19.03.2019 - 12:50 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Helfen statt wegschauen

In den Vordergrund drängen wollen sie sich auf keinen Fall. Die vier jungen Leute haben aber einem Menschen in Lebensgefahr geholfen. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt ein dramatischer Vorfall in Waldsassen.

Patrick Wedlich, Franziska Dietz, Verena und Matthias Dumler (von links) halten ihr Eingreifen für selbstverständlich: "Jeder kann in einem Notfall was tun."
von Michaela Kraus Kontakt Profil

"Wir waren gerade einkaufen. Liegt auf dem Parkplatz ein Mann auf dem Boden, das Gesicht schon blau angelaufen, und die Leute fahren einfach vorbei und keiner hilft! Das ist echt asozial und das letzte!" Das schrieb die Ersthelferin Franziska Dietz aus Kondrau kurz nach dem Einsatz am Samstagnachmittag in einer Waldsassener Facebook-Gruppe.

Und weiter: "Wenn wir nicht den Notruf abgesetzt hätten und dann nicht noch zwei aus der Pflege dazugekommen wären, die die Herzdruckmassage gemacht hätten, würde er jetzt wahrscheinlich immer noch dort liegen. Und eine Frau regt sich noch auf, dass sie aus ihrem Parkplatz nicht rausfahren kann. Hallo, geht's noch?"

Zwei Tage später sitzen die vier Ersthelfer bei Franziska Dietz und ihrem Freund Patrick Wedlich am Küchentisch in Kondrau. Das Paar, das den Notruf absetzte, erhielt fast zeitgleich Unterstützung von Matthias und Verena Dumler aus Pleußen. Obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt wohnen, haben sie sich erst am Samstagnachmittag kennengelernt. Unter ungewöhnlichen Umständen.

"Wir wollten einkaufen, steigen aus und sehen, da liegt ein Mann hinter seinem Auto. Der Kofferraum offen, der Einkaufswagen daneben, Lebensmittel liegen am Boden verstreut." Franziska Dietz wählt sofort über Handy die 112. Ihr Freund und der hinzueilende Matthias Dumler sorgen für eine stabile Seitenlage des Bewusstlosen auf dem nassen Asphalt.

Verena Dumler kommt dazu und beginnt mit der Wiederbelebung. Für die Krankenschwester am Klinikum Weiden ist es nicht die erste Reanimation, aber die erste jenseits einer Intensivstation mit ihren Geräten und Ärzten in greifbarer Nähe. "Der Mann war schon ganz kalt und hatte keine gesunde Gesichtsfarbe mehr", schildert sie. Die Atmung setzte wieder ein, aber wieder aus. Doch dann übernahmen schon die beiden alarmierten Helfer vor Ort den Patienten. Wenig später traf der Notarzt ein. Der etwa 50-jährige Mann wurde zur Weiterbehandlung nach Weiden gebracht.

Für die vier Ersthelfer war ihr Einsatz nach wenigen Minuten zu Ende, doch aus dem Kopf geht er keinem so schnell. Vor allem, weil sie so viel Gleichgültigkeit beobachtet haben: "Da parkten die Leute ein und aus, schoben mit ihren Einkaufswagen achtlos vorbei. Andere schauten bloß neugierig. Ich hab die Leute teilweise angeschrien, sie sollen weitergehen", sagt Franziska Dietz. Matthias Dumler ergänzt: "Keiner fragte, ob noch Hilfe gebraucht wird. Keiner kam auf die Idee, zum Beispiel eine Thermodecke zu holen."

Besonders schockiert hat Patrick Wedlich die Bemerkung einer Passantin, das mit der Wiederbelebung werde sowieso nichts mehr. "Da ringt einer um sein Leben und kriegt das vielleicht mit, was gesagt wird", schüttelt Dumler fassungslos den Kopf. Er ist stellvertretender Leiter des Berufsbildungszentrums Erbendorf und unterrichtet künftige Altenpfleger. "Ich habe heute auch mit den Schülern darüber gesprochen", nahm der Pleußener den Vorfall gleich zum Anlass, über den Wert von Erste-Hilfe-Kursen zu reden. "Gottseidank habe ich gerade erst eine Auffrischung gehabt", meint Franziska Dietz. Die Immobilienkauffrau stellt sich auch als Ersthelferin bei der Kewog in Tirschenreuth zur Verfügung.

Nicht wegschauen, sondern fragen und helfen - diesen Appell richten die vier Stiftländer an alle Mitbürger: "Jeder kann was tun, zum Beispiel einen Notruf absetzen." Ihren Einsatz empfinden sie keineswegs als Heldentat, sondern als Selbstverständlichkeit. Schließlich kann ein Notfall jeden treffen. Und wenn mehrere Leute Hand in Hand helfen, weicht auch die Unsicherheit, was zu tun ist: "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ihr dazugekommen seid", sagt Patrick Wedlich zu den neuen Bekannten aus Pleußen. Und auch die beiden "Profis" fühlten sich wesentlich wohler mit Unterstützung. "Das hat so sein sollen", denken die vier Helfer über das zufällige Zusammentreffen zur richtigen Zeit.

Hintergrund:

Unsicherheit kein Grund fürs Nichtstun

Helmut Zeitler war nicht vor Ort, als sich die dramatischen Szenen auf dem Parkplatz abspielten. Der Bereitschaftsleiter des BRK Waldsassen ist hauptberuflich Notfallsanitäter und freut sich über jeden, der eingreift, wenn ein Mensch ganz offensichtlich in Not ist. Er hat deshalb spontan ein herzliches "Danke" unter das Posting geschrieben, das die Kondrauerin auf Facebook nach ihren Erlebnissen auf dem Parkplatz abgesetzt hat.

"Da sind oft massenhaft Leute da, aber keiner hilft. Darüber wundern sich meine Kollegen oft", schildert Zeitler seine Erfahrungen und ein weiteres Phänomen: "Einer fängt an, und dann gesellen sich auch andere Helfer dazu. Das Wichtigste ist, dass die Rettungskette in Gang kommt."

Unsicherheit als Grund fürs Nichtstun lässt der Waldsassener nicht gelten: "Jeder kann aus seinem Instinkt heraus was machen. Es ist so wichtig, Hilfe zu leisten, egal, wer da liegt." Dem BRK sei es ein riesiges Anliegen, Erste-Hilfe-Kurse anzubieten, möglichst viele Menschen auch in Firmen und Vereinen mit den Grundkenntnissen vertraut zu machen: "Sollte jemand Angst haben vor einer Situation wie am Wochenende auf dem Parkplatz, kann er sich gerne bei uns melden. Für eine Schulung lässt sich immer eine Lösung finden." Als Klassiker empfiehlt der Notfallsanitäter den achtstündigen Kompaktkurs, der an verschiedenen Orten im Landkreis auch an Samstagen angeboten wird.

www.kvtirschenreuth.brk.de

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