24.11.2019 - 13:24 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Interkommunale Kooperation als Lösungsweg für die Region

"Den" ländlichen Raum gibt es nicht, eher schon verschiedene Typen davon, erläuterte Gabi Troeger-Weiß in Waldsassen. In ihren Zukunftsperspektiven für die Region bringt die Universitätsprofessorin die "große Landstadt" ins Gespräch.

Professorin Dr. Gabi Troeger-Weiß bei ihrem Vortrag über die "Zukunftsperspektiven von Landkreisen und Gemeinden im Fichtelgebirge" im Kunsthaus Waldsassen
von Redaktion ONETZProfil

Im Rahmen des Leader-Projekts "Regio-Ident Fichtelgebirge" sprach die promovierte Universitätsprofessorin im Kunsthaus Waldsassen über die Chancen von Landkreisen und Gemeinden im Fichtelgebirge und der nördlichen Oberpfalz. Im östlichen Oberfranken und der nördlichen Oberpfalz gebe es periphere, strukturschwache ländliche Räume. Im Unterschied dazu kenne man ländliche Regionen im Umfeld von Verdichtungsräumen wie etwa in der Bamberger und Straubinger Gegend. Das Fichtelgebirge sei dabei als touristisch geprägter ländlicher Raum zu sehen. Besonders bei der jungen Generation sei ein Wertewandel gegenüber materiellen und Sachwerten zu beobachten. Vielfach werde mehr auf ein ausgewogenes Familienleben anstelle des früheren Arbeitsschwerpunkts Wert gelegt.

Hochschulen und außeruniversitäre Forschungsstätten seien zentrale Motoren der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung. "Was wären Oberfranken und die Oberpfalz ohne diese Einrichtungen. Ein Zukunftsschwerpunkt sei auch der Bereich Gesundheit. Durch die geänderte Altersstruktur entstünden neue Märkte durch Dienstleistungen für ältere Menschen. Für die nächsten 15 bis 20 Jahre werde ein weiterer Bevölkerungsrückgang in den Regionen vorausberechnet. Die Altersstruktur werde sich gegenüber den Ballungsräumen weiter in Richtung Rentenalter bewegen. "Allerdings sind diese Prognosen sehr zurückhaltend zu betrachten, was aktuelle Beispiele wie Tesla in Brandenburg oder Investitionen wegen neuer Fahrzeugtechnologien zeigen". Es gelte vorhandene Arbeitsplätze wie in der Automobilzulieferindustrie oder wissenschaftlichen Einrichtungen zu sichern. Neben medizinischer Versorgung nehme unter anderem der nahe Zugang zu Bildungsstätten bei der Wohnortentscheidung von Familien eine Schlüsselrolle ein. "Wir sollten unbedingt die kleinen kommunalen Krankenhäuser erhalten", betonte die Referentin eindringlich.

Stärker mit Heimat identifizieren

Neben dem Bedarf an Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen müssten auch der öffentliche Nahverkehr ausgebaut und die täglichen Bedürfnisse bei der Versorgung und im Bankenwesen gesichert werden. Nicht vergessen dürfe man die Erhaltung der kulturellen Angebote. Es gelte besonders das Heimatbewusstsein und die Identifizierung mit der Region wieder stärker zu fördern.

Wesentlicher Kernpunkt des Vortrags war die Forderung nach interkommunaler Kooperation und der professionelle Ausbau des Tourismus. "Nicht jede Kommune braucht einen Bauhof, eine Schule oder ein Schwimmbad". Hier sollte durchaus der Begriff "Große Landstadt" geprüft werden. Eine Vielzahl an konkreten Maßnahmen hatte die Referentin parat - etwa mobile Kindergärten, Dorfläden und Landärzte, Online-Sprechstunden, neue Wohnkonzepte für ältere Menschen. Im Tourismus ist nach Ansicht der Referentin etwa ein deutlicher Trend zu hochwertigen Übernachtungsmöglichkeiten, zu Kurzaufenthalten und vor allem zu einem Urlaub in Deutschland. Senioren seien verstärkt auf Reisen und suchten Erholung beim Wandern oder Radfahren.

Gemeinsame Kraftanstrengungen

In der Diskussion wurde bemängelt, dass es zu wenige die Regionen überschreitende Verkehrsverbindungen gebe. Die gesamte Wirtschaft sei auf stetiges Wachstum ausgerichtet. Wie man jedoch am Beispiel der Agrarwirtschaft sehen könne, erledige sich dies durch ökologische, nachhaltige und regionale Bio-Produktion in gewissem Maße von selbst. Wie die beiden regionalen Fahrradhersteller und auch andere Firmen beweisen, müsse man für die Region nicht "schwarz" sehen. Jedoch seien gemeinsame Kraftanstrengungen notwendig.

Als nachteilig empfunden wurden von den Diskussionsteilnehmern die kleinen kommunalen Strukturen. Hier sollten durch eine "Gebietsreform von unten" größere Einheiten oder Kommunalverbände geschaffen werden, die über eigene Spezialisten verfügen und handlungsfähiger sind. Der Anstoß dazu sollte jedoch von der Bürgerschaft kommen - "für und nicht gegen etwas sein". Voraussetzung für eine positive Entwicklung sei die Identifikation der Menschen mit ihrer Region im Sinne von "Ich bin Fichtelgebirgler bzw. Stiftländer".

Trampen können Senioren an diesen Mitfahr-Bänken.
Die Referentin :

Dr. Gabi Troeger-Weiß ist seit 1. Oktober 2000 Inhaberin des Lehrstuhls für Regionalentwicklung und Raumordnung an der Technischen Universität Kaiserslautern. Die 1958 in Hof geborene und in Bayreuth wohnende Universitätsprofessorin war von 1994 bis 2001 Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Bayern in der Euregio Egrensis und ist seit 2008 Geschäftsführerin des Forums Zukunft in Oberfranken. Seit 2010 ist sie Mitglied im Beirat für Raumentwicklung des Bundesministers des Inneren, für Bau und Heimat.

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