25.10.2019 - 11:57 Uhr
WaldsassenOberpfalz

"Hitterer" sorgen für Dialektvielfalt in Waldsassen

Über Dialekte, deren Ursprung und deren Veränderungen informierten sich im Haus St. Joseph zahlreiche Zuhörer bei einem interessanten Vortrag. Als Schmankerl gab es dazu auch zwei Lese-Vorträge in Mundart.

Manfred Brunner verstand es hervorragend, Gedichte und Geschichten im Dialekt informativ und gleichzeitig sehr unterhaltsam zu erzählen. Aus Barbara Heinrichs Dialektbuch las er zwei Geschichten vor.
von Ulla Britta BaumerProfil

Wenn auch immer von den "Hitterern" gesprochen wird, meint man mit diesem Menschenschlag eine Gruppe von Arbeitern, die sich mitten in der Klosterstadt eine eigene Sprache angeeignet haben. Das war damals. Heute ist das längst anders. "Auch durch die Vermischung der Dialekte. Nach der Wende sind viele Arbeiter aus den neuen Bundesländern bei uns gewesen", erklärte Wenzel Riederer. Er muss es wissen. Der 61-jährige Neualbenreuther ist Hüttenmeister in der Glashütte Lambert in Waldsassen. Riederer und Manfred Brunner, ehemaliger Rektor der Grundschule Waldsassen, lasen einem recht großen Publikum alte Geschichten vor, unter anderem von den "Hitterern" sowie aus dem Buch der Waldsassenerin Barbara Heinrich.

Sprachvarianten

Maßgeblich bei dieser Lesung, die Ludwig Spreitzer organisiert hatte, war der Dialekt und dessen feine, nicht unerhebliche Unterschiede. Sogar in den einzelnen Orten sei unterschiedlich gesprochen worden, wusste Franz Xaver Scheuerer. Spreitzer freute sich, den ehemaligen Bezirksheimatpfleger zum Dialekt-Abend im Haus St. Joseph begrüßen zu können. Als einer der besten Sachverständigen kennt Scheuerer die feinen Nuancen der bayerischen Dialekte. Er zeigte dem Publikum die Entwicklung der Dialekte sowie deren Veränderungen im Lauf der Jahrhunderte auf.

Brunner und Riederer lasen anschließend aus dem Buch "Hüttengschichtn" von Peter Christ und den Dialektbüchern von Barbara Heinrich vor. So konnten die Zuhörer die unterschiedlichen Sprachvarianten der Klosterstadt im Vergleich hören.

Geschriebene Sprache

Scheuerer erklärte den Gästen die Laut-Landschaften der Oberpfälzer Dialekte. Zum Hochdeutsch meinte er: "Das ist lediglich eine geschriebene Sprache." Richtiges Hochdeutsch könne niemand sprechen, höchstens auf einer Theaterbühne. Aber auch hier sei die Sprache immer beeinflusst vom jeweiligen Dialekt der Person. Hochdeutsch selbst sei erst vor 200 Jahren eingeführt worden, so Scheuerer. Vorher hätten alle Dialekt gesprochen - die Geistlichen bedienten sich der lateinischen Sprache.

Dialekt situationsgebunden

Bei den Forschungen sei man dahintergekommen, dass jeder Dialekt eine eigene Sprache sei. Das habe bereits Johann Schmeller, Tirschenreuther Dialektforscher, im Jahr 1816 herausgefunden. "Aber der bäuerliche Grund-Dialekt ist verlorengegangen", so Scheuerer. Jene, die ihn noch haben sprechen können, seien nun verstorben. Verschwinden könne ein Dialekt aber nie. "Im Prinzip wird er immer wieder verändert."

Was die unterschiedlichen Sprechweisen der Dialekte ausmache, sei die Tatsache, dass sich die Sprachnutzer mühelos jeder Variante bedienen könnten. So sei es immer der Situation unterworfen, ob ein Dialektsprachler mehr Dialekt spreche oder mehr Hochdeutsch einbringe. Scheuerers Beispiel: "Mei Onkl is da Bruda meina Mudda". Andere würden sagen: "Mei Onkl is da Bruda von meina Muda", zeigte der ehemalige Bezirksheimatpfleger auf.

Anhand von Landkarten erläuterte der Referent die Dialekt-Grenzen. Scheuerers Behauptung, Nürnberg sei im Dialekt nie fränkisch, sondern immer oberpfälzisch gewesen, löste bei den Zuhörern Verwunderung aus. Dort sage man "Kou" (Kuh), während es bei den Franken "Kua" heiße.

Derbe Sprache im Stiftland

Was den Oberpfälzer Dialekt ausmacht, wusste jeder: Das berühmte "ou" kann ein Oberpfälzer nicht aus seiner Sprache ausmerzen. Dagegen bedienten sich die großen, bayerischen Städte wie München und Regensburg mehr des mittelbayerischen Dialekts. Dass die "Hitterer" sich als feine Herren sahen und deshalb einst auch mehr Standardsprache untereinander pflegten, wurde danach deutlich bei Wenzel Riederers Vortrag. Er las zwei amüsante Geschichten aus dem Buch "Hüttengschichtn", die nicht nur sprachlich interessant, sondern auch lustig waren. Manfred Brunner dagegen ließ die Zuhörer in die derbe Sprachwelt der waschechten Stiftländer eintauchen. Manches Mal verstand sogar der Stiftländer selbst nicht alle Wörter aus dem Buch "Wöi uns da Schnawl gwachsn is" von Barbara Heinrich. Organisator Ludwig Spreitzer bedankte sich bei den drei Interpreten mit kleinen Geschenken für ihre Vorträge.

Der Dialektabend war sehr zur Freude vonLudwig Spreitzer gut besucht.
Wenzel Riederer, Hüttenmeister der Glashütte Lambert, las aus dem Buch der "Hitterer" vor.
Franz Xaver Scheuerer referierte sher anschaulich und interessant über Dialekte und ihre Bedeutung.
Das Buch "Hüttengschichtn", aus dem Wenzel Riederer vorlas, hat Peter Christ geschrieben. Hier wird unter anderem auch verdeutlicht, warum die "Hitterer" einen eigenen Dialekt entwickelt haben. Herausgegeben wurde die Lektüre vom Gerwigkreis Waldsassen. Laut Aussage von Manfred Brunner gibt es noch einige Exemplare.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.