, Pianistin und Konzertsängerin gewesen sein. Außerdem hatte sie diverse Konzerte in Waldsassen organisiert. Auf diese vielseitige Tätigkeit hat Reindl immer wieder Hinweise in der Grenzzeitung gefunden.

Heute taugst du nichts. Du bist Arbeitspferd, Kutschenpferde haben wir andere.

Aus einem Brief von Joseph Mühlbauer, dessen Nichte Wally Simeth hauptamtliche Organistin im Kirchendienst werden wollte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Wally Simeth die einzige Organistin in der Pfarrkirche – aushilfsweise. Gerne hätte sie diesen Posten hauptamtlich ausgefüllt, als der bisherige Kirchenmusiker namens Herscheidt kündigt. Doch als Frau blieb ihr die Anstellung im Kirchendienst verwehrt.

Verletzend und kränkend

In einem Schreiben ihres Onkels, dem Hauptlehrer Joseph Mühlbauer, an den damaligen Stadtpfarrer wird dies deutlich. In dem auf den 2. Mai 1925 datierten Brief heißt es, es sei für Wally verletzend und kränkend, "... wenn sie in der Woche gut genug ist für einen Dienst und am Sonntag heißt es: Heute taugst du nichts. Du bist Arbeitspferd, Kutschenpferde haben wir andere."

Selbst nach einem weiteren Schreiben, am 15. Dezember 1936 an den damaligen Stadtpfarrer Josef Wiesneth verfasst, gelang der Musiklehrerin nicht, die Stelle zu erhalten.

Das neue Buch "Himmlische Klänge" arbeitet die Kirchenmusik-Geschichte in Waldsassen auf:

Waldsassen
Info:

Wer weiß weitere Details über Wally Simeth?

Der Lebensweg von Wally Simeth lässt sich zwischen 1918 und 1939 annähernd lückenlos nachzeichnen, doch dann verliert sich die Spur. "Es ist schwierig", sagt Josef Reindl über seine Bemühungen, die bisher zu keinem Erfolg geführt haben. Wally Simeth ist am 14. Mai 1894 in Eger geboren und kam 1918 – nach dem Studium in Würzburg – mit ihrer Mutter nach Waldsassen. Fotos gibt es nicht von der Volksschullehrerin, auch der genaue Termin des Wegzugs aus Waldsassen liegt im Dunkeln. Zuletzt ist 1939 ein Konzert der Städtischen Musikschule in Waldsassen dokumentiert. Es lässt sich nachweisen, dass Wally Simeth 1942 in Viechtach geheiratet hat. "Aber was ist in der Zwischenzeit passiert?" Reindl hofft nun auf diesem Wege nähere Informationen zu erhalten über die Frau. "Ein Versuch ist es wert", sagt Reindl. Er sucht Leute, die Wally Simeth gekannt haben. "Es könnte auch Nachkommen geben, die das wissen", sagt Josef Reindl. Er ist dankbar für Hinweise, die weitere Schritte in der Forschung ermöglichen könnten, unter Telefon 09632/91395.

Info:

Nach fünf Jahren Ordnung im Schularchiv

"Monika Beer-Helm hat mich angesteckt", sagt Josef Reindl über seine Leidenschaft, in alten Archiven zu stöbern und vor allem etwas herauszufinden. Die Lehrerin an der Mittelschule Mitterteich, die sich in der Heimat- und Familienforschung engagiert, bat den langjährigen Rektor nach dessen Pensionierung 2010 um Mithilfe: Fünf Jahre lang dauerte es, bis das Schularchiv in Mitterteich geordnet und auf Vordermann gebracht war, wie Reindl sagte. "Für jede Schulart haben wir ein Buch herausgegeben." Alle Schüler seien darin erfasst worden, nach aufwendiger Recherche und Forschungsarbeit.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.