09.07.2018 - 13:43 Uhr
WaldsassenOberpfalz

„Böhmische Händel“ in der Nikolauskirche

Als Franz Johann Xaver Wenzel Habermann 1773 an der St.-Nikolaus-Kirche in Eger als neuer Chordirektor seinen Dienst antrat, waren viele Leute darüber verwundert. Denn er war bereits 67 Jahre alt.

Blick zur Empore der St.-Nikolaus-Kirche. Die Orgel wurde 1884 von Martin Zaus erbaut.

(gjb) Nur die Musikkenner waren begeistert, da sie seine Kompositionen kannten und ihn bewundernd den "böhmischen Händel" nannten. Offensichtlich erfüllte der Kirchenmusiker in Eger alle Erwartungen bestens: Als er nach 10 Jahren starb, wurde sein Amt gleich seinem Sohne Franz Johann übertragen.

Habermann wurde am 20. September 1706 in Königswart (Kynžvart) geboren. Nach dem Besuch des Jesuiten-Gymnasiums in Klattau (Klatovy) studierte er Musik in Prag und unternahm dann Studienreisen nach Italien, Spanien und Frankreich. Er arbeitete als Kapellmeister in Paris und dann in Florenz, kehrte aber 1741 nach Prag zurück.

Erfolgreiche Aufführung

Anlässlich der Krönung Maria Theresias zur Königin von Böhmen schrieb Habermann eine komische Oper, deren Aufführung (1743) so erfolgreich verlief, dass er nun sogar beim hohen Adel engagiert wurde. Als "Regens Chori" (Chordirektor) an verschiedenen Prager Kirchen komponierte er Messen und Oratorien.

Nachdem einige seiner Werke (1746) im Druck erschienen waren, kannte man den Musiker weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus. In England fanden seine Kompositionen das Interesse des weltberühmten Georg Friedrich Händel. Dieser schrieb mit "Jephtha" (1752) sein letztes Oratorium, ein meisterhaftes Alterswerk. Viele Teile daraus stammen allerdings aus Messen von Habermann: "Händel borgte (borrowed) Musik aus fünf seiner Messen zur Verwendung in ... Jephtha ....", denn "Habermann war hochgeschätzt für seine Meisterschaft, kontrapunktisch zu schreiben."

Schlussfuge unverändert

Die "Missa sancti Wenceslai martyris" (Messe des heiligen Märtyrers Wenzel) wurde seit 1976 wieder nachgedruckt als "die beste der sechs Messen in Habermanns Opus 1 und das Werk Habermanns von dem Händels am ausgiebigsten borgte." Die Schlussfuge des Gloria dieser Messe übernahm Händel sogar unverändert für den Eingangschor des Oratoriums Jephtha.

Beim Abschlusskonzert des Egerer Orgelsommers, am 23. September 2018, wird der Chorus Carolinus aus Kladno um 19 Uhr diese Messe in der Nikolauskirche - wo Franz Johann Habermann zehn Jahre lang als Regens Chori tätig war - aufführen.

Terminkalender:

Orgelsommer: Mittwoch Auftakt

(gbj) Der Egerer Orgelsommer in Waldsassens Nachbarstadt beginnt am Mittwoch, 11. Juli, mit einem Konzert um 17 Uhr in der St.-Klara-Kirche: Orgelkonzert mit Werken von J. S. Bach, J. Seger, J. J. Kr. Kuchar: Es spielen Martina Kolárová und Václav Vála: Um 19 Uhr wird das Konzert in der St.-Klara-Kirche wiederholt.

Das weitere Programm im Überblick: 18. Juli, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche: Konzert für Violine und Orgel, mit Werken von Ch. M. Widor, S. Karg-Elert, A. Honegger, M. Reger, M. Dupré. Es spielen Ales Nosek und AlesNosek und Vítezslav Ochman. - 25. Juli, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche: Orgelkonzert mit Werken von R. Schumann, F. Mendelssohn-Bartholdy, J. B. Foerster, B. Martinu. Es spielt Jan Hora.

1. August, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche: Konzert für Flöte, Gesang und Orgel, mit Werken von J. S. Bach, G. F. Händel, J. Klicka, J. Ropek. Ludmila Vernerová, Sopran - Eva Prchalová, Flöte - Ondrej Valenta, Orgel. - 8. August, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche: Konzert für Violine und Orgel, mit Werken von J. S. Bach, A. Dvorák, C. Franck. Es spielen Pavel Cerný und Josef Žák. - 23. September, 19 Uhr, St.-Nikolaus-Kirche: Franz Wenzel Habermann: Missa sancti Wenceslai martyris. Es singt der Chorus Carolinus aus Kladno.

Mehrere Erklärungen fürs "Abschreiben":

Wie ist es möglich, dass der große Georg Friedrich Händel von einem böhmischen Kirchenmusiker abgeschrieben ("borrowed" - geborgt) hat? Dazu gibt es mehrere Erklärungen: Wenige Jahre vor seinem Tode erblindete Händel mehr und mehr. In einer Randnotiz beim zweiten Akt vermerkte er in deutscher Sprache: "biß hierher komen den 13 Febr. 1751 verhindert worden wegen so relaxt des gesichts meines linken auges". - Möglicherweise fehlte es ihm in dieser gesundheitlich belastenden Situation auch an der nötigen künstlerischen Kreativität. Das Oratorium sollte aber nicht unvollendet bleiben. - Eine Aneignung fremder musikalischer Werke - mit Umgestaltung durch neue Textunterlegung oder musikalische Veränderungen - gab es zu dieser Zeit häufig. Sie wurde nicht als "geistiger Diebstahl" betrachtet. Für Habermann dürften diese Übernahmen durch G. F. Händel eher eine künstlerische Auszeichnung als ein Ärgernis gewesen sein.

Franz Johann Habermann geriet nach seinem Tode bald in Vergessenheit. Deshalb sind die Noten zu vielen seiner Werke nicht mehr auffindbar. Erst seit einigen Jahrzehnten erinnert man sich wieder an den "böhmischen Händel". (gjb)

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