11.07.2018 - 07:52 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Durch Crystal wie ein Kleinkind

Ein derartiger Fall ist Forensiker Dr. Thomas Wenske noch nie untergekommen. Der 28-jährige Beschuldigte weiß nicht, wie alt er ist. Er schätzt "18". Er weiß auch nicht, dass er zwei Schwestern hat. Crystal hat seine Festplatte gelöscht.

Sichergestelltes Crystal, fotografiert bei der Kriminalpolizei in Weiden.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Weiden/Waldsassen. (ca) Der Beschuldigte leidet an einer hirnorganischen Störung, mit höchster Wahrscheinlichkeit ausgelöst durch exzessiven Metamphetamin-Konsum. Theoretisch könnten auch andere Krankheiten zu solchen Symptomen führen, wie sehr früh einsetzender Alzheimer oder Rinderwahn. Um das auszuschließen müsste laut Wensek eine Gehirnscheibe entnommen werden, „nur post mortem möglich“.

Das Langzeitgedächtnis ist getilgt. Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr. Der 28-Jährige hat keinen Schimmer, warum er vor Gericht steht. Laut Wenske konnte er sich womöglich schon kurz nach den sexuellen Übergriffen an diese nicht mehr erinnern. Etwa die versuchte Vergewaltigung im Bezirkskrankenhaus Wöllershof: Völlig gleichgültig gab er im Schwesternzimmer die Kleidung des Opfers ab.

Ein Begriff ist im löchrigen Gedächtnis kleben geblieben: „Piko“, Metamphetamin in Tschechien. Er muss es ungewöhnlich exzessiv konsumiert haben. „Vielleicht will er mal seine Zähne zeigen“, fordert Wenske den Beschuldigten auf. Der macht brav den Mund auf. In der oberen Zahnreihe können die Richter der Strafkammer zwei Stummel sehen. Der Rest ist weg. Der Gutachter glaubt, dass er Crystal geschnupft, gegessen und am Ende gespritzt hat.

Ganz normale Kindheit

Die Reaktion des Beschuldigten vor Gericht: Er lacht. Er lacht ohnehin an ganz vielen unpassenden Stellen. Er patscht in die Hände, als er seine Eltern und die jüngere Schwester sieht. Der Vater ringt im Zeugenstand die Hände. Er berichtet von einer „völlig normalen“ Kindheit des Buben. In der Schule sei er sogar recht gut gewesen: „Man hat ihn gelobt.“ Die Lehre zum Trockenbauer wirft der Sohn hin. Er sei an falsche Freunde geraten. „Drogen haben ihn kaputt gemacht.“ Mit 16 habe der Sohn Gras geraucht, dann kam „Piko“.

Man kann dem tschechischen Ehepaar nicht vorwerfen, nichts unternommen zu haben. Der Vater fährt mit dem Sohn zum Psychiater nach Karlsbad. Als dieser Stimmen hört und aus dem Fenster steigen will, lässt er den Filius im Klinikum Ostrov behandeln. 2015 zieht die Familie in den Landkreis Tirschenreuth, um neu anzufangen. Es ist zu spät. 2016 bringt ihn der Vater erstmals ins Bezirkskrankenhaus Wöllershof. Der Sohn wird positiv auf Crystal getestet, die Ärzte sehen Anzeichen für paranoide Schizophrenie.

2017 eskaliert die Situation mit sexuellen Belästigungen von Frauen. Der Beschuldigte läuft einem jungen Mädchen in Waldsassen hinterher. Er betatscht und verfolgt eine Zeitungsausträgerin. Nach der erneuten Einweisung in Wöllershof versucht er, eine Patientin zu vergewaltigen. Die alkoholkranke Frau hat sich eine Stunde zuvor mit 2,6 Promille selbst einliefern lassen. Sie ist in einem labilen Zustand. Der Überfall sorgt dafür, dass sie heute noch stationär behandelt wird. Laut Wenske ist der 28-Jährige durch den Gehirnabbau auf Basisbedürfnisse reduziert: „Essen, Trinken, Sex. Der augenblickliche Impuls wird sofort umgesetzt.“

Es sei keine Normalisierung zu erwarten. „Nicht jetzt und nicht in der Zukunft.“ Leberzellen können sich regenerieren. Gehirnzellen nicht. Sie sind nicht teilbar. „Die sind einfach weg.“ Nach einem Schlaganfall übernähmen benachbarte Hirnregionen die Aufgaben anderer Areale. Im Gehirn des 28-Jährigen gibt es keine intakte Nachbarschaft. Der Psychiater rät zur dauerhaften Unterbringung auf Basis von Paragraph 63. Dem folgt Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf. Er hat keinen Zweifel an den Schilderungen der Frauen.

Zschäpe „früher frei“

„Das bedeutet für ihn, dass er bis an sein Lebensende in der Forensik bleiben muss: mit Stacheldraht und Bewachung, allem Pipapo“, warnt Verteidiger Rouven Colbatz vor der Entscheidung. Das kann lebenslänglich sein. „Frau Zschäpe wird vor ihm aus der Haft rausgehen.“ Die Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtpräsident Gerhard Heindl beschließt die Unterbringung in der Forensik: „Es bleibt nichts anderes. Unbedingt.“ Es stünden schwere Sexualstraftaten zu befürchten. Revision ist möglich.








Dr. Thomas Wenske, psychiatrischer Gutachter.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Heinz Rahm

In dem Bereich gibt es ja auch gewisse Politiker, die dadurch sicher vieles vergessen haben .....

13.07.2018