23.12.2018 - 15:35 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Gratis-Strom und geliehene Glühbirnen

Drei öffentliche Christbäume, stimmungsvolle Beleuchtung. Der Weihnachtsmarkt an zwei Wochenenden und etliche Konzerte: Die Advents- und Weihnachtszeit hat in Waldsassen ein beachtliches Niveau erreicht. Das war nicht immer so.

Der öffentliche Christbaum auf seinem ersten Standort in der Anlage gegenüber der Sparkasse vor der ehemaligen „Glück-Villa“.
von Autor TMLProfil

Beim Rückblick hatte diese Zeit in früheren Jahrzehnten einen viel beschaulicheren Status. Denn diese umfangreiche "Brauchtumswelt" begann sich erst allmählich, im Laufe der Zeit zu entwickeln. Als die Männer vom Stadtbauhof zu Beginn des Advents die Christbäume auf den Plätzen der Innenstadt aufgestellt und geschmückt haben, war wohl niemand bewusst, dass dieser "Brauch" mit dem "Lichter-Baum für alle" exakt zum Weihnachtsfest 1928 erstmals in Waldsassen eingeführt wurde, also vor genau 90 Jahren.

Die Anregung dazu war von der damaligen "Grenz-Zeitung" und ihrem Redakteur Robert Kuhnle (1899 - 1975) ausgegangen. Den Vorschlag hatte der damalige rechtskundige Bürgermeister Josef Hierl (1887 - 1960) aufgegriffen. Als Standort für den ersten Christbaum wurde die kleine Anlage beim damaligen Johannes-Denkmal an der Ecke Egerer Straße / Johannisplatz festgelegt. Die 150 Kerzen-Birnen für den ersten Baum stellte die Firma Friedrich Palm aus Nürnberg leihweise zur Verfügung, den Strom lieferte die Firma BELG gratis. So erstrahlte der "Baum für alle" erstmals am Heiligen Abend 1928 um 18 Uhr. Dazu gab es eine kleine Feierstunde und war die Öffentlichkeit eingeladen.

Die Stadtkapelle Waldsassen unter der Leitung von Franz Zagler spielte drei Weihnachtslieder. "Damit war für unsere Stadt das hohe Fest eingeleitet. Dann sammelten sich die Familien unterm Baum und Weihnachtsstimmung drang bis ins letzte Haus", so die damalige euphorische Berichterstattung. Die Herrlichkeit währte bis einschließlich Dreikönig 1929. Dann wurde der Christbaum unter Aufsicht eines Schutzmannes abmontiert und die Beleuchtung zurückgesandt.

Ein Jahr später mehr Musik

Doch jetzt hatte man die ersten Erfahrungen gesammelt für die folgenden Jahre und war wohl auch die breite Öffentlichkeit dankbar für die Neuerung zur Weihnachtszeit. Am Heiligen Abend 1929 war dann die Feier beim öffentlichen Christbaum schon eine "bessere" und wirkten neben der Stadtkapelle auch die Singschule, der Kirchenchor und der Männergesangverein mit.

Bis 1964 blieb jedenfalls der öffentliche Christbaum an seinem ursprünglichen Standort und "wanderte" dann auf die Mitte des Johannisplatzes. Schon um 1960 war ein zweiter öffentlicher Weihnachtsbaum vor dem kath. Pfarramt dazu gekommen.

Schon seit der frühen Nachkriegszeit gab es auch in der Pfarrkirche selbst mehrere Christbäume. Eine Beleuchtung der öffentlichen Bäume vor Heiligabend war jedoch - im Gegensatz zu heute - früher völlig undenkbar und nicht statthaft. Dabei bürgerte sich die heute gängige Praxis erst in den letzten Jahrzehnten ein.

Eklat am Johannisplatz

Auch bei dem beliebten Weihnachtsmarkt in der Klosterstadt handelt es sich um ein "Kind" der Neuzeit. Er führte sich erst 1976 auf dem Johannisplatz ein. Da man damals noch keine Holz-Häuschen bzw. geeignete Buden zur Verfügung hatte, mussten anfangs kurzerhand die bei den Jahrmärkten benützten Stände "herhalten". Im Dezember 1976 ereignete sich beim öffentlichen Christbaum auf dem Johannisplatz gar ein Eklat, als ein übermütiger junger Mann den Baum kurzerhand umsägte, was begreiflicherweise für viel Empörung und Furore sorgte. Zur Ergreifung des Täters wurde eine Belohnung ausgesetzt. Bürgermeister Franz Fischer ordnete an, dass der Baum umgehend wieder aufgestellt werden sollte, aber das Unverständnis über den Lausbubenstreich blieb.

Ende der 1980er Jahre erhielt der Weihnachtsmarkt dann insofern eine besondere Note, als nun der Stadtbauhof eigene kleine Holzhäuschen errichtete und zur Aufstellung brachte, die auch schon bei den alljährlichen Bürgerfesten Verwendung fanden. Zeitweilig vollzog sich der Weihnachtsmarkt auch auf dem Basilikaplatz. Und als vor wenigen Jahren mit der Kunstgasse und den "Neuen Gärten" im Herzen der Altstadt eine neue Kunstmeile entstand, war es nahe liegend, den Weihnachtsmarkt dorthin zu transferieren.

1995 entstand durch das Engagement von Bürgermeister Hans Schraml die Einführung der achtteiligen Krippenausstellung am vormaligen Kriegerdenkmal und heutigen Diepold-Brunnen am Basilikaplatz, eine Tradition die seither ebenfalls erfolgreich weitergeführt und vor allem von vielen Konzertbesuchern gerne angenommen wird. So zeigt sich öffentliches Brauchtum zur Advents- und Weihnachtszeit mit einem steten Wandel.

Der winterliche Johannisplatz, auf dem nun seit 1976 der „Christbaum für alle“ präsentiert wird.
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