14.05.2021 - 15:12 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Kriegsende in Waldsassen: Bei Kerzenschein im Keller

"Ja, genauso war das damals", mögen sich Leser, die die letzten Kriegstage in Waldsassen miterlebten, bei der Lektüre der Aufzeichnungen des Buchbindermeisters Josef Danzer gedacht haben. Auch Renate Günder aus Lohr am Main erging es so.

Noch 20 Jahre nach dem Kriegsende waren in Waldsassen Folgen von Kampfhandlungen zu sehen. Das Foto aus dem Jahr 1965 zeigt die Überreste eines Stadels des Anwesens Luitpoldstraße14 (Wertl), der im Mai 1945 angebrannt war.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Nach dem Bericht von Oberpfalz-Medien über die Geschehnisse im Stiftland im Frühjahr 1945 meldete sich die Seniorin, Jahrgang 1941, per E-Mail bei der Redaktion und schilderte ihre Erlebnisse. Die Familie lebte im Haus Gallerstraße 7 (heute Otto-Freundl-Straße). "Das Haus haben die Großeltern 1908 gebaut", berichtet Renate Günder und erinnert sich noch genau an die letzten Kriegstage.

"Ich war ein Kleinkind, 4 Jahre alt, als die Amerikaner in Waldsassen einmarschierten." Das ganze Haus sei besetzt worden. "Und wir 6 Familien saßen im Keller bei Kerzenschein." Dazu informiert Renate Günder im Gespräch, dass jeder Familie jeweils eine Küche und ein Zimmer zur Verfügung standen.

Gewehr im Anschlag

"Das sind bleibende Erinnerungen, das können Sie mir glauben", erzählt Renate Günder weiter. Sie habe ein Bild noch genau vor Augen, als ein dunkelhäutiger Soldat, das Gewehr im Anschlag, in den düsteren Keller kam. "Als ich seine weißen Zähne blitzen sah, schrie ich wie am Spieß!", erinnert sich die Seniorin und fügt hinzu: "Schwarze Menschen kannte ich ja nicht."

Die Amerikaner wohnten dann in den Etagen über den Familien. "Wir rochen guten Bohnenkaffee bis in den Keller." Der Geruch war den Kindern bis dahin unbekannt - die Mütter erklärten ihnen, was da so aromatisch duftete. "Nach zwei Tagen zogen die Amerikaner überstürzt wieder aus", berichtet Renate Günder weiter und nennt auch den Grund dafür: "Ich hatte Keuchhusten und hustete Tag und Nacht."

Angst vor Ansteckung

Die Mutter erklärte der Tochter später, dass die Amerikaner panische Angst vor einer Ansteckung gehabt hätten. "Also hatten wir unsere Wohnräume wieder." Renate Günder erinnert sich noch daran, dass die Amerikaner zum Dank Kaffee und Perlonstrümpfe für die Hausfrauen zurückgelassen hatten. Die Soldaten seien alle sehr freundlich gewesen, allerdings habe es keinen persönlichen Kontakt gegeben.

"Als ich seine weißen Zähne blitzen sah, schrie ich wie am Spieß. Schwarze Menschen kannte ich ja nicht."

Renate Günder über einen dunkelhäutigen amerikanischen Soldaten im Keller des Elternhauses in Waldsassen

Erinnerungen an das Kriegsende in Waldsassen

Waldsassen
Hintergrund:

Enger Kontakt zur Heimatstadt

  • "Ich war immer mit der Heimat verbunden", sagt Renate Günder, geborene Mahr, auf Anfrage von Oberpfalz-Medien am Telefon. 1959, als sie 18 Jahre alt war, verließ ihre Familie Waldsassen: Der Vater, der am Landratsamt Tirschenreuth arbeitete, ließ sich nach Lohr am Main versetzen.
  • Renate Günders aus Bamberg stammender Vater kam durch den Umzug seiner Heimat wieder näher. Ihre Mutter, eine geborene Schiml, hielt den engen Kontakt in die Heimatstadt Waldsassen aber stets aufrecht. Mittlerweile seien aber alle Angehörigen im Stiftland verstorben.
  • Aus gesundheitlichen Gründen kann Renate Günder ihre Heimatstadt inzwischen nicht mehr besuchen. Ihre Schwester Veronika, die im Juni 75. Geburtstag feiert, kommt jedoch regelmäßig in die Klosterstadt und mietet sich dazu immer im Gasthof Sommer in Kondrau ein.

 

 

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