01.01.2021 - 15:06 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Ein Meistergeiger genießt seinen Lebensabend in Waldsassen

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Attila Kubinyi war auf internationalen Bühnen unterwegs. Nun ist der 86-jährige gebürtige Ungar im Ruhestand und blickt auf ein bewegtes Musikerleben zurück.

Attlia Kubinyi erzählt auch viel von seiner Kindheit in Ungarn, wo er in einer Musikerfamilie aufgewachsen ist und im Alter von neun Jahren die Geige erlernte.
von Ulla Britta BaumerProfil

Attila Kubinyis Wohnung könnte auch ein Museum sein. Die fahle Wintersonne scheint durchs Fenster auf stilvolles, antikes Mobiliar. Ein Berberteppich deckt den Fußboden der guten Stube ab. In der Ecke wartet die große Standuhr darauf, wieder den Gong anzugeben zur vollen Stunde.

"Das Haus wurde im 18. Jahrhundert erbaut", sagt der Geiger, der aus Ungarn stammt. Die Möbel, erzählt er verschmitzt lächelnd, habe er aus Ungarn "rausgeschmuggelt". Kaum vorstellbar, dass man Möbel schmuggeln muss. Attila Kubinyis Alter erklärt das. Der Musiker ist 86 Jahre alt, bereits als junger Mann hat er Ungarn verlassen.

Keine Chance auf eine Karriere

Nach seinem Musikstudium und dem Staatsexamen im Alter von zarten 21 Jahren arbeitete Kubinyi als Solist in der Ungarischen Philharmonika gewesen. "Aber die haben mich nicht gemocht und mich als Kastengegner eingestuft. Als er damals durchs Raster des ungarischen Regimes fiel, hatte er keine Chance mehr auf eine Karriere. Kubinyi wurde entlassen. "Danach wäre es aus gewesen mit der Geige. Kein Mensch hätte mich jemals wieder genommen."

Der gebürtige Budapester entschloss sich in jungen Jahren, nach Deutschland zu immigrieren. 1965 sei das gewesen, erinnert er sich. Er landete in München, danach konnte er in Regensburg den Domspatzen vier Jahre lang Geigenunterricht geben. "Die Domspatzen müssen sich während ihrer Musikausbildung für ein Instrument entscheiden. Das gehört zum Unterricht", erklärt er, warum die Regensburger Sänger einen Geigenlehrer brauchen. Bayern hätte ihm von Anfang an gut gefallen, sagt Kubinyi. Doch Regensburg sollte nicht dauerhaft eine neue Heimat für den Ungarn bleiben.

Mit Pianist Franz Wellnhammer

Das schöne Bayern habe ihm immer gut gefallen, erzählt er weiter. Dennoch verfolgte er seine Geigerkarriere mit einem Umzug nach Iserlohn nahe Dortmund. 25 Jahre lang lernte Kubinyi in Iserlohn an der Städtischen Musikschule Kindern und Erwachsenen das besondere Spiel der traditionsreichen ungarischen Geige. Mit den rassigen Geigenspielern am Plattensee, die in den 70er Jahren auch Scharen von Touristen aus Westdeutschland am Abendtisch unterhielten, habe das nichts zu tun, erklärt der Violinist lachend.

Seine private Karriere mit dem schönen Instrument baute er in der Freizeit auf. Er fand mit Pianist Franz Wellnhammer, den er während seiner Laufbahn bei den Domspatzen in Bayern kennengelernt hat, einen Partner für ein Duo, das auf internationalen Klassikkonzerten für große Aufmerksamkeit sorgte. Später habe er sich auch dem Klassik-Jazz gewidmet, erzählt der Musiker weiter. Mit Weilnhammer hat Kubinyi auch einige Schallplatten und CDs herausgebracht.

Tonträger alle vergriffen

Stolz erzählt er, dass das Weltunternehmen Records seine Musik veröffentlicht habe und dass seine Schallplatten, unter anderem mit Werken von Komponist Bela Bartok, später auch als CD gut weitergelaufen sei. Heute seien die Tonträger alle bereits vergriffen, sinniert Kubinyi über eine aufregende Zeit als Geiger, die ihn zu Konzerten in ganz Europa und darüber hinaus geführt haben.

Selbst komponiert hat Kubinyi nie. Seine Liebe galt den großen Klassikern für Geigenspiel. Auf die Frage wie und warum es ihn ausgerechnet nach Waldsassen verschlagen habe, lächelt Kubinyi leicht. Er sei im Urlaub einmal hier gewesen und habe Waldsassen nie vergessen, sagt er. Zum "Warum" lautet seine knappe, prägnante Antwort: "Ruhig, beschaulich, friedlich." Mit Silvia Schuster, die bereits verstorben ist, fand er zudem im Stiftland seine zweite große Liebe.

Keine Rückkehr nach Ungarn

Nach Ungarn, erzählt er weiter, habe er nie zurückkehren wollen. "Ich wurde deutscher Staatsbürger und musste damals sogar die Staatsbürgerschaft für Ungarn abgeben." Natürlich sei er der Familie treu geblieben und immer wieder einmal in die Heimat gereist. Aber hier in Bayern gefalle es ihm eben besser, schwärmt Kubinyi. Leider könne er nun die Geige nicht mehr in die Hand nehmen, verrät er. Das Alter sei nicht zu verleugnen. Aber man könne ihn noch hören, im Internet, fügt er an. Ansonsten führe er hier ein bescheidenes Leben.

"Da habe ich auch das eine oder andere Oberpfälzer Wort gelernt."

Attila Kubinyi über seine Kneipenbesuche in Waldsassen

Was ihm einzig momentan fehle, seien die Stammtische in den Waldsassener Kneipen, die wegen Corona nun geschlossen seien. "Da habe ich auch das eine oder andere Oberpfälzer Wort gelernt." Dass der Mann, der einst auf großen Bühnen auftrat, in der Klosterstadt völlig unentdeckt und ganz ohne Öffentlichkeit lebt, passt zu seinem bescheidenen Lebensstil. Dennoch freut sich der Meistergeiger aus Ungarn sehr auf den unerwarteten Besuch von Oberpfalz-Medien. "Schön, dass jetzt was über mich geschrieben wird", sagt der freundliche Mann und bedankt sich.

Unter den wenigen Konzerten im Jahr 2020 in Waldsassen gab es ein herausragendes Konzert mit Streichinstrumenten

Waldsassen
Die von der Plattenfirma Records veröffentlichten Schallplatten und CDs sind längst vergriffen. Aber Attila Kubinyi hat noch viel Prospekte von damals, als er mit weiteren Musikern als Duo oder Trio auf vielen Bühnen Klassikkonzerte gab.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.