27.08.2020 - 11:02 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Leidenschaft Fallschirmspringen: Freier Fall aus 4000 Metern Höhe

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Während andere in ihrer Freizeit gerne Fahrrad fahren oder lesen, geht der Waldsassener Daniel Reinl zum Fallschirmspringen. Immer und immer wieder. Ihn reizt der Kick beim Absprung, das Gefühl des Fallens. Warum tut er sich das an?

Daniel Reinls Leidenschaft ist das Fallschirmspringen. Es ist ein Hobby, das nicht unbedingt alltäglich ist.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Es ist ein Gefühl von grenzenloser Freiheit. Der Kopf ist in diesem Moment komplett frei. Völlige Entspannung. So beschreibt Daniel Reinl (32) nicht etwa eine Mountainbike-Tour durch die heimischen Wälder, sondern den freien Fall aus 4000 Metern Höhe. "Es ist wie eine Droge", sagt er – und grinst.

Daniel Reinl könnte man so etwas wie einen Ur-Waldsassener nennen, er ist eng verwurzelt mit der katholisch geprägten Stadt, engagiert sich unter anderem im Verein "Save the Scene". Er ist hier geboren und, bis auf zwei Ausnahmen, immer geblieben. Seine Lehre hat er hier gemacht, Bauzeichner, 15 Jahre lang in der gleichen Firma gearbeitet. Viel auswärts sei er gewesen, auf Baustellen, in allen möglichen deutschen Großstädten. Und trotzdem kam er jedes Wochenende wieder zurück in die Heimat.

"Ich wollte einfach in der Gegend bleiben, mein Freundeskreis hat mich immer heimgezogen." Natürlich war er als Kind Mitglied in der Blaskapelle, natürlich spielte er im heimischen Fußballverein. "Aber", sagt er und zuckt mit den Schultern, "irgendwann wurde mir das zu langweilig."

Immer das Extreme geliebt

Das Extreme, sagt Reinl, hat er schon immer geliebt. Während andere Kinder Blockflöte lernten, spielte er, musikalisch begabt, schon früh Schlagzeug. Eine Zeit lang rappte er, dann wurde auch die Musik härter. Bei Reinl, so scheint es, gibt es keinen Mittelweg. Mehrere Schicksalsschläge habe er in seinem Leben erlitten, sagt er. Immer wieder sei er aufgestanden. Und nun springt er Fallschirm. Für sein Hobby fährt er mehrmals pro Jahr ins tschechische Pribram, 61 Kilometer von Prag entfernt.

Mittlerweile hat er schon 160 Sprünge hinter sich. An einem Tag stürzt er sich drei bis fünf Mal aus dem Flieger. Reinl nennt das einen "Sprung ins Nichts". Den besonderen Adrenalinkick habe er direkt beim Absprung. Wenn sich der Magen verdreht, fast wie bei einem Überschlag mit der Achterbahn. Aber irgendwie anders. "Das kann man mit nichts vergleichen."

Im freien Fall, mit einer Geschwindigkeit von 200 km/h, sei der Kick dann weg. Der flaue Magen weicht einem Gefühl von grenzenloser Freiheit, wie er sagt. Eine knappe Minute dauert der Sturz. Im Kopf zählt Reinl die Sekunden runter, im richtigen Moment muss er den Fallschirm öffnen. Es ist eine High-Tech-Sportart mit vielen Sicherheitsmechanismen. Höhenwarner im Ohr, Höhenmesser am Handgelenk, technisierter Rucksack, der im Notfall automatisch den Fallschirm öffnet. Trotzdem hat Reinl an seinem linken Handgelenk einen analogen Höhenmesser tätowiert.

Faszination fürs Fliegen

Warum tut man sich diesen Sport an? Reinl lacht bei der Frage. Und muss kurz nachdenken. "Fliegen hat mich schon immer fasziniert." Als kleiner Junge habe er gerne Superheldenfilme geschaut, seine Idole waren die, die fliegen konnten. Für ihn, den Kopfmenschen, der "alles durchdenkt", sei der Fallschirmsprung außerdem ein Ventil zum Abschalten. "Da oben sind keine Menschen, keine Autos, keine Vollidioten." Reinl lacht, wenn er das sagt, aber meint es doch ernst.

Er erinnert sich noch ganz genau an seinen ersten Sprung, damals 2014. Daran, wie sich das einfach so ergeben hat. "Ich war mit meiner Familie in Waldsassen beim Essen und mein Bruder hat ganz beiläufig erwähnt, dass er bald in Tschechien Fallschirm springen wird." Er habe seinem Bruder sofort gesagt, dass er mitkommen wolle. "Für mich war das damals auch eine Art Therapie", gibt er zu. Er habe sich an einem Tiefpunkt befunden, den er überwinden wollte.

Die Brüder machten einen Tandemsprung, beide waren jeweils an einen geübten Springer gebunden, den man in der Fachsprache Tandem-Master nennt. "Ich war danach so geflasht von der Erfahrung, dass ich das unbedingt selber machen wollte." Reinl machte einen Kurs, lernte die Theorie am Hangar in Pribram und die Praxis in einem Windkanal in Prag.

Doch mittlerweile, nach all den Jahren und der wachsenden Erfahrung, tauche auch bei ihm der Gedanke auf: Was, wenn etwas passiert? "Ich war niemals leichtsinnig oder naiv", macht Reinl klar, er habe immer viel Respekt vor der Sportart gehabt. "Aber früher habe ich nie daran gedacht, dass da etwas sein könnte."

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Es gibt Momente, in denen auch er, der Adrenalin-Junkie, plötzlich Angst hat. An einen Vorfall erinnert sich Reinl gut: nämlich, als sein Schirm nicht sofort aufging. Er wird plötzlich ernst, als er davon erzählt. "Ich habe wie immer meinen Höhenmesser kontrolliert, dann war es soweit und ich wollte meinen Fallschirm öffnen", sagt er. Er zog am Auslösegriff, doch es passierte nichts. Die Sekunden verstrichen, Reinl stürzte weiter in die Tiefe. Dann, plötzlich, ging der Schirm doch auf. "Es war nur ein kurzer Moment", sagt Reinl. Doch der brachte ihn zum Nachdenken.

Trotzdem springt Reinl weiter. "95 Prozent der Todesfälle beim Fallschirmspringen sind auf menschliches Versagen zurückzuführen", sagt er. In Tschechien seien die Sicherheitsvorkehrungen außerdem "viel strenger". In diesem Jahr plant Reinl, der immer auf der Suche nach dem nächsten Kick ist, sogar eine Schippe draufzulegen: Im Oktober will er aus einem Heißluftballon springen.

Immer höher, immer extremer. Ob er Angst hat, dass der Reiz irgendwann nachlässt, es irgendwann nicht noch extremer geht? Reinl lacht und schüttelt den Kopf. "Es dauert Jahre, um die nötige Erfahrung zu sammeln - man kann in dem Sport ja so viel machen." Es gehe immer noch höher, noch schneller und noch verrückter. Reinl zeigt auf seine Tattoos am Arm. Sein Motto trägt er unter der Haut: "Nutze jeden Tag."

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Mitterteich
Daniel Reinl (32) bringt es schon auf über 150 Fallschirmsprünge.
Hintergrund:

Musikalisches Talent

Daniel Reinl (32) ist in seiner Heimat nicht unbedingt als Fallschirmspringer bekannt, sondern eher in der Musikbranche. Kürzlich veröffentlichte er mit seiner Band "Stick Around", in der er Schlagzeug spielt, sein erstes Album. Außerdem komponierte er im Jahr 2013 mit zwei Freunden die offizielle Wörthersee-Hymne, und nochmal 2015 für das weltgrößte VW-Treffen. Bis heute ist der Name "GTI-Brothers" ein Begriff am See.

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