08.05.2020 - 16:16 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Amerikaner im Hotel Lamm und in der "Schemm-Schule"

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Der Wälzer mit Ledereinband und Goldprägung auf dem Titel würde auch gut in die Regale im Bibliothekssaal passen: Schilderungen über das Kriegsende vor 75 Jahren in Waldsassen hat Klaus Rösch in einem Tagebuch der Firma Glück gefunden.

Klaus Rösch mit dem Tagebuch der Firma Glück im Archiv der Stadt Waldsassen.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Der Waldsassener ist sehr an der Geschichte seiner Heimatstadt interessiert. Vor einiger Zeit hatte der 68-Jährige, der auch zu den Helfern im Stiftlandmuseum gehört, die in alter deutscher Handschrift beschriebenen Seiten übersetzt und in einer Datei dokumentiert.

"Man kann niemand mehr fragen", bedauert Rösch, dass Hintergründe zur Herkunft unklar bleiben. Wer dazu etwas wüsste, ist verstorben. Adolf Gläßel, der frühere Leiter des Stiftlandmuseums, hatte den Band von einem ehemaligen Mitarbeiter der Firma Glück erhalten, zur Aufbewahrung im Archiv. Und das Vorhaben, Einzelheiten dazu mit Robert Treml zu recherchieren, ließ sich zu dessen Lebzeiten nicht mehr verwirklichen.

Der Inhalt des Tagebuchs ermöglicht ein Bild von den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Waldsassen. Auch firmeninterne Dinge sind dokumentiert, etwa Probleme bei der Materialbeschaffung. Der Eintrag über den ersten "Tieffliegerangriff dieses Krieges" auf Waldsassen trägt das Datum 17. April 1945: Dabei war "der Vater unseres Gefolgschaftsmitgliedes Anni Rahn bei der Feldarbeit tödlich verunglückt": In einem früheren Beitrag für Oberpfalz-Medien hatte Heimatpfleger Robert Treml das Todesopfer erwähnt: Der damals 55-jährige Klinkerarbeiter Josef Rahn wurde "um 9.15 Uhr bei Feldarbeiten an der Konnersreuther Straße von Tieffliegern erschossen".

Viele Tieffliegerangriffe

Im Tagebuch sind weitere Tieffliegerangriffe vermerkt, etwa am 20. April. "Das Industrie- und Bahnhofsgelände wird mit Fliegerbomben belegt. Deutsche Truppenteile, von Thüringen und aus dem Sudetengau durchziehen Tag und Nacht unsere Heimatstadt in Richtung Weiden und Bayerischer Wald."

Dokumentiert ist auch der Vorstoß der amerikanischen Armee, "über Arzberg kommend in Richtung Konnersreuth". Und weiter: "Ein Großteil dieser Ortschaft steht in Flammen. Infolge ständigen Luftalarms ist seit Tagen jegliche geschäftliche Betätigung verunmöglicht."

Einen Tag später sind die Angriffe noch verstärkt worden, wie der Eintrag am 21. April erahnen lässt. "Gegen 1 Uhr hin liegt das Industrie- und Bahnhofsviertel unter Artilleriebeschuss, der unter anderem auch einen Brand in der Porzellanfabrik Bareuther verursacht. Ab 2 Uhr liegt das gesamte Stadtgebiet unter dem Beschuss von Panzergranaten und Artillerie." Diese haben "sehr erhebliche Gebäudeschäden und Brände" verursacht.

Volltreffer in den Dachstuhl

Klaus Rösch erzählt, dass damals auch sein Geburtshaus in der Mühlbachgasse beschädigt wurde: "Die ehemalige Bäckerei Bernreuther bekam einen Volltreffer im Dachgestühl." Zwei Stockwerke oberhalb der Mehlkammer seien damals zerstört worden.

Weitere Details der Beschädigungen von Gebäuden in Waldsassen finden sich im Glück-Tagebuch: "In der Gartenanlage der Johannesstatue, in knappester Entfernung von unserem Hause, sind 3 Sprenggranaten niedergegangen, die kleinere Dach- und Mauerschäden durch Splittereinwirkung verursachten, wie auch sämtliche Fensterscheiben in Bruch gegangen sind."

Deutsche Truppen in den Wäldern

Um 15.30 Uhr wird der Vorstoß amerikanischer Panzer an der Straßenkreuzung Johannisplatz/Egerer Straße vermerkt. "Unsere Heimatstadt ist von amerikanischen Soldaten besetzt." Der Eintrag am 22. April dokumentiert, dass in den Wäldern um Waldsassen noch deutsche Truppen verharrten: "Amerikanische Artillerie nimmt die umliegende Waldgegend von Waldsassen unter Beschuss."

Offenbar gibt es heftigen Widerstand, wie der Eintrag am 24. April schildert: "Deutsche Artillerie und Werfer-Abteilungen beschießen die Stadtgegend in der Pfaffenreuther Straße; eine Sprenggranate geht in unserem Gartengrundstück in der Pfaffenreuther Straße nieder." Außerdem wird von "schweren Bränden durch deutschen Artilleriebeschuss" in Hundsbach und in Münchenreuth berichtet.

Kein Wasser, kein Strom

Nach dem 8. Mai deuten die Einträge auf erste Aufräumarbeiten hin. Die zerstörten Wasser- und Stromleitungen wurden wieder repariert. "Teile der Stadt Waldsassen konnten mit Licht und Strom, wenn auch nur auf wenige Stunden im Tage, versorgt werden."

Unter dem 14. Mai 1945 eingetragen ist die Ankunft der amerikanischen Besatzung mit 600 Mann: Die Offiziere waren im Hotel Lamm untergebracht, die Mannschaften seien in der "Hans-Schemm-Schule" kaserniert worden, die als Lazarett diente, "sowie in den dieser Schule gegenüber liegenden Häuser am Lämmeracker". Diese Häuser hätten sofort geräumt werden müssen, 28 Familien hätten ihre Wohnungen verloren.

Das Tagebuch der Firma Glück enthält auch Bilder, wie etwa eine Aufnahme der Glück-Firmengebäude und des Wohnhauses an der Egerer Straße.
75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es immer weniger Zeitzeugen des Geschehens damals. Bilder dokumentieren die Situation in dieser Zeit, wie etwa der "Glockenfriedhof" in der Bahnhofstraße. Die Kirchenglocken waren von dort abtransportiert worden, um für eine industrielle Weiterverarbeitung eingeschmolzen zu werden.
Hintergrund:

US-Army beschießt von Münchenreuth aus Eger

Seit einigen Jahren ein guter Freund von Klaus Rösch ist John Sommer. Die Vorfahren des US-Amerikaners aus der Nähe von Dallas stammen aus der Nähe von Falkenau (heute Sokolov/CZ) und waren 1888 nach Amerika ausgewandert. Beim ersten Besuch in Deutschland lernte Sommer Klaus Rösch kennen. Er war Anfang der 80er Jahre längere Zeit in Äthiopien in der Entwicklungshilfe tätig, beherrscht Englisch fließend in Wort und Schrift und fungierte damals im Hotel Zrenner für den Besucher als Dolmetscher. Sommer und Rösch pflegen den Kontakt mit regelmäßigen Besuchen und auch per Internet. John Sommer machte Rösch auf einen Bericht der 97. Infanterie-Division der US-Armee im Internet aufmerksam, der aus Sicht der Amerikaner die Kriegshandlungen in der Region schildert. Rösch übersetzte auszugsweise die Aufzeichnungen. Sie geben Einblick ins Geschehen damals, als die US-Army über Waldsassen nach Eger vordrang. "Der einzige Kampf, den wir in dieser Offensiv-Aktion hatten, war bei Waldsassen, nur wenige Kilometer vor Eger, aber auf deutscher Seite der Grenze." Von Münchenreuth aus sei der "Flughafen Eger" beschossen worden: "Der Fahrer des Generals der Artillerie Division wurde in der Nähe von Münchenreuth getötet und einige Sanis der 97.-ten wurden von den Deutschen gefangen genommen." Der Kompanie G des 42. Kavallerie Geschwaders sei befohlen worden, die Wälder östlich von Waldsassen nach Hundsbach zu säubern. "Das Vorrücken war langsam wegen feindlicher Scharfschützen und Mörserfeuer."

Der Bericht der 97. Infanterie-Division der US-Armee im Internet

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