04.11.2018 - 11:20 Uhr
WaldsassenOberpfalz

"Die Gazimovs sollen bleiben"

Sie setzen sich für Migranten ein. Und manches Mal geht das nur mit entsprechendem Nachdruck: Mittels einer Unterschriftenaktion versucht der Helferkreis Asyl die Familie Gazimov aus Aserbaidschan vor der Abschiebung zu retten.

Viele Freunde aus Waldsassen und dem Landkreis Tirschenreuth wollen der Familie Gazimov (Mitte) helfen, damit sie hier bleiben kann.
von Ulla Britta BaumerProfil

Großer Bahnhof bei der Familie Gazimov in der Münchenreuther Straße in Waldsassen: Alik und Parvana Gazimov tischen für ihre Gäste Tee, Kuchen und Süßigkeiten auf. Der kleine Mehti ist begeistert. Am Schoß seiner Mutter greift er ausgiebig zu, so viel Süßes gibt es nicht alle Tage. Mehti ist mit seinen fast zwei Jahren zu klein, um den ernsten Hintergrund der spontanen Kaffeerunde bei der Familie aus Aserbaidschan zu verstehen.

Die Vertreter von der Kolping-Berufshilfe Tirschenreuth und vom Helferkreis Asyl aus Waldsassen sind zur Krisensitzung hier. Die Familie soll nach drei Jahren in Deutschland abgeschoben werden. „Wir wollen in Waldsassen bleiben“, rufen Pünhan (7) und Ibrahim (6). Mehtis größere Brüder haben aus den Gesprächen längst von den Sorgen der Eltern etwas mitbekommen.

Daheim habe die Polizei das Haus zerstört. Ein Bulldozer sei einfach reingefahren und habe das halbe Gebäude niedergerissen. "Wir waren an diesem Tag alle zu Hause", erzählt Alik Gazimov. Geschehen sei dies nur deshalb, weil er in der Opposition gewesen sei. Der 34-jährige Aserbaidschaner holt einen Zeitungsbericht aus seiner Heimat, wo er auf einem Foto abgebildet ist. Behauptet werde laut Übersetzung, ausgewanderte Aserbaidschaner würden in Deutschland gegen ihre eigene Heimat „hetzen“. Alik Gazimov würde in seiner Heimat wegen seiner Gesinnung verfolgt, heißt es in der Krisenrunde.

„Ich will nur, dass meine Kinder in Frieden leben können“, sagt Alik Gazimov verzweifelt. Gut, dass die Kinder noch nicht wirklich alles verstehen. Hier dürfen sie Kinder sein, haben Freude und leben in Waldsassen beinahe wie alle hier: Pünhan geht in die Grundschule, Ibrahim in den Kindergarten. Beide haben rasch Deutsch gelernt. Und Mehti ist sowieso ein Klosterstädter, er kam im Krankenhaus Waldsassen zur Welt.

Monika Grötsch, Waltrude Schuller, Birgitt Fischer und Karin Hennecke sind die Kinder ans Herz gewachsen. Entsetzt haben sie von der geplanten Abschiebung gehört und sofort gemeinsam mit Thomas Busch und Andreas Werner eine Unterschriftenaktion gestartet. Einige Tage später liegt eine ansehnliche Liste vor. Aber es sollen unbedingt mehr Unterschriften werden.

Gerne angeschlossen haben sich der Aktion die Bewohner des Anwesens Münchenreuther Straße 25. Die älteren Herrschaften wollen die Gazimovs nicht verlieren. In einem Schreiben stellen drei Familien im Haus Nummer 25 die Hilfsbereitschaft von Alik (34) und Parvana (29) bei schwerer Arbeit, beim Taschen tragen oder beim Schneeräumen im Winter heraus. Alik mache dies alles kostenlos, das sei Nachbarschaftshilfe wie aus dem Bilderbuch. Die Familie sei voll integriert, die Kinder könnten bestens Deutsch sprechen, sagen die Hausbewohner.

Warum lasse man die Gazimovs nicht einfach hier, wenn alles gut sei? Es sei unmenschlich, sie zurückzuschicken, klagen auch Monika Grötsch und Waltrude Schiller. Sie haben kein Verständnis für die undurchsichtige Gesetzeslage. „Alik und Parvana denken bei jedem Klingeln an der Haustür, jetzt werden sie geholt und zurückgeschickt.“ Waltrude Schiller mag sich gar nicht vorstellen, was das für Ängste bei den Eltern sind. Dabei höre man auch von Ausnahmen bei der Entscheidung, wer zurück müsse und wer nicht. Zumal Alik gleich mehrmals Arbeitsplätze angeboten bekommen hätte. „Schott und Ghost hätten ihn sofort genommen“, nennt Thomas Busch nur zwei Beispiele. Nun gelte es, der Härtefall-Kommission zu verdeutlichen, dass die Familie integriert sei, erklärt Monika Grötsch die Unterschriftenaktion. Wer der jungen Familie aus Aserbaidschan ebenfalls helfen möchte, hier bleiben zu dürfen: Unterschriftenlisten liegen im Kindergarten und in der Grundschule Waldsassen auf.

Pünhan und Ibrahim sind gerne in Waldsassen. Hier haben sie bereits viele neue Freunde gefunden.
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