21.03.2019 - 14:10 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Der "Hahn im Korb" im Kindergarten

Der Arbeitsplatz von Alexander Wunderlich ist laut. Das ist grundsätzlich nicht außergewöhnlich, es gibt viele geräuschintensive Männerberufe. Nur machen bei dem 27-Jährigen nicht Maschinen diesen fröhlichen Radau. Alex ist Erzieher.

Alex Wunderlich ist nicht allein für die Gruppe da. Seine Kollegin Sabrina Birkner hilft ihm beim "Bändigen der Rasselbande".
von Ulla Britta BaumerProfil

„Alex“, wie er kurz gerufen wird, hat keinen typischen Männerberuf. „Meine Mutter ist schuld“, berichtet der junge Mann aus Hof, wie es dazu kam, dass er zum "Hahn in Korb" in einer durchwegs von Frauen besetzten Arbeitswelt wurde. Während Alexander Wunderlich von sich erzählt, wird er ständig abgelenkt. Das ist ganz normal im Städtischen Kindergarten „Tausendfüßler“, wo der Erzieher als Gruppenleiter 22 Buben und Mädchen betreut.

Die Kinder sind ständig um ihn. Einmal sind es Bauklötzchen, die neu aufbauen werden müssen. Ein kleiner Junge will ihm etwas erzählen. Alle haben heute ihre Kuscheltiere mitgebracht. „Wir haben Spielzeug-Woche“, plaudert der 27-jährige Erzieher aus dem Arbeitsalltag, der dem Jahresverlauf angepasst sei. Dann erzählt er weiter, warum er als Exote unter Frauen nun für die jüngsten Waldsassener Bürger zuständig ist. „Ich wollte Schreiner werden. Aber ich bin allergisch. Da ging das nicht.“

Zuerst sei er frustriert gewesen. Er habe lange überlegt, was ihm sonst noch zusagen würde als späterer Beruf. Bis ihm seine Mutter vorgeschlagen habe, in einem Kindergarten ein Praktikum zu absolvieren. Natürlich sei er sehr skeptisch gewesen. „Aber dann war ich über mich selbst erstaunt, dass mir das gut gefällt und ich mit Kindern super umgehen kann.“

Nicht alle in seinem Bekannten- und Freundeskreis hätten ihm Mut zugesprochen, erinnert er sich. Einige seiner damaligen Freunde hätten kaum Verständnis gezeigt. Davon hat sich der gebürtige Hofer aber nicht abhalten lassen. „Heute kann ich jedem Unschlüssigen bei der Berufsfindung nur raten, sich zumindest mit dem Gedanken zu beschäftigen“, wirbt Alex Wunderlich für seinen Job.

Seine Ausbildung absolvierte er an der Fachakademie Hof für Sozial- und Heilpädagogik. Da es ihn aus privaten Gründen nach Waldsassen zog, bewarb er sich um eine Stelle als Erzieher. Seine Anfrage landete bei Kindergartenleiterin Brigitte Nickl, die seit 2005 Chefin im „Tausendfüßler“ ist. Sie setzte bei der Einstellung von Alex Wunderlich kein einziges Fragezeichen dahinter, dass er ein Mann ist. „Es war bereits ein junger Anwärter hier. Er hat leider gleich wieder das Handtuch geworfen“, berichtet sie und sagt, sein Weggang sei sehr schade gewesen für den Kindergarten. Denn ihrer Meinung nach sei die gesamte Erziehung viel zu frauenlastig geworden.

„Es gibt viele allein erziehende Mütter. Deren Kinder haben den ganzen Tag keinen männlichen Ansprechpartner“, nennt sie ein Beispiel. Umso mehr habe sie sich über die männliche Unterstützung durch Alex Wunderlich gefreut. Das war im Jahr 2015. Seither arbeitet der Erzieher mit sieben Erzieherinnen und zwölf Kinderpflegerinnen zusammen. Das große Team mit Alex Wunderlich als „Hahn im Korb“ betreut 175 Kinder in der Kinderkrippe und im Kindergarten. Im Kinderhort sind etwa 70 Buben und Mädchen gemeldet. „Wir sind voll ausgelastet“, sagt Brigitte Nickl.

Abwechslung im Job, fällt Alex Wunderlich dazu ein, sei ihm ebenfalls bei der Berufswahl wichtig gewesen. Als Erzieher hat er da in die Vollen gegriffen. „Wenn ich morgens komme, weiß ich nie, was mich erwartet." Der 27-Jährige berichtet von guter und schlechter Laune der Kinder am Morgen, von wachen und müden Kinderaugen, von individuellen Eigenheiten, von unterschiedlichen Talenten, von eigenwilligen Charakterzügen und kleinen Wehwehchen und was sonst noch alles im Umgang mit kleinen Menschen beachtet sein wolle.

Manchmal sei es schon sehr anstrengend, gibt er zu. „Aber das ist in jedem Beruf so.“ Die Buben und Mädchen lieben ihren Alex; und fordern ihn entsprechend. Für sie ist der „Mann im Haus“ selbstverständlich. In der Themenwoche macht Wunderlich stundenlang mit ihnen Gesellschaftsspiele wie „Mensch-Ärger-dich-nicht“. Sie dürfen ihm ihr Kuscheltier vorstellen und vorschlagen, mit welchem Spielzeug sie sich beschäftigen wollen.

„Jedes Kind ist einzigartig. Das hier ist wie eine Großfamilie“, schwärmt er über seinen Beruf. Dann erzählt er lachend von seiner Schwester Tanja, die ausgerechnet Automechanikerin geworden ist. Das Exotische liege wohl in seiner Familie. Da Alex Wunderlich am Nachmittag im Kinderhort arbeitet, trifft er viele seiner ersten Kindergartenkinder hier gleich wieder. „Dann sind sie bereits ein Stück selbstständiger“, mag er auch diese Variante seines Berufs. Wunderlich betreut mit Sabrina Birkner die „Wühlmaus-Gruppe“.

Und was haben seine Kolleginnen zum Exoten unter Frauen gesagt? „Wir haben ihn uns erzogen, wie wir das brauchen“, schmunzelt eine Kollegin, die zur Tür hereinkommt. „Das ist kein typischer Frauenberuf“, betont der junge Erzieher und appelliert an seine Geschlechtsgenossen, keine Scheu vor Frauenberufen zu haben. Das sei zwar früher streng getrennt gewesen, aber Männer seien schließlich auch Väter und würden heute in der Erziehung gleichberechtigt mitarbeiten.

„Im Prinzip ist das hier das Gleiche“, sinniert Alex Wunderlich über die Rolle des Mannes in der Familie nach. "Und ich kann später einmal auf Anhieb Vater sein", fügt er schmunzelnd an. Gelernt ist gelernt.

Dann muss er wieder an die Arbeit: Einige Bausteine sind im Eifer des Gefechts auf den Boden gekullert. Der 27-Jährige hebt sie auf. Schon knien fünf, sechs Kinder neben ihm, um zu helfen. „Seht ihr. So schnell geht das gemeinsam. Wir sind doch wirklich ein tolles Team“, strahlt der Erzieher seine Schützlinge an.

Alex Wunderlich ist rund um die Uhr gefordert. Die Kinder wollen seine ganze Aufmerksamkeit.
In der "Spielzeug-Woche" sind Klassiker wie das Gesellschaftsspiel "Mensch-ärger-dich-nicht" an der Tagesordnung. Alex Wunderlich erklärt die Spielregeln und hilft den Kindern beim Zählen.
"Eins, zwei, drei, vier, fünf...". Diese kleine Dame kann schon super selbst die Spielfigur übers Brett laufen lassen. Alex Wunderlich lobt sie.
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