19.01.2020 - 14:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

"Der Dirigent löst musikalische Probleme"

Carlos Kleiber ist sein Idol. Der bereits verstorbene Dirigent genoss ein hohes Ansehen in seiner Branche. In der Region tritt vielleicht Stephan Sölch einmal in Kleibers Fußstapfen. Sölch führt mit seinen Händen aber nicht nur Musiker an.

Stephan Sölch ist erst 21 Jahre alt. Der Dirigent hat seit fast einem Jahr das musikalische Sagen in der Stiftländer Jugend- und Blaskapelle Waldsassen.
von Susanne Forster Kontakt Profil

Vorne links die Querflötistinnen, hinten rechts die Tubaspieler. Und alles hört auf sein Kommando. Das ist deshalb so außergewöhnlich, weil der Dirigent der Stiftländer- Jugend und Blaskapelle Waldsassen für sein Alter - er ist 21 Jahre jung - schon sehr selbstbewusst daherkommt, wenn man ihn bei seiner Arbeit beobachtet. Es ist Stephan Sölch aus Konnersreuth. Schon der Ausdruck im Gesicht des jungen Musikers verrät: Nun wird es dramatisch. Dann ganz leise. Auf einmal schneller. Ein Fingerzeig nach links und es ertönt die Trommel. Dann ein angeregter Blick nach rechts. Die Querflötistinnen steigen ein.

Noten schon früh lesen

"Für das erste Lied nicht schlecht", lobt er das Ensemble. Ein Problem damit, klare Ansagen zu machen, scheint der junge Musiker nicht zu haben. Herzlich lacht er mit seiner Truppe - für einen Scherz ist anscheinend immer Platz. Doch all zu lange lässt er die Kompanie nicht abschweifen. "Gebt mir mal ein B", fordert er die Musiker zum Stimmen der Instrumente auf. Prompt folgen Töne - sie sind noch nicht perfekt.

Sofort justiert der junge Dirigent nach. Er hört genau, wenn etwas noch nicht so ganz passt. Was die Musiker verbessern sollen, kommt wie aus der Pistole geschossen aus dem Mund des Konnersreuthers. Sieben Jahre war er alt, als er mit dem Musik machen begann. Damals startete er mit Klarinette. Danach folgten Saxophon und Klavier. Das Noten lesen, so der 21-Jährige, habe er schon gekonnt, bevor er Lesen gelernt hat. Und das, obwohl es in seiner Familie außer ihm keinen weiteren Musikanten gibt. Nur seine Mutter, die im Kirchenchor singt, fällt ihm auf die Frage nach der Herkunft seiner musikalischen Ader ein. Und auch an den Bruder seines Opas, der Kirchenmusiker war und Orgel und Geige spielte, erinnert er sich. Persönlich gekannt habe er den Musiker aber nicht.

Zum Dirigenten ausbilden ließ er sich in Sulzbach-Rosenberg an der Berufsfachschule für Musik. "Staatlich geprüfter Ensembleleiter", lautet der Titel, den er seit dem Abschluss im September 2019 trägt. Seit Februar 2019 dirigiert er die Stiftländer Jugend- und Blaskapelle Waldsassen. Das Highlight seines ersten Jahres als musikalischer Obmann der Kapelle war das diesjährige Dreikönigskonzert, sagt er stolz. "Das war der Moment, an dem klar war, was man innerhalb von einem Jahr mit guter Zusammenarbeit erreichen kann", freut er sich. Das ganze Jahr, so der junge Musiker, habe er gemeinsam mit der Kapelle darauf hingearbeitet.

Der erste öffentliche Auftritt von Stephan Sölch:

Waldsassen

"Die anderen können ohne mich Musik machen - aber ich ohne sie nicht", sagt er über seine Arbeit. Auf die Frage, ob er sozusagen der Chef der Gruppe sei, gibt er ein klares Nein. "Es ist ein Miteinander", betont er. In musikalischer Hinsicht aber hat immer er das letzte Wort, sagt er. Der junge Mann dirigiert insgesamt 43 Musiker. Einige davon sind ein ganzes Stück älter als der 21-Jährige. Für sie alle sei er schon eine gewisse Respektsperson, sagt er. Die Zusammenarbeit klappe jedoch gut.

"Ich trete nett und freundlich, aber auch bestimmt auf. Und wir behandeln uns alle gegenseitig mit Respekt." Gibt aber auch zu, dass es ein verantwortungsvoller Posten ist. Und dass er vor jeder Probe auch ein bisschen aufgeregt ist. Gut erinnert er sich noch an seinen ersten öffentlichen Auftritt. "Man muss zeigen, dass man gut gearbeitet hat", erinnert er sich an seine Premiere.

Stephan Sölch gibt den Takt vor.

"Alles steht nicht in den Noten"

Mit kreativen Methoden übt er mit dem Ensemble die Stücke. Hier setzt er vor allem darauf, Melodien nicht vorzuspielen. "Ich summe Melodien vor oder erkläre sie. Das fruchtet einfach besser, da die Musiker dabei selbst kreativ werden können." Möchte er, dass ein Stück leise beginnt, hat er eine spezielle Taktik. Dann gibt er den Musikern die Anweisung, auf den jeweiligen Sitznachbarn zu warten, bevor sie selbst mit dem spielen beginnen. "Das kann ja gar nicht funktionieren", schmunzelt er. Tut es aber doch. "Da jeder auf den Einsatz des anderen wartet, beginnen die Musiker sich langsam heranzutasten. So entstehen leise, sanfte Töne."

Er verrät, dass das nur klappt, wenn er sich gut vorbereitet hat. Dazu studiert er die Partituren sehr genau ein. Für sich alleine. "Im stillen Kämmerlein", wie er sagt. Je nachdem, wie anspruchsvoll ein Stück ist, kann das schon mal bis zu zwei Stunden dauern. "Ich gehe eine Partitur sehr genau durch. Markiere mir markante Stellen und arbeite komplexe Stellen besonders heraus. Wenn ich ein Stück studiere, muss ich Schwierigkeiten regeln und Lösungen finden."

Auch schlechte Tage

Die Frage, wie sein Job abläuft und was man sich darunter vorstellen könne, bekomme er tatsächlich häufig gestellt, sagt er. "Als Dirigent habe ich die Aufgabe, Zusammenhänge im Stück herzustellen und zu vernetzen. Der Musiker liest eine Zeile. Ich lese alles", erklärt er. "Alles steht nicht in den Noten. Ich regle das Zusammenspiel und lenke es musikalisch in eine Richtung. Ich steuere die Kapelle."

"Der Dirigent löst musikalische Probleme", sagt der 21-Jährige. Bevor er als Ensembleleiter in Waldsassen anheuerte, spielte er in der Blaskapelle Konnersreuth. Dort hat er mit acht Jahren angefangen. Und hat auch eine Antwort darauf, was ihn gereizt hat, Dirigent zu werden. "Der Dirigent kann bestimmen, wie ein Stück gespielt wird. Das kann ich jetzt machen", freut er sich. Bei seiner Arbeit seien vor allem die Bewegung seiner Hände, die Gestik und die Mimik wichtig. Das habe er zuallererst gelernt. Anhand sogenannter "Schlagfiguren". "Mit ihnen gebe ich per Handbewegung die Taktarten an", erklärt Sölch.

Alles steht nicht in den Noten.

Dirigent Stephan Sölch

Dirigent Stephan Sölch

Doch nicht nur für den richtigen Takt ist er verantwortlich. Auch das Einsatz geben stand während seiner Ausbildung auf dem Plan und ist jetzt seine Aufgabe als Dirigent. "Die Deutlichkeit macht es aus. Wenn die Kapelle spielt, bekomme ich auch gleich die Rückmeldung, ob ich zu undeutlich war."

Doch es gibt auch schlechte Tage. Das gibt er ganz offen zu. "Ganz schlimm ist Lustlosigkeit. Wenn der Elan fehlt." Sein Gemütszustand, sagt er, wirkt sich dann auch auf die Musiker aus. Auch deshalb, weil seine Mimik beim Dirigieren seine Gemütslage preisgibt, verrät er. Stephan Sölch ist auch dafür verantwortlich, den Stücken Gefühl einzuhauchen. "Es ist meine Aufgabe, zu vermitteln, welche Stimmung das Stück rüberbringen soll."

60 Jahre Altersunterschied

Das älteste Mitglied der Kapelle ist 81 Jahre alt. Es ist der Waldsassener Josef Rödig. Der ist übrigens seit 1957 in der Kapelle dabei. Bedenken wegen der großen Altersunterschiede hatte der zum damaligen Zeitpunkt 20-jährige Stephan Sölch tatsächlich, bevor er in seine neue Rolle als Dirigent schlüpfte, wie er zugibt. "Die haben weitaus mehr Erfahrung als ich", sagt er und meint damit vor allem die älteren Kapellenmitglieder. "Es hat gut geklappt von Beginn an", resümiert er. Dass der Dirigent 60 Jahre jünger ist, störe den 81-jährigen Waldhornbläser nicht. "Das ist überhaupt kein Problem für ihn", weiß Sölch.

Der macht den Dirigenten-Job übrigens als "anspruchsvolles Hobby". Ansonsten ist der Konnersreuther in seinem Wohnort beschäftigt. Zwar sind dafür auch seine Hände nötig, es hat aber rein gar nichts mit Musik zu tun: er baut Rolladen-Kästen zusammen. Das macht er als Zubrot für sein Musik-Studium im Bereich Blasorchester-Leitung, Lehramt für Musik oder Musikwissenschaften und Tonsatz - konkret hat sich der 21-Jährige noch nicht entschieden - das er im Oktober diesen Jahres beginnen möchte.

Die nächste Gelegenheit, Stephan Sölch samt Kapelle live zu sehen, ist am Samstag, 21. März. Dort findet ab 20 Uhr in der Turnhalle Waldsassen das Starkbierfest statt.

Das älteste Mitglied der Kapelle ist 81 Jahre alt. Konzentriert lauscht Josef Rödig (links) den Anweisungen des 21-jährigen Dirigenten.

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